Des Teufels Leibwächter Die Geheimnisse des letzten lebenden Hitler-Vertrauten

Im Mai 1945 quittierte Rochus Misch seinen Dienst im Führerbunker. Jahrelang hatte er im Umfeld Hitlers gelebt und gearbeitet. Heute wird der letzte noch lebende Zeitzeuge aus der Entourage des Diktators 90 Jahre alt - und will sich letzte Geheimnisse bewahren.

Von Ralf Simon


Berlin - Das Verrückteste waren, sagt er, die zwei Gitarrenspieler im U-Bahnhof "Kaiserhof". "Ich komme aus einem Todesbunker, das ganze Drama, und da ist Musik. Die spielten Hawaii-Musik!" Es ist der 2. Mai 1945 in Berlin, gegen sechs Uhr morgens. Nahe der Reichskanzlei verlängern französische SS-Männer und deutsche Wehrmacht noch immer das Sterben im Zweiten Weltkrieg, und Rochus Misch versucht, dieser Hölle zu entkommen. Lebendig.

Eine Stunde vorher hatte Misch, damals 27 Jahre alt, seinen Dienst für "Führer, Volk und Vaterland" im sogenannten Führerbunker unter der Reichskanzlei quittiert - natürlich ordnungsgemäß, wie es sich für einen Soldaten gehört. Er habe Goebbels gefragt, ob noch was für ihn zu tun sei. "Herr Reichskanzler, ich möchte doch mit den Kameraden weg." Zu dem Zeitpunkt ist die Rote Armee vielleicht noch 200 Meter von Mischs Arbeitsplatz der letzten sechs Jahre entfernt. Misch war Adolf Hitlers Leibwächter und Telefonist - und einer der letzten, die den Bunker verließen. Und er hat alle überlebt. Er ist der letzte Zeuge.

Rochus Misch wohnt in einem Zweifamilienhaus in Berlin. Die Gegend hat etwas Dörfliches, die Nachbarn kennen und grüßen sich, es ist, eigentlich, eine ruhige Ecke. Nur bei Rochus Misch nicht. Das Telefon klingle dauernd, beklagt er sich, und auf dem Tisch stapelten sich schon wieder die Briefe. Selbst aus Japan, Spanien und den USA bekäme er Post. Mit Geldscheinen drin und mit Anfragen nach Autogrammen. Erst neulich habe er wieder einen Satz Fotos bestellt. Die unterschreibe er dann und schicke sie zurück. Die Fotos zeigen Misch in Uniform, vor zwei Bunkern, vor 65 Jahren. Der Krieg lässt Misch nicht los.

Geboren 1917 im oberschlesischen Oppeln (heute Opole in Polen), wird Rochus Misch mit zwei Jahren Vollwaise. Er wächst bei den Großeltern auf, wird nach dem Schulabschluss Werbemaler. Und tritt 1937 in die sogenannte Verfügungstruppe ein, dem Vorgänger von Hitlers SS-Leibstandarte. Während des Krieges in Polen wird er schwer verwundet, als er die Übergabe einer polnischen Kampfstellung verhandeln soll. Danach beginnt das, was Misch noch heute lapidar "Soldatenschicksal" nennt.

"Ich hatte Angst. Bloß nicht dem Führer begegnen"

Während seiner Genesungszeit empfiehlt ihn sein Kompaniechef dem "Führerbegleitkommando", weil der letzte Verbliebene einer deutschen Familie nicht an der Front stehen solle. Man habe ihn in ein Auto gesetzt und in die "Führerwohnung" nach Berlin gebracht, in die Reichskanzlei, erzählt er. Dort wurde er vom Chefadjutanten Hitlers eingewiesen. "Und ich hatte Angst. Bloß nicht dem Führer begegnen. Der Führer war doch für mich 'der Führer', wie für alle Deutschen." Und dann ging der Chefadjutant zur Tür, und dahinter stand: Hitler. Ihm sei eiskalt gewesen, sagt Misch, und dass Hitler ihm einen Brief für seine Schwester in Wien gegeben habe. "Das war die erste Begegnung. Das war kein Monster, das war kein Übermensch, der stand mir gegenüber wie ein ganz normaler Herr. Mit netten Worten."

Rochus Misch kennt viele solcher Momente, und er erzählt sie nun schon seit Jahren. Oft sogar, das merkt man, wenn man Interviews vergleicht, in denselben Worten. So, als ob sie sich eingebrannt hätten. Er erzählt sie den japanischen Touristen, die unangemeldet vor seiner Tür stehen, ebenso wie den Journalisten internationaler und lokaler Zeitungen. Willy Brandt sei bei ihm zu Besuch gewesen, sagt er, und auch mehrere Filmemacher. Guido Knopp etwa, aber auf ihn ist Misch nicht gut zu sprechen. Warum, will er nicht verraten. Und auch nicht das letzte Geheimnis, das sich um die letzten Tage im Bunker rankt.

Eigentlich ist jede Minute protokolliert, alles bekannt - nur nicht, wer Hermann Fegelein, verheiratet mit Eva Brauns Schwester und damit so gut wie Hitlers Schwager, erschoss. Fegelein war der Verbindungsoffizier Heinrich Himmlers bei Hitler und hatte sich am 27. April unerlaubt aus dem Bunker entfernt. Vom Reichssicherheitsdienst in seiner Berliner Wohnung in der Bleibtreustraße verhaftet, wurde der SS-General am 29. April hingerichtet. "Kriminalrat Högl, der Vertreter von Rattenhuber, hat den Befehl gegeben, Fegelein zu erschießen. Das weiß ich von einem Reichssicherheitsdienstbeamten, dessen Kollege Fegelein erschossen hat. Dessen Namen weiß ich - aber der bleibt bei mir", sagt Misch.



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