Die Nacht, in der die Mauer fiel: "Wir fluten jetzt"

Von Georg Mascolo

Die DDR-Grenzbeamten an der Bornholmer Straße in Berlin hatten als erste die Lage erkannt: Zweieinhalb Stunden nach der dubiosen Erklärung des Politbüro-Sprechers Schabowski öffneten sie den Schlagbaum und läuteten damit das Ende der DDR ein. Lediglich ein Kamerateam filmte den historischen Augenblick: ein Team von SPIEGEL TV.

Grenzübergang Bornholmer Straße, 23.20 Uhr: "Das ist etwas ganz Besonderes"
SPIEGEL TV

Grenzübergang Bornholmer Straße, 23.20 Uhr: "Das ist etwas ganz Besonderes"

Wie fühlt er sich an, der Morgen, nachdem es gelungen ist, aufregende, spektakuläre Bilder von der Öffnung der Mauer zu drehen? Ich kann mich noch gut erinnern, weil Frust und Enttäuschung so tief saßen. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag, bis zur nächsten Sendung von SPIEGEL TV also noch drei Tage. "Was sollen wir da noch zeigen, was nicht alle anderen in diesen bewegten, historischen Tagen schon rund um die Uhr ausgestrahlt haben", fragte ich mich. "Das will doch dann keiner mehr sehen."

Kameramann Rainer März und sein damaliger Assistent, Germar Biester, ein erstklassiges Team, mit dem ich während der Wendezeit in der DDR arbeiten durfte, hatten mehr Gespür: "Das, was wir in der Bornholmer Straße erlebt haben, ist etwas ganz Besonderes", behauptete Rainer März hartnäckig.

Erst als ich am Abend, zurück von einem weiteren Drehtag, im Hotel durch die verschiedenen Sondersendungen zappte und nur Bilder der Trabischlangen und johlenden Menschen sah, begann ich zu hoffen: Vielleicht hatten wir an diesem Abend wirklich besonderes Glück gehabt. Und tatsächlich: Die Bilder von der Bornholmer Straße sind bis heute so einzigartig, weil sie eine Geschichte erzählen. Wer sie anschaut, kann noch immer die Dramatik dieser Nacht spüren, er erahnt die Gefühle der Ost-Berliner und die Unsicherheit des untergehenden Staatsapparates der DDR. Er erfährt, dass das Ende des tödlichen Bauwerks in dieser Nacht nicht das Ergebnis eines wohl durchdachten Planes des Politbüros war, sondern von den Menschen in der DDR erstritten wurde.

Wären wir an unserer Hotelbar im damaligen DDR-Grandhotel "Unter den Linden" unweit des Brandenburger Tors sitzen geblieben, würde es die Aufnahmen nicht geben. Politbüro-Sprecher Günter Schabowski hatte ein paar Stunden zuvor auf der weltberühmt gewordenen Pressekonferenz Reisefreiheit für die DDR-Bürger verkündet. Aber was genau er damit gemeint hatte und wer nun wirklich fahren durfte, darüber debattierten bei Radeberger vom Fass erfahrene Korrespondenten mit den angereisten Neulingen. Nach meinen Erinnerungen sagten an diesem Abend nicht einmal die wagemutigsten Analytiker den Fall der Mauer und das Ende der Teilung des Landes voraus.

Die Ratlosigkeit war groß, und wir waren uns einig, dass eine Hotelbar der falsche Ort ist herauszufinden, was sich tut. In Berlin-Mitte wohnten damals die Funktionäre, Diplomaten, Beamten. "Geht dahin, wo die Menschen sind", hatte SPIEGEL-TV-Chef Stefan Aust beim Abschied in Hamburg geraten. Wir fuhren also zum Prenzlauer Berg, schon damals die Hochburg der Literaten und der Kultur-Szene. Hier reichten die Häuser direkt bis an den Grenzübergang Bornholmer Straße. Wenn, dann musste hier etwas passieren.

Wartende am Grenzübergang: "Geht dahin, wo die Menschen sind"
SPIEGEL TV

Wartende am Grenzübergang: "Geht dahin, wo die Menschen sind"

Auf den Straßen war es ruhig, und deshalb landeten wir erst einmal wieder in einem Lokal. An der Theke gab es kein anderes Thema als Schabowskis Erklärung. Allerdings waren auch die DDR-Bürger so ratlos wie die West-Korrespondenten, was die Aussage denn nun bedeutete. Aber das SED-Regime befand sich längst in der Defensive, und die Menschen waren bereit auszuprobieren, wie weit die neuen Freiheiten reichten. Als die ersten entschieden, es in dieser Nacht herauszufinden, und an die Grenze marschierten, schlossen wir uns an.

Vor dem Übergang stauten sich bereits die Trabis, immer mehr Menschen zogen zur Mauer. Erst ließen die verunsicherten Grenzer nur wenige durch. Dann begannen am Schlagbaum des Überganges die Menschen zu skandieren. "Wir wollen rüber", hießen die Parolen, gefolgt von einem Versprechen: "Wir kommen zurück."

Auch andere Kamerateams erschienen, blieben einige Minuten, fuhren aber dann weiter. Wir wussten nicht, ob sich in diesen Minuten in der Stadt andernorts ähnlich dramatische Szenen abspielten, und entschieden zu bleiben. Das SPIEGEL-TV-Team stand schließlich direkt am Schlagbaum - und prompt gab es Ärger mit den Grenzern. Um die Szenerie zu filmen, hatten wir die Sperre überstiegen und standen - für jeden DDR-Grenzer eine Provokation - direkt auf dem Übergang. Einer verlangte die Pässe und drohte, uns in den Westen auszuweisen. Ich stritt noch mit ihm herum, da wurde direkt neben uns der Riegel des Schlagbaums gelöst, die Menschen drängten auf den Übergang. Das war das erste Loch in der Mauer. Erst später wurden auch an anderen Grenzübergängen die Kontrollen eingestellt.

Beamte, Ausreisewillige: Was bedeutete die Aussage Schabowskis?
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Beamte, Ausreisewillige: Was bedeutete die Aussage Schabowskis?

Ein Jahr später ist das Team noch einmal zurückgekehrt und hat mit Hilfe des Journalisten Wolfgang Tietze die Ereignisse der Nacht rekonstruiert. Die meisten der Grenzer fanden wir in den damals eingesetzen "Rekultivierungskommandos". Sie mussten das Bauwerk, das sie 28 Jahre lang bewacht hatten, abreißen.

Erst in den Gesprächen haben wir den anderen Teil der Geschichte der Nacht des 9. Novembers erfahren: Einen Befehl, die Mauer zu öffnen, gab es nicht. Klare Anweisungen bekamen die Grenztruppen nicht, es herrschte nur Konfusion. Als die ersten Menschen ihre Ausreise verlangten, versuchte es das sterbende Regime noch einmal mit einem Trick: Wer drängte, wurde mit einem Stempelabdruck neben dem Passfoto in den Westen geschickt - die Rückkehr sollte ihm verwehrt werden.

Der Fall der Mauer

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Wir erfuhren auch, dass es die beiden Kommandanten der Bornholmer Straße, Edwin Görlitz und Harald Jäger, waren, die gegen den Befehl aus der Stasi-Zentrale den Schlagbaum öffnen ließen. Beide hatten die Aussichtslosigkeit erkannt und befürchtet, dass die Menschen sie einfach überrennen würden. Harald Jägers letzte Meldung an die Stasi-Oberen hieß: "Es ist nicht mehr zu halten. Wir fluten jetzt."

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