Interview mit Richard von Weizsäcker "Ich habe das Wort Auschwitz nicht vor dem Frühjahr 1945 gehört"

Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat als Reserveoffizier den Zweiten Weltkrieg erlebt. Von den Gräueltaten der Nazis habe er "wenig bis nichts" gewusst, sagte er im Interview mit SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einen Auszug des Gesprächs, das Teil der gemeinsamen DVD-Dokumentation "Hundert Jahre Deutschland" ist.


Von Weizsäcker im Gespräch mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher: "Wer sind wir, die wir darüber nachträglich urteilen können, was für Fehler da gemacht sein könnten?"
Nicole Maskus

Von Weizsäcker im Gespräch mit Stefan Aust und Frank Schirrmacher: "Wer sind wir, die wir darüber nachträglich urteilen können, was für Fehler da gemacht sein könnten?"

An jenem 20. Juli waren Sie ja unabhängig von ihrem Vater plötzlich auch damit konfrontiert, dass Sie eine Reihe der Leute, die ja dieses Attentat unternahmen, kannten. Hatten Sie da Angst um Ihr Leben?

Richard von Weizsäcker

: Zunächst mal habe ich Claus Schenk Graf von Stauffenberg ganz gut gekannt. Er war allerdings zehn Jahre älter als ich und mindestens zwei Dienstgrade höher und insofern mein Vorgesetzter. Dann gab es einen anderen, der eine große Rolle in unserem Regiment spielte, das war Fritz Schulenburg, Friedrich Werner Graf von Schulenburg, der ein sehr abenteuerliches Leben hinter sich hatte, wie so manch anderer in der Verzweiflung über die ganz späten Jahre der Weimarer Republik sich zunächst vom Nationalsozialismus eher Positives als Böses erhoffte und dann später zu einem der entschlossensten und mutigsten Widerstandskämpfer geworden ist. Er war ein älterer Reserveoffizier, ich war ein jüngerer Reserveoffizier, und da hat es viele Gespräche gegeben über die Notwendigkeit, etwas zu unternehmen.

Gab es eine Chance, dass der 20. Juli geglückt wäre?

Von Weizsäcker: Sicher hat es die Chance gegeben. Zugleich war sie in einer Form zugespitzt auf eine Person, die das Risiko ins Unermessliche gesteigert hat. Nur wer sind wir, die wir darüber nachträglich urteilen können, was für Fehler da gemacht sein könnten.

Das heißt, Sie haben von den Vorbereitungen zu dem Attentat oder den verschiedenen Versuchen eine ganze Menge mitbekommen?

Von Weizsäcker: Also speziell mit dem 20. Juli war es so, dass ich drei Wochen oder vier Wochen vorher auf Heimaturlaub war und in Potsdam bei meinem Ersatztruppenteil den schon genannten Fritz Schulenburg traf, der mir sagte, es werde jetzt bald losgehen, das Datum könne er mir nicht sagen. Und er wollte nur darauf aufmerksam machen, wenn es käme, dann könne eine Anforderung an mich kommen, ich solle mit den Truppenteilen, mit denen wir damals im Baltikum zusammen waren zur Verfügung stehen. Ob ich dafür zur Verfügung stehe, fragte er mich. Ich habe gesagt, natürlich. Mein Freund Axel von dem Bussche war schon zuvor per Fernschreiben leichtfertig mit Unterschrift Stauffenberg bei uns an der Front angefordert worden. Ich hatte seine Reisepapiere ausgestellt. Nach dem gescheiterten 20. Juli wurde ich von der Division wegen des Fernschreibens zur Rede gestellt. Aber Bussche, inzwischen selbst schwer verwundet, blieb vom Volksgerichtshof verschont.

Und er ist auch einer der ganz wenigen, die überlebt haben.

Von Weizsäcker: Ja.

Was haben Sie mitbekommen als Offizier mit ihren Verbindungen über das, was an Gräueltaten im Osten passiert ist? Wieweit wussten Sie über Konzentrationslager und Massenvernichtungslager Bescheid?

Von Weizsäcker: Das ist ganz eindeutig, wenig bis nichts. Wir haben keine englischen Sender gehört, und wir saßen nicht in gemütlichen Büroräumen und konnten uns über die Welt informieren. Wir waren halt als Infanteristen irgendwo an der Front eingesetzt. Der Krieg ist selbstverständlich nicht nur im rückwärtigen Heeresgebiet grausam. Aber das, was nun mit Recht das ganze Bild bestimmt, die Tätigkeit der Einsatzgruppen und die Konzentrationslager bis hin zum Stichwort Auschwitz, war nicht bekannt bei uns. Ich weiß nicht, wann ich das Wort Auschwitz zum ersten Mal gehört habe, aber sicher nicht vor dem Frühjahr 1945.

Und wie ist das bei Ihrem Vater gewesen, glauben Sie, dass er, etwas gewusst hat? Hat er Ihnen während des Nürnberger Prozesses etwas über diese Dinge gesagt?

Von Weizsäcker: Dass er das Wort Auschwitz im Jahr 1943, als er nach Rom versetzt wurde, nicht kannte, hat er mir auf völlig glaubwürdige Weise versichert. Er hat immer gesagt, dass das, was er wusste, vollkommen genug war, um seine Position zu klären. Auschwitz hat einen fürchterlichen Weg genommen, auch der Begriff Auschwitz. Unlängst hat Papst Johannes Paul II. gesagt, Auschwitz sei das Getsemane der Welt geworden. Das fand ich eine erstaunliche Bemerkung, das war eine Art von Ökumene der Religionen. Ich bewundere den Papst, aber diese Bemerkung habe ich nicht ganz nachvollziehen können.

Man hat den Eindruck, dass das Tausendjährige Reich tatsächlich tausend Jahre Bestand gehabt hatte - so katastrophal war, was da geschah. In Wirklichkeit waren es gerade mal zwölf Jahre, in denen die Welt auf eine Weise verändert worden ist, wie es wahrscheinlich kaum bisher passiert ist.

Von Weizsäcker: Weniger Jahre als seit dem Fall der Mauer bis heute.


"Hundert Jahre Deutschland": Ein historischer Anlass, ein außergewöhnliches Projekt: Anlässlich des bevorstehenden 60. Jahrestages des Kriegsendes veröffentlichen die "FAZ" und SPIEGEL TV eine DVD-Dokumentationsreihe zu "Hundert Jahre Deutschland". Weitere Informationen zu der DVD-Serie finden Sie hier



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