Ketzer-Vorwurf Vatikan-Buch spricht Tempelritter frei

700 Jahre lang galten sie als Ketzer, jetzt schreibt der Vatikan selbst einen Teil seiner Geschichte um. Ein lange verschollenes Dokument, das jetzt veröffentlicht werden soll, belegt: Der Papst hat die Tempelritter schon 1314 vom Vorwurf der Gotteslästerei freigesprochen - und um Verzeihung gebeten.


Berlin - Sie haben unzählige Bestseller inspiriert und für Millionenerfolge in Hollywood gesorgt. Doch für die Katholische Kirche sind die Tempelritter seit dem 14. Jahrhundert nur eins: Ketzer. Sie sollen auf das Kreuz gespuckt und die Existenz von Jesus geleugnet haben - ihr Orden wurde darum 1314 von Papst Clemens V. brutal aufgelöst. Hunderte wurden gefoltert und getötet.

Diese historische Gewissheit wird nun von höchster Stelle erschüttert - durch ein Buch aus dem Vatikan. Das am 25. Oktober erscheinende Werk "Processus contra Templarios" basiere auf neuen Dokumenten aus dem Geheimarchiv des Vatikan und wasche die Tempelritter von allen Vorwürfen rein, berichtet der britische "Daily Telegraph".

"700 Jahre lang haben wir geglaubt, dass die Tempelritter als verfluchte Menschen starben. Dieser Fund spricht sie frei", sagte Professorin Barbara Frale, Angestellte des Geheimarchivs, der Zeitung.

Das Buch basiert auf dem "Chinon-Pergament", benannt nach dem französischen Ort Chinon. Das Dokument war lange verschollen, weil es laut Frale falsch archiviert war. Erst 2001 entdeckte die Vatikan-Archivarin das Pergament, jetzt wird es öffentlich gemacht. Es enthält die Protokolle der Anhörungen der Tempelritter vor Papst Clemens und endet laut "Daily Telegraph" mit der päpstlichen Absolution für den Orden.

Der Kreuzritterorden der Tempelritter war 1119 in Jerusalem gegründet worden, mit dem Ziel, christliche Pilger auf dem Weg in die Heilige Stadt zu schützen. Ihre Zentrale schlugen sie in der eroberten al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg auf - daher der Name Tempelritter.

Das Ende des Ordens kam 1307, als der französische König Philipp IV. die reichen Templer ins Visier nahm, ihre Häuser durchsuchen ließ und ihr Vermögen beschlagnahmte. Der Vorwurf lautete auf Ketzerei. Nach dem Einschalten der Inquisition verbot Papst Clemens V. den Orden im Jahr 1314.

Laut "Daily Telegraph" enthüllt das "Chinon-Pergament", dass der Papst damals wider besseres Wissen und nur unter dem Druck des Königs handelte. In den Anhörungen hätten die Templer zwar bestätigt, dass zu ihren Aufnahmeriten auch das Spucken auf das Kreuz und das Leugnen Jesu' zähle. Damit hätten sie jedoch nur die Demütigungen nachgeahmt, die sie erleiden würden, wenn sie in muslimische Hände fielen.

Der Papst habe sich gezwungen gesehen, die Tempelritter nach den Anhörungen um Vergebung zu bitten, sagte Frale dem "Daily Telegraph". "Dies ist der Beweis, dass die Tempelritter keine Ketzer waren."

cvo



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