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Hitlers Bomben auf Guernica: "Sie haben die Stadt eingeäschert"

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Der Angriff wurde zum Symbol für den Luftkrieg-Terror der Nazis: Vor 70 Jahren zerstörte die "Legion Condor" Guernica. Hitler machte das baskische Städtchen zum Experimentierfeld für die neue Art des Bomber-Kriegs.

Hamburg - "Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern", notierte der Stabschef der "Legion Condor", Wolfram von Richthofen, militärisch knapp in seinem Kriegstagebuch, "buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll." Über die Opfer, es waren Hunderte, schrieb der Oberstleutnant nicht.

Der 26. April 1937 war ein Montag. Markttag. Im baskischen Guernica drängten sich die Menschen, als am Nachmittag, es war gegen 16.30 Uhr, plötzlich die Glocken läuteten. Flieger-Alarm! Schon tauchte ein Flugzeug am Himmel auf. Ein deutscher Bomber, Typ Heinkel 111, am Steuerknüppel saß Oberleutnant Rudolf von Moreau. Über dem Stadtzentrum öffnete der Offizier die Bombenschächte seiner Maschine. Herab regnete der Tod.

In Wellen folgten weitere Bomber und Jagdflugzeuge. Sie warfen Spreng-, Splitter- und Brandbomben, insgesamt 31 Tonnen Munition gingen auf Guernica nieder. Zweieinhalb Stunden lang wüteten die deutschen und italienischen Kampfflieger über der Stadt - "mit einer bisher ungekannten Brutalität", wie es der Präsident der baskischen Regierung, José Antonio de Aguirre, drei Tage später formulierte. "Sie haben die Stadt eingeäschert und mit Maschinengewehrsalven die Frauen und Kinder verfolgt, die in panischer Angst flohen und zahlreich zu Tode kamen", so Aguirre. Der Augenzeuge Juan Guezureya erinnerte sich noch 1974 im Gespräch mit zwei britischen Reportern an den schrecklichen Nachmittag: "In einer Höhe von etwa 30 Metern flogen die beiden Maschinen hin und her wie fliegende Schäferhunde, die eine Menschenherde zum Schlachten zusammentreiben."

Der Kriegsberichterstatter George L. Steer schrieb zwei Tage später in der Londoner "Times": "Die Taktik der Angreifer war ganz klar: zuerst schwere Bomben und Handgranaten, um die Bevölkerung zu sinnlosen Fluchtversuchen zu veranlassen, dann Maschinengewehrfeuer, um sie in unterirdische Verstecke zu treiben und dann schließlich Zerstörung dieser Unterstände mit schweren Feuerbomben."

Die Folgen des Angriffs waren verheerend. Nahezu drei Viertel aller Gebäude wurden zerstört, der Kern des historischen Ortes vollständig verwüstet. "Um zwei Uhr morgens, als ich die Stadt erreichte", notierte Steer, "war sie schrecklich anzusehen, sie stand von einem Ende bis zum anderen in Flammen. Den Widerschein des Feuers konnte man in den Rauchwolken über den Bergen schon zehn Meilen vor der Stadt sehen. Die ganze Nacht hindurch stürzten Häuser ein, bis von den Straßen nur noch große Haufen undurchdringlichen rotglühenden Schutts übrig waren."

Die Zahl der Opfer kann nur geschätzt werden. Die baskische Regierung gab an, 1654 Einwohner seien getötet, 889 verwundet worden. Neuere Untersuchungen gehen indes nur von 200 bis 300 Toten aus. Unstrittig jedoch ist, dass Guernica eine der ersten Städte war, die durch einen Bombenangriff zerstört wurde - ohne Rücksicht auf Frauen, Kinder, Alte. Drei Jahre vor der Zerstörung Coventrys und acht Jahre vor der Bombardierung Dresdens hatten die Piloten der deutschen Expeditionstruppe "Legion Condor" mit dem soldatischen Grundsatz gebrochen, Zivilisten zu verschonen.

"Guernica war für die deutsche Luftwaffe auch ein Testlauf, wie man Schrecken und Verzweiflung durch Angriffe auf Städte und Ortschaften verbreiten konnte", sagte Wolfgang Schmidt, Fachleiter Luftwaffe im Militärgeschichtlichen Forschungsamt Potsdam, jetzt SPIEGEL ONLINE. "Natürlich war die Bombardierung Guernicas ein eklatanter Bruch des Kriegsvölkerrechts und hatte einen terroristischen Charakter. Man hat zumindest billigend in Kauf genommen, dass Zivilisten zu Schaden kommen."

Zeitzeuge Steer wählte - den Schrecken noch vor Augen - deutlichere Wort für seine Empörung: "Der Überfall auf Guernica ist ohne Beispiel in der Militärgeschichte. Guernica war kein militärisches Objekt. Die Stadt lag weit hinter der Front. Der Zweck des Bombardements war anscheinend die Demoralisierung der Zivilbevölkerung und die Vernichtung der Wiege des baskischen Volkes."

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