Hiroshima-Manga: "Es war wie eine Zombie-Parade"

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Die Kindheit von Keiji Nakazawa endet an einem sonnigen Montagmorgen. Über der japanischen Stadt Hiroshima wird die größte Massenvernichtungswaffe der Menschheitsgeschichte abgeworfen. 20 Jahre später beginnt Nakazawa, die furchtbaren Erlebnisse seiner Kindheit in Mangas zu verarbeiten.

Schön ist die Heimat. Fröhliche Kinder, Weizenähren wiegen sich im Wind, die Sonne scheint. Sicher, die Menschen hungern, es gibt Streit ums Essen und ab und zu mal einen Luftalarm, doch die Durchhalteparolen von oben geben Grund zur Hoffnung: Das Kriegsende scheint nahe. Eine trügerische Idylle beschreibt Keiji Nakazawa auf den ersten Seiten seiner Autobiografie "Barfuß durch Hiroshima". Denn es ist der 6. August 1945, und um 8.15 Uhr bricht das Inferno los.

Der Sechsjährige ist gerade auf dem Weg zur Schule. Kurz bevor er dort ankommt, spricht ihn die Mutter eines Klassenkameraden an. Der Junge bleibt stehen, um der Frau zu antworten. Am Himmel taucht ein Flugzeug auf, Keiji erkennt: "Eine B-29!" Es ist die "Enola Gay". Der Bombenschacht der Maschine öffnet sich. "Sie lässt etwas Weißes fallen", ruft der Junge. 43 Sekunden später explodiert die Atombombe "Little Boy", 600 Meter über der Stadt.

KEIJI NAKAZAWA

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Von einem Moment auf den anderen liegt die Stadt in Schutt und Asche. Zehntausende Menschen sind auf der Stelle tot, andere liegen schreiend in den Trümmern ihrer Häuser oder irren durch die Straßen. Keiji findet sich unter der zusammengebrochenen Mauer seiner Schule wieder. Als er unter den Steinbrocken hervorkriecht, fällt sein Blick auf die Frau, mit der er noch kurz zuvor gesprochen hat. Sie ist tot. Ihr Gesicht ist in der mehrere tausend Grad heißen Hitzewelle förmlich geschmolzen, ihr Körper liegt unter Trümmern begraben.

Als er wieder zu sich kommt, bahnt sich der Junge den Weg zu seinem Elternhaus. Er versteht nicht, was passiert ist. Seine Heimatstadt erkennt er nicht mehr. "Die Häuser sind alle plattgedrückt!" Er sieht Menschen, denen die Haut in Fetzen vom Leib hängt. "Die Leute sehen aus wie Monster! Was ist hier los?!" Ein brennendes Pferd galoppiert voller Panik durch die Ruinen. Ein kleines Mädchen steht schreiend am Straßenrand, im Gesicht, in Armen und Augen stecken Glassplitter.

Schwester erschlagen, Vater und Bruder verbrannt

Als Keiji dort ankommt, wo einst sein Elternhaus stand, erwartet ihn das absolute Grauen. Seine ältere Schwester ist von einem Balken erschlagen worden. Sein Vater und sein jüngerer Bruder liegen unter den Trümmern des Gebäudes eingeklemmt. Und der Feuersturm, den die Bombe entfacht hat, kommt unaufhaltsam näher. Mit vereinten Kräften versuchen der Sechsjährige und seine Mutter, die beiden Überlebenden zu befreien. Sie schaffen es nicht, die Flammen erreichen das Haus. Vater und Bruder verbrennen vor ihren Augen.

Autor Nakazawa: Zeichnen als Traumabewältigung
KEIJI NAKAZAWA/privat

Autor Nakazawa: Zeichnen als Traumabewältigung

Keiji Nakazawa hat die Katastrophe überlebt, die Bilder hat er nie vergessen. Zeichnen war eine Art Therapie für ihn und gleichzeitig ein Statement für den Frieden. Gut 20 Jahre nach der Bombe beginnt er damit, seine Erlebnisse in Hiroshima in gezeichneten Geschichten zu verarbeiten.

"Massen von Menschen zogen schweigend die Straße entlang", erinnert er sich an die Minuten und Stunden nach der Explosion. "Es war wie eine Zombie-Parade, ihre Haut hing in Fetzen herunter. Die Hitze der Atombombe erreicht ungefähr 3000 bis 4000 Grad, weißt du, da schmilzt dir die Haut im Handumdrehen vom Körper. Sie schält sich bis zu den Fingernägeln ab und hängt dann einfach herunter. Diese Menschen liefen also mit ausgestreckten Armen herum und schleiften ihre Haut hinter sich her. Manche hatte die Druckwelle ins Gesicht getroffen. Die Augäpfel waren ihnen aus den Höhlen gesprungen und baumelten lose herab. Andere, die von der Schockwelle in den Bauch getroffen wurden, platzten einfach auf. Die Eingeweide quollen ihnen aus dem Leib, und sie versuchten, sie wieder hineinzustopfen." Fast 60 Jahre nach der Katastrophe schildert Nakazawa in einem Interview die Eindrücke noch immer so detailliert, als sei die Bombe erst gestern gefallen.

