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Jagdflieger Manfred von Richthofen: Kratzer am Mythos des Roten Barons

Er gilt als Inbegriff des ehrenhaften Kriegshelden: Mit 80 Luftsiegen wurde Jagdflieger Manfred von Richthofen im Ersten Weltkrieg zum Idol. Jetzt bekommt sein Image Kratzer: Der Historiker Joachim Castan offenbart in der neuen Biografie des "Roten Barons" ernüchternde Details.

Dienstgipfelhöhe 3000 Meter. Ein Geschwader der deutschen Kaiserlichen Fliegertruppe im Sommer 1917 auf Patrouillenflug in Flandern. Keines der Jagdflugzeuge ist in Tarnfarben angestrichen: Die Bemalungen reichen von Hellblau über Zitronengelb bis zu Hellgrün. Der Anführer der Staffel: Rittmeister Baron Manfred von Richthofen. Er fliegt einen roten Fokker-Dreidecker - ein in jeder Hinsicht überlegenes Jagdflugzeug, eine Legende wie er selbst. Wegen der Farbe seines Flugzeugs wird der preußische Edelmann von Landsleuten "Roter Baron", von seinen Feinden hingegen "Roter Teufel" genannt.

Der Baron gibt das Zeichen zum Angriff. Schnell wird das Zahlenverhältnis ermittelt: 8 Deutsche gegen 16 Engländer. Es gibt kein Zurück. Richthofen und seine Leute sind keine Zauderer - sie wissen, dass sie die Besten sind. Der Begriff der "Angst" ist ihnen gänzlich unbekannt. Im Sturzflug geht es hinunter an den Feind.

Major Hawkins hatte sich auf einen ruhigen Aufklärungsflug über die deutschen Artilleriestellungen eingestellt. Von dem legendären "Petit Rouge", wie die Engländer Richthofen nannten, hatte er natürlich schon gehört. Jetzt tritt für Hawkins plötzlich das ein, was er immer befürchtet hat: Der berüchtigte Fokker-Dreidecker des Roten Barons hat ihn ins Visier genommen. Nun gilt es nur noch, die eigene Haut zu retten.

Ladehemmung des Maschinengewehrs

Hawkins macht schnelle Links- und Rechtskurven - doch der Deutsche lässt sich nicht abschütteln. Wenigstens gelingt es Hawkins, dass er nicht Richtung Erdboden gedrückt wird. Er versucht nun, schnell an Höhe zu gewinnen. Das Manöver scheint geglückt: Richthofen ist weit und breit nicht mehr zu sehen. Plötzlich ist Hawkins Motor getroffen - doch er scheint Glück zu haben. Für ihn unfassbar: Seine Maschine befindet sich nun von hinten im Anflug auf den Roten Teufel - direkt im Visier seines Maschinengewehrs.

Doch was ist das? Hawkins Maschinengewehr streikt und hat Ladehemmung. Der Engländer ist entsetzt. Richthofen und Hawkins fliegen jetzt fast genau parallel. Hawkins schließt mit seinem Leben ab. Völlig unerwartet sieht er plötzlich ein heftiges Winken des Gegners: Der bedeutet ihm, dass er landen soll. Auf ihn wird nun nicht mehr geschossen.

Minuten später stehen sein zerschossenes englisches Jagdflugzeug und der rote Dreidecker einträchtig nebeneinander. Der Baron in perfektem Englisch mit leichtem deutschen Akzent: "Ich mag euch Engländer - denn auch ich liebe 'fair play'. Als ich sah, dass Sie Ladehemmung haben, konnte ich Sie unmöglich weiter verfolgen - geschweige denn einfach vom Himmel holen." Richthofen bietet Hawkins erst einmal eine Zigarette an. Beide besprechen den soeben erlebten Luftkampf. Die Stimmung ist so entspannt wie nach einem sportlichen Wettkampf. Offenbar ist die Staffel des Freiherrn von Richthofen einer der letzten Horte von Ehre und Ritterlichkeit innerhalb eines mörderischen Vernichtungskrieges geworden, der andernorts die Gemüter irreparabel verroht und entmenschlicht hat.

Klischees und Wunschvorstellungen

Dieses ist die Geschichte des berühmten "Roten Barons", Manfred von Richthofen. Eine Geschichte von Heldenmut, Ritterlichkeit und vorbildhaftem, militärischem Verhalten. Diese Geschichte ist ganz oder in Teilen jedem Beobachter des Zeitgeschehens mehr oder weniger bekannt. Sie wurde in Teilen schon im Kaiserreich erzählt, und in Erinnerungen dieser Art schwelgten Veteranen des Ersten Weltkriegs bis an ihr Lebensende. Diese Geschichte wird auch heute noch erzählt - obwohl oder gerade weil gegenwärtige Kriege weitgehend anonym und asymmetrisch erscheinen. Die Geschichte des berühmtesten deutschen Kriegshelden Richthofen wird im Jahr 2008 sogar der Stoff für einen deutschen Kinofilm mit Matthias Schweighöfer und Til Schweiger in den Hauptrollen.

Das Problem der eben erzählten Geschichte: Sie stimmt nicht. Allenfalls stellt sie die Summe der gängigsten Vorurteile, Klischees und Wunschvorstellungen über Manfred von Richthofen dar.

Richthofen gehört bis heute zum festen Heldenrepertoire bei Militärs und Drehbuchautoren - weltweit. Eine Unmenge von Büchern ist über den berühmten Jagdflieger geschrieben worden. Gerade in der amerikanischen Pop-Kultur dient der "Red Baron" als Archetyp: entweder als edelmütiger Ritter der Lüfte oder als blutrünstiger arroganter, fliegender Preuße. Man meint Richthofen zu kennen, ohne jedoch genaues über ihn zu wissen.

Man könnte deshalb vermuten, dass gleich mehrere umfassende Biographien - ob auf Deutsch oder Englisch - über Richthofen vorliegen. Doch weit gefehlt. Bislang kam noch kein Historiker auf den Einfall, sich mit dem Werdegang und den Lebensumständen dieses deutschen Kriegshelden eingehender zu beschäftigen. Was steckt wirklich hinter der signalroten Fassade des strahlenden Kriegshelden?

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Jagdflieger Richthofen: Zwischen Klischee und Realität


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