Hitler und die Deutschen Passive Mitläufer mit schlechtem Gewissen

Der Historiker Götz Aly hat zusammen mit Studenten untersucht, wie beliebt Hitler und die Nazis bei den Deutschen waren. Die Ergebnisse überraschen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt der NS-Experte, warum es um Hitlers Popularität schon im Sommer 1939 weitgehend geschehen war.


SPIEGEL ONLINE: Herr Aly, in Ihrem neuen Buch "Volkes Stimme – Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus" haben Sie gemeinsam mit Ihren Studierenden des Frankfurter Fritz Bauer Instituts den Versuch unternommen, eine nachholende demoskopische Analyse zur Frage zu erarbeiten: Wie beliebt waren Adolf Hitler und die Nazis bei den Deutschen? Was unterscheidet Ihren Ansatz von den bisherigen Studien?

Götz Aly: Historiker und Experte für den Nationalsozialismus
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Götz Aly: Historiker und Experte für den Nationalsozialismus

Götz Aly: Unsere Untersuchung folgt einem ungewöhnlichen methodischen Ansatz: Bisher gingen die Historiker in dieser Frage inhaltsanalytisch vor - das heißt, sie mischten SD-Berichte, also "Meldungen aus dem Reich", ein wenig Goebbels-Tagebuch, ein paar private Briefe und einige Feldpost-Zitate, fügten eine Prise Klemperer-Tagebuch hinzu und einige persönliche Vermutungen - und fertig war die Stimmung der Deutschen im Dritten Reich.

SPIEGEL ONLINE: Sie trauen diesem Verfahren offenkundig nicht.

Aly: Natürlich nicht. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, sich nach zehn oder zwanzig Jahren an eine Stimmung zu erinnern. Wir haben fünf Indikatoren ausgewählt, um ein genaueres Bild der Stimmung und Stimmungsschwankungen in Nazi-Deutschland zu ermitteln.

SPIEGEL ONLINE: Welche Indikatoren sind das?

Aly: Erstens haben wir gemeinsam mit dem Einwohnermeldeamt Frankfurt am Main gemessen, wie häufig betont nazistische Vornamen, auch als Zweitnamen, vergeben wurden. Wir haben für den Zeitraum zwischen 1932 und 1945 Daten über politisch aussagekräftige Namen erhoben. So konnten wir die Adolf-, Herrmann- und Horst-Kurve erheben. Die Zahl der Kirchenaustritte wählten wir zum zweiten Indikator: Die Grundlage dafür ist die Annahme, dass man es sich gerade in unsicheren Zeiten genau überlegt, ob man es sich mit Gott verderben will. Der dritte Indikator ist das Sparverhalten, denn die längerfristige Anlage von Geld zeigt das Zukunftsvertrauen der Menschen - auf ganz unideologische Weise.

SPIEGEL ONLINE: Welche noch?

Aly: Der vierte Indikator lässt Rückschlüsse darauf zu, welchen Druck das Regime für nötig hielt, um seine Volksgenossen durch Bedrohung zu disziplinieren. Hierfür haben wir die Zahl der Todesurteile des Volksgerichtshofs untersucht. Aus den Todesanzeigen für gefallene Soldaten gewannen wir den fünften Indikator. Wir fragten: Haben die Angehörigen die Formel "Gefallen für Führer, Volk und Vaterland" gewählt oder verzichteten sie auf den "Führer" und schrieben schlicht "Gefallen für Volk und Vaterland"? Verglichen haben wir die Anzeigen in der bürgerlichen "Frankfurter Zeitung" und der Parteizeitung "Frankfurter Volksblatt".

SPIEGEL ONLINE: Ist die Auswahl der Indikatoren nicht angreifbar, weil sie in erster Linie von der Zugänglichkeit der Daten abhängt?

Aly: Die Indikatoren mussten in der Tat leicht auffindbar sein. Natürlich sind sie willkürlich - aber das ist nicht unbedingt schlecht. Sie sind heterogen und erfassen unterschiedliche Sphären: Materielle Entscheidungen werden anders getroffen als ideologische. Wir liefern mit unseren Ergebnissen einen Ansatz, der von anderen weiterentwickelt werden kann und sollte.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Ergebnisse Ihre Vermutungen bestätigt?

Aly: Sie waren doch überraschend. Bislang behauptet die Forschung zum Beispiel unisono, Hitler habe mit dem "Blitzsieg" über Frankreich im Sommer 1940 den Höhepunkt seiner Popularität erreicht. Das ist offenbar Unsinn. Unsere Indikatoren beweisen, dass die Deutschen zufrieden blieben, solange Hitler nach dem Prinzip verfuhr: "Frechheit siegt" - die Besetzung der Tschechoslowakei, der Anschluss Österreichs und die Wiedergewinnung des Saarlandes waren hochpopulär, vor allem weil sie friedlich blieben.

SPIEGEL ONLINE: Und wann brach die Popularität ein?

