Juden-Exil in der Karibik Vertreibung ins Paradies

Als Juden vor den Nazis flüchteten, bot ihnen der dominikanische Diktator Rafael Trujillo Zuflucht - er wollte sein Volk mit 100.000 Einwanderern "aufweißen". So rettete der karibische Rassist auch das Leben des Erfurters Kurt Luis Hess, der heute 98 Jahre alt ist.

Von Carsten Holm


Ein paar Boote schaukeln im klaren, türkisfarbenen Wasser, Palmen säumen den feinsandigen Strand und wiegen sich in der leichten Brise, die vom Atlantik her weht. Auf einem Felsvorsprung hat es sich ein alter Mann bequem gemacht. Er genießt den Blick auf die sichelförmige Bucht des Touristenstädtchens Sosúa im immergrünen Norden der Dominikanischen Republik.

Der Mann ist 98 Jahre alt. Er heißt Kurt Luis Hess und stammt aus Erfurt. Er trägt eine kurze weiße Hose, ein modisches blaues Hemd und weiße Socken zu legeren Slippern. Er strahlt eine große Zufriedenheit aus auf seine alten Tage, und es hat den Anschein, als hätte ein gutsituierter Pensionär aus Deutschland für den Lebensabend einen Garten Eden gefunden.

Der Schein trügt. Kurt Luis Hess ist in höchster Not hierhergekommen. Er floh 1933 aus Erfurt, weil er dort zur falschen Zeit als Sohn einer Schuhfabrikantenfamilie jüdischer Abstammung geboren worden war.

"Früh" sei er gegangen, sagt Hess, "rechtzeitig. Obwohl ich nicht geahnt habe, was mit den Juden geschehen würde. Es war jenseits meiner Vorstellungskraft".

Eine sechs Jahre lange Odyssee führte Hess durch halb Europa und schließlich in die Karibik. Er nahm ein Angebot des dominikanischen Diktators Rafael Leónidas Trujillo Molina an, der angeblich aus humanitären Gründen bis zu 100.000 Juden aufnehmen wollte, die vor den Nazis flüchteten. In Wahrheit führte Trujillo anderes im Schilde. Er störte sich am dunklen Teint seiner Untertanen - und hoffte, dass die Juden sich mit ihnen vermischen und deren Haut "aufweißen" würden.

Hess schüttelt den Kopf: "Nein, der war kein Humanist, der uns helfen wollte." Er hält einen Moment inne, sein Gesicht verfinstert sich: "Aber hatten wir eine Wahl? Hitler, der deutsche Rassist, hat uns verfolgt, letztlich wollte er uns umbringen. Trujillo, der dominikanische Rassist, hat unser Leben gerettet. Die rund 700 Juden, die nach Sosúa kamen, waren in die unangenehme Lage geraten, dem Diktator dankbar sein zu müssen."

Hess gehört zu den Juden, die das bittere Glück hatten, ihre Heimat und ihr Hab und Gut zu verlieren, aber nicht ihr Leben. In Sosúa zählte er zu den ersten jüdischen Siedlern, die 1940 damit begannen, im grünen Brachland eine Kolonie aufzubauen. Es sprudelt aus dem alten Mann, der in fließendem, akzentfreiem Deutsch so lebendig erzählen kann, dass man ihn trotz seiner bald hundert Lebensjahre nicht einen Greis nennen mag.

Das Wohnzimmer seiner Villa an der Pedro Clisante, der geschäftigen Hauptstraße des 12.000-Einwohner-Städtchens, ist wie ein Museum seines Lebens. Die Wände sind übersät mit Gemälden und Fotos; Porträts seiner vor sechs Jahren verstorbenen Frau Ana Julia hängen dort, einer dominikanischen Schönheit. Sein Sohn Franklin, 65, ist da zu sehen, ein Berliner Hochschuldozent, daneben dessen jüngerer Bruder Cecil, 57. Er betreibt in Irvine nahe Los Angeles ein Unternehmen für Lasermesstechnik.

Hess kramt Fotoalben hervor und Bildbände über "Villen in Erfurt". Sie enthalten Abbildungen klassizistischer Prachtbauten, die seiner Familie gehörten. Als die Fabrik in den Zeiten der Rezession Anfang der dreißiger Jahre in finanzielle Schwierigkeiten gekommen war, fielen die Immobilien den Banken zu.

Die Jugendjahre in Erfurt haben Hess geprägt. Die Schuhfabrik hatte nahezu 2000 Mitarbeiter, die Familie genoss hohes Ansehen, weil sie gute Löhne zahlte und sogar Wohnungen für die Arbeiter baute.

Kurt Luis Hess verstand sich nicht mit seinem Vater, viel lieber hielt er sich im Haus seines Onkels Alfred auf. Der zählte zu den bedeutendsten deutschen Kunstmäzenen - und am Beispiel seines Onkels sah Kurt Luis Hess die Vorboten des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte schon in den zwanziger Jahren kommen.

Die Avantgarde der deutschen Kunst wie die Expressionisten der "Brücke" traf sich bei Alfred Hess, der sie förderte - aber die Braunen machten dem Mäzen im traditionell nationalistischen Thüringen das Leben schwer. Sie störten sich daran, dass der Schuhfabrikant als Mitglied der Liberalen ein Verfechter der Republik war, sie diffamierten die in ihren Augen "undeutsche" Kunst - und sie verbargen dabei ihre antijüdischen Ressentiments nicht.

Es ist der 6. März 1932, ein Sonntag, als ein Auftritt Adolf Hitlers in Weimar zu einem Schlüsselerlebnis für den jungen Bürger Hess wird. Deutschland liegt am Boden in dieser Zeit. Die Weltwirtschaftskrise hat die Arbeitslosenzahl auf 6,1 Millionen steigen lassen, auch in Thüringen ist die Stimmung schlecht.

An diesem Tag aber lebt Weimar auf. Als Hitler sich auf dem Balkon des Hotels Elephant zeigt, bricht unter seinen rund 8500 Anhängern starker Jubel aus. Er kommt kaum zu Wort. Inmitten der johlenden Masse, die Hitler wie einen Erlöser feiert, steht Hess mit versteinertem Gesicht. Er ist 23 Jahre alt. Er ist aus Erfurt gekommen, um Hitler zu hören. "Ich fand das gespenstisch", erinnert er sich, "ich fragte mich: Wo wird das enden?"

Hess weiß, dass der Hassprediger auf dem Hotelbalkon Juden für die Inkarnation des Bösen hält. "Jüdische Hände schaffen nur Mist und Jauche", hatte Hitler seiner Weimarer Gefolgschaft schon 1925, beim Tag der NSDAP, zugerufen. Hess weiß auch, dass Hitlers Judenhass große Zustimmung in der Bevölkerung findet.

"Ich verstand das nicht", sagt Hess. Er sei nie in einer Synagoge gewesen. Was koscheres Essen ist, habe er nur dem Hörensagen nach gewusst. Als Schüler habe er am christlichen Religionsunterricht teilgenommen, Weihnachten mit seinen Eltern unterm Christbaum gefeiert. Sein Vater und sein Onkel Alfred Hess seien für den Kaiser in den Ersten Weltkrieg gezogen. "Alle in unserer großen Familie haben sich nie als Juden, sondern immer nur als Deutsche gefühlt", erzählt Hess. Es ging vielen so.

  • 1. Teil: Vertreibung ins Paradies
  • 2. Teil


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