Nakazawa und seine Mutter finden nach der Katastrophe zunächst Unterschlupf bei Bekannten in einem unzerstörten Vorort Hiroshimas. Weil Nahrungsmittel knapp sind und sich die beiden als mittellose Flüchtlinge dort nicht willkommen fühlen, bauen sie sich später selbst eine bescheidene Hütte, in der sie leben können. Während der Schulzeit entdeckt Keiji Nakazawa seine Liebe zum Zeichnen. Auf dem Pausenhof wird er oft angesprochen, weil seine Klassenkameraden unbedingt Cartoons von ihm haben möchten. Dass er mit Comics seinen Lebensunterhalt verdienen möchte, wird ihm schnell klar.

"Bombenopfer wurden schief angesehen"

Im Alter von 22 Jahren zieht der inzwischen an Leukämie erkrankte Nakazawa nach Tokio. Dort verschweigt er seine Herkunft, sagt niemandem, dass er die Bombe überlebt hat. "Man wurde ziemlich schief angesehen, wenn man darüber sprach, daher hatte ich mir angewöhnt, den Mund zu halten." Viele hatten Angst, sie könnten sich anstecken - mit der Strahlenkrankheit, den Spätfolgen, dem Leid. Der junge Mann lernt zu schweigen. Er zeichnet Comics, die unterhalten sollen, nicht aufklären. Science-Fiction, Baseball-Geschichten, Samurai-Abenteuer.

1966 stirbt Nakazawas Mutter. Er kehrt in seine Geburtsstadt Hiroshima zurück, um sie zu bestatten. In ihrer Asche findet er keine Knochen, obwohl eigentlich Reste in der Urne hätten sein müssen. Die Strahlung habe seine Mutter so zugerichtet, die verdammte Bombe, sagt er. Erschrocken stellt er fest, dass er das Grauen von 1945 all die Jahre verdrängt hat. "Mir wurde klar", erzählt er in einem Interview im Oktober 2003, "dass ich mich nie ernsthaft mit der Bombe, dem Krieg und wie es dazu gekommen war, beschäftigt hatte. Je mehr ich darüber nachdachte, desto offensichtlicher wurde, dass die Japaner sich überhaupt nicht mit diesen Themen auseinander gesetzt hatten. Sie hatten sich ihre eigene Verantwortung für den Krieg nicht eingestanden. Da beschloss ich, von nun an über die Bombe und den Krieg zu schreiben und klarzustellen, wer wirklich die Schuld an allem trug."

Unerträglich, schrecklich, widerwärtig

1968 erscheint der erste Manga von Nakazawa, der sich mit dem Thema Hiroshima beschäftigt. "Niemals, so dachte ich, würde ich den japanischen Kriegstreibern verzeihen, die uns in einen sinnlosen Krieg geschickt und so den Abwurf der Atombombe provoziert hatten", beschreibt Nakazawa den Entstehungsprozess seiner Autobiografie, "genauso wenig wie ich den Amerikanern verzeihen konnte, die Bombe so gleichgültig abgeworfen zu haben." 1972 erscheint ein erster Teil von "Hadashi no Gen" (Der barfüßige Gen) in einem japanischen Manga-Magazin. Zehn Jahre später bringt der Rowohlt-Verlag den ersten Band auf Deutsch heraus. Nun, zum 60. Jahrestag, legt der Carlsen Verlag die ersten vier Bände in einer neuer Übersetzung vor.

Nakazawas Bilder sind schonungslos. Unerträglich, schrecklich und widerwärtig. Und doch muss man immer weiterlesen, gerade wenn man glaubt, es nicht mehr zu ertragen. "Nakazawa ist ein begnadeter Erzähler, der weiß, wie er die Aufmerksamkeit des Lesers fesselt, um ihm auch von jenen Dingen zu berichten, vor denen man lieber die Augen verschließen würde", hat Comic-Ikone Art Spiegelman im Vorwort zu "Barfuß" geschrieben.

Vergessen und verdrängen ist allzu leicht - und allzu menschlich. Mit seiner Autobiografie hoffe er, kommende Generationen vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren, sagt Nakazawa. Dass man diese Botschaft nicht laut genug sagen kann und dem Leser nichts ersparen darf, liegt für ihn auf der Hand. Rassistische Vorurteile, religiöser Eifer und hemmungslose Gier seien allgegenwärtig und eine stete Gefahr für den Frieden. "Wir Menschen", sagt der Autor, "wir Menschen sind törichte Wesen."




Keiji Nakazawa: Barfuß durch Hiroshima (Hadashi no Gen); aus dem Japanischen von Nina Olligschläger; Carlsen Verlag, Hamburg; 2004/2005
Band 1: Kinder des Krieges; 296 Seiten; 12 Euro
Band 2: Der Tag danach; 252 Seiten; 12 Euro
Band 3: Kampf ums Überleben; 269 Seiten; 12 Euro
Band 4: Hoffnung; 12 Euro



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