Interview mit Hans-Jochen Vogel "Hitlers Reden bereiteten mir Unbehagen"

Er stammt aus einem katholischen Elternhaus und war Messdiener. Dennoch engagierte sich der spätere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel auch in der Hitlerjugend. Im Interview erzählt Vogel von seiner Zeit als Soldat und davon, wie er beinahe einen Bekannten hätte erschießen müssen.


Das Interview führten SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einen Auszug des Gesprächs, das Teil der DVD-Dokumentation "Hundert Jahre Deutschland" ist.

Hans-Jochen Vogel (M.) mit Frank Schirrmacher und Stefan Aust: "Die Spannung war spürbar"
Nicole Maskus

Hans-Jochen Vogel (M.) mit Frank Schirrmacher und Stefan Aust: "Die Spannung war spürbar"

Haben Sie sich von der herrschenden Ideologie beeindrucken und beeinflussen lassen? Oder gab es einen geringfügigen inneren Widerstand, vielleicht sogar mehr?

Hans-Jochen Vogel:

Da war bei mir immer eine gewisse Spannung, weil ich einerseits in meiner Jugend katholischer Messdiener war, weil ich weiter, auch nachdem er an den Schulen nicht mehr erteilt wurde, am katholischen Religionsunterricht im Pfarrhaus teilgenommen habe. Auf der anderen Seite habe ich in der Hitlerjugend den genannten Dienstgrad gehabt, habe auch als Mitarbeiter auf der Bannebene mich um Laienschauspiele oder Fanfarenzüge gekümmert. Aber die Spannung war spürbar.

Wie nahmen Sie die Figur Hitlers wahr, als Sie älter geworden waren?

Vogel: Ich habe ihn nie mit eigenen Augen gesehen. Andere hatten die Gelegenheit, aber ich kannte ihn im Wesentlichen nur von den Reden. Von denen ging schon eine gewisse Faszination aus. Aber ein Unbehagen blieb wegen der Lautstärke und der Intonation.

Sie stammen aus einem bürgerlichen Haus. Was hat Ihren Vater dazu bewogen, 1932 in die Partei einzutreten?

Vogel: Das erste Motiv war sein Kriegsdienst als Leutnant. Und dann kam, wie er es nannte, das "Diktat von Versailles". Das zweite Motiv ergab sich aus dem Zustand des Landes, der Weltwirtschaftskrise mit sechseinhalb, sieben Millionen Arbeitslosen.

Dann ging es wirtschaftlich schnell bergauf. Gab es also eine "Wohlfühldiktatur"?

Vogel: Der Abbau der Arbeitslosigkeit ging in großem Tempo voran. Wobei uns, mir jedenfalls, nicht genügend klar wurde, dass das im Wesentlichen der Rüstung und der Wiedereinführung der Wehrpflicht geschuldet war. Im Übrigen, ich bin nicht sicher: Wenn es nach dem Anschluss Österreichs, im März 1938, vor der Sudetenkrise, etwa im August eine völlig freie Wahl gegeben hätte - vielleicht mit einer absoluten Mehrheit?

Das ist auch die Frage von Joachim Fest. Wenn Hitler 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wäre, wie stünde er in der deutschen Geschichte da?

Vogel: Er stünde wahrscheinlich nicht so da, wie er heute mit Recht dasteht, als ein wahnsinniger, blutiger Tyrann. Aber im weiteren Verlauf hätte all das, was in Deutschland bis dahin schon geschehen war, Verfolgung politischer Gegner, Konzentrationslager, Umgang mit den Juden, sein Bild in der Folgezeit nachhaltig beeinträchtigt.

Was haben Sie von Deportationen und Erschießungen als Jugendlicher erfahren?

Vogel: Als Jugendlicher gar nichts. Aber als Soldat einmal in einer mich bedrückenden Weise. Ich sagte schon, ich war verwundet in Erfurt. Eines Tages im Januar mussten wir heraustreten. Dann wurden Leute aufgerufen und eingeteilt, und es wurde der Befehl gegeben, in die Schießstätte zu marschieren. Plötzlich wurde klar, hier findet jetzt eine Erschießung statt. Dann wurde der Betreffende herausgeführt, und ich habe gesehen, den kennst du ja, der war ja mit dir im Jungvolk, Weingärtner hieß er. Das ist mir unglaublich an die Nieren gegangen. Dann wurde das Urteil verlesen. Er hatte, unter Ausnutzung der Verdunklung, so hieß das damals, auf dem Bahnhof ein Päckchen gestohlen. Dann wurde wenigstens befohlen, dass die Anwesenden sich umdrehten. Ich habe einen Moment überlegt, was hättest du denn gemacht, wenn sie dich zum Erschießungskommando eingeteilt hätten? Ich hätte wahrscheinlich gesagt, ich kenne den, das ist für mich nicht vollziehbar, aber Gott weiß es.




"Hundert Jahre Deutschland": Ein historischer Anlass, ein außergewöhnliches Projekt: Anlässlich des bevorstehenden 60. Jahrestages des Kriegsendes veröffentlichen die "FAZ" und SPIEGEL TV eine DVD-Dokumentationsreihe zu "Hundert Jahre Deutschland". Weitere Informationen zu der DVD-Serie finden Sie hier



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