Aly: Unsere Studie zeigt, dass die Beliebtheit Hitlers und seines Regimes schon im Sommer 1939 erheblich zurückging. Obwohl der Krieg gegen Polen nach 18 Tagen und ohne große Opfer auf deutscher Seite gewonnen war, traten nur noch halb so viele Menschen als im Vorjahresquartal aus der Kirche aus. Die Vornamen Adolf, Hermann, Horst werden deutlich seltener vergeben. Regimenahe Sparformen werden unbeliebter. So verloren die Leute schon 1940 die Lust, sich auf Sparverträge für den "Kraft-durch-Freude-Wagen", den späteren VW-Käfer, einzulassen. Die Zahl der Neuabschlüsse sank um 85 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für diesen Vertrauensverlust einen Schlüsselmoment?

Aly: Mit dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion brechen die Indikatoren erheblich ein – und zwar vom ersten Tag an, nicht erst im Dezember 1941, als die Spitzen der Wehrmacht unmittelbar vor Moskau zurückgeworfen wurden, Zehntausende jämmerlich erfroren und es sich herumsprach, wie viele an der Ostfront starben. Nein, schon vorher wird der Führer immer seltener in den Todesanzeigen genannt, selbst in der Parteizeitung "Frankfurter Volksblatt" sank die Quote um 50 Prozent. Dasselbe geschah, auf viel niedrigerem Ausgangsniveau, in der "Frankfurter Zeitung". Die Deutschen erkannten nicht erst im Winter 1941/42, dass Hitler die Weichen für ein außerordentlich riskantes Unternehmen gestellt hatte.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich vor diesem Hintergrund noch die These halten, dass die Attentäter vom 20. Juni 1944 keine Chance gehabt hätten, weil die Deutschen so von ihrem charismatischen Führer eingenommen waren?

Aus dem Buch "Volkes Stimme", Hrsg. Götz Aly, 2006

Aus dem Buch "Volkes Stimme", Hrsg. Götz Aly, 2006

Aly: Davon kann angesichts unserer Untersuchung keine Rede mehr sein. Historiker wie Christopher Browning behaupten, die Entscheidung über den Holocaust sei auf dem Höhepunkt der Siegeserwartung des Feldzugs in der Sowjetunion gefallen – dem widersprechen unsere Ergebnisse. Einige gängige Erklärungsmuster führen offenbar in die Irre. Vielmehr haben die Nationalsozialisten ihre schlimmsten Verbrechen in einer Zeit begangen, in der das Regime innenpolitisch mit dem Rücken zur Wand stand. Bis zum Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 waren etwa 200.000 Menschen ermordet, ein Jahr später schon mehr als drei Millionen.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für Ihre Zunft?

Aly: Wir Historiker müssen uns die zentrale Frage, wie diese ungeheuerlichen Verbrechen geschehen konnten, neu stellen. Die Massenbegeisterung und Verblendung durch den charismatischen Führer, die der Historiker Hans Ulrich Wehler als entscheidende Begründung anführt, reichen zur Erklärung nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, dass Hitler ab dem Sommer 1939 an Zuspruch einbüßte. Wann hatte er seine stärkste Phase? Und hätte er zu diesem Zeitpunkt freie Wahlen gewonnen?

Aly: Ende 1938 und Anfang 1939 stand er im Zenit seines Erfolgs. Aus gutem Grund kann man vermuten, dass Hitler eine Wahl im März 1939 locker gewonnen hätte. Auch 1935 hätten seine Chancen gut gestanden – weil die Arbeitslosigkeit sank. Allerdings kann man sehr daran zweifeln, ob er im Herbst 1940 noch eine freie Wahl gewonnen hätte - wenn auf der einen Seite eine Figur wie Hitler und auf der anderen Seite eine Figur wie der liberal-konservative Carl Friedrich Goerdeler gestanden hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wann begann denn der Aufstieg Hitlers und der NSDAP zu jener Popularität, die Anfang 1939 ihren Höhepunkt erreichte?

Aly: Es lässt sich zeigen, dass sich die politische Stimmung 1933/34, bald nach der Machtübernahme, zugunsten des NS-Regimes stabilisierte, gestützt auf sozialen Wohltaten, ökonomische Erfolge und Terror. Der Gedanke der "völkischen Einheit" wurde gegen das Trauma der nationalen Zerrissenheit gestellt. Doch die Deutschen spürten, dass unter dieser Decke der äußeren Attraktion große Gefahren lauerten. Und als sie dann auf dem Weg des Krieges waren, schwanden Führerglaube und Zukunftsvertrauen. Die Skepsis wuchs stetig, bis zum Ende im Frühjahr 1945, mit einer ganz kleinen Phase der Erholung Ende 1940.

SPIEGEL ONLINE: Ist demnach die ganze Goebbels'sche Propaganda und die versuchte Fanatisierung am Volk abgeperlt?

Aly: Die Deutschen haben ihren Verstand niemals vollständig an die NS-Ideologie abgegeben. Andererseits hängten sie ihre entmachteten Nazi-Führer im Frühjahr 1945 nicht einfach an die nächste Straßenlaterne, weil sie sich in ihnen selber erkannten. Die meisten Deutschen waren passive, innerlich nicht überzeugte Mitläufer, und sie hatten spätestens seit 1941 ein furchtbar schlechtes Gewissen.

Das Interview führten Sonja Pohlmann und Michael Sontheimer



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