Kriegsschicksal Die Heimkehr des Leutnants Estill

2. Teil: "Nur eines gibt es im Überfluss: Angst"


Shannon Estill und seine Frau Mary Kathryn hatten geheiratet, kurz bevor der Bräutigam nach Europa abkommandiert wurde. Dann schrieben sich die Liebenden unermüdlich Briefe. "Ich bin so froh, dass Ihr in den Staaten seid und nicht in Europa", notierte der junge Offizier. "Hier fehlt es an allem. Nur eines gibt es im Überfluss: Angst."

Mary hingegen berichtete Alltägliches aus dem friedlichen Amerika: "Habe ich Dir von unserem neuen Kinderwagen erzählt? Er ist wirklich schön, die Räder und Griffe sind aus Metall. Ich kann es kaum erwarten, dass du wieder nach Hause kommst." Und sie setzte die Korrespondenz auch noch fort, nachdem ein Emissär der US-Armee ihr am 30. April 1945 mitgeteilt hatte, dass Shannon Estill über Deutschland vermisst werde und wahrscheinlich gefallen sei.

"Sie hat nicht aufgehört, ihm zu schreiben", sagt Sharon Taylor, "denn Hoffnung war alles, was sie hatte. Sie konnte nicht glauben, dass es vorbei war." Sharon bekommt zu ihrem 21. Geburtstag ein besonderes Geschenk: 450 Briefe ihre Vaters. In seiner schriftlichen Hinterlassenschaft nimmt der ferne Vater Gestalt an.

Sharon beschließt, zu klären, wie ihr Vater gestorben ist, und den Ort zu finden, an dem seine sterblichen Überreste verborgen sind. Sie will ihren Vater heimholen, seinen Namen von dem Zusatz "MIA" ("Missing in Action") befreien und ihn begraben.

In den Archiven ermittelt sie die Namen einiger Kameraden ihres Vaters. Berichte über die Einsätze des 428. Fighter Squadrons tauchen auf und auch Dokumente, die den verhängnisvollen Flug am 13. April belegen. Alles deutet darauf hin, dass die P-38 des Lieutenants Shannon Estill über Sachsen von der deutschen Flugabwehr abgeschossen wurde. Doch die DDR erlaubt es den Amerikanern nicht, nach Vermissten zu suchen.

Die Suche geht weiter

Als die Mauer fällt, geht die Suche weiter. Und nicht nur Taylor schöpft neue Hoffnung, sondern auch Hobbyforscher wie Hans-Günther Ploes. Er hat sich auf die darauf spezialisiert, vermisste Weltkriegs-Flugzeuge aufzuspüren – und mit dem Ende der DDR hat sich sein Einsatzgebiet erheblich vergrößert. Sharon Taylor und Ploes nehmen Kontakt auf. "Ich wusste von Anfang an, dass es eine schwierige Suche würde", so Ploes. "Im Chaos des Kriegsendes gingen viele wertvolle Akten verloren."

Die wenigen Spuren, die es gibt, führen nach Elsnig. Der Deutsche und die Amerikanerin treiben Zeitzeugen auf, die das Ende von Estills Feindflug gesehen haben. Demnach hat seine Maschine einen Volltreffer erhalten und ist noch in der Luft explodiert – Estill hatte keine Chance zu überleben.

Die Recherchen der beiden sind so gründlich, dass das auf Hawaii stationierte JPAC ein Team in die sächsische Provinz entsendet. Die Experten graben und graben und sichern schließlich tatsächlich Knochenreste. Später wird ein Labor zu dem Ergebnis kommen: Shannon Estill und seine "Lightning" sind gefunden.

Oktober 2006, Arlington Friedhof, Virginia, USA. Eine Ehrenformation, die "Honour Guards", feuert Salutsalven in den Himmel, zwei Jäger donnern über das offene Grab von Shannon Estill. Sharon Taylor hat ihr Versprechen eingehalten. Sie hat ihren Vater nach Hause gebracht. "Ich glaube", sagt sie, "er würde sich darüber freuen." Ganz sicher ist sie nicht. Sie hat den Mann, den sie über Jahrzehnte hinweg gesucht hat, in ihrem Leben niemals gesehen.



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