Kriegsschicksal Die Heimkehr des Leutnants Estill

In den letzten Kriegstagen 1945 wurde der Pilot Shannon Estill über Deutschland abgeschossen. 60 Jahre später fanden Spezialisten der US-Armee seine Leiche und überführten sie in die USA. Die jahrzehntelange Suche einer Tochter nach ihrem Vater hatte plötzlich ein Ende.


Hamburg - Freitag, der 13. April 1945, ist für die alliierten Truppen in Europa ein Tag zwischen Triumph und Trauer: Wien wird von sowjetischen Verbänden eingenommen, 60 Kilometer vor Berlin bereitet sich die Rote Armee darauf vor, die Hauptstadt des Feindes zu stürmen, und der deutsche Ruhrkessel wird von Briten und Amerikanern immer weiter zusammengedrückt. Am Vortag jedoch ist der US-Präsident Franklin D. Roosevelt gestorben – viele GIs, die an den Fronten in Asien und Europa stehen, sind bestürzt. Doch sie kämpfen weiter.

Lieutenant Shannon Estill rollt am späten Vormittag des 13. April auf einem Feldflugplatz bei Euskirchen zu seiner Startposition. Gemeinsam mit seinen Kameraden des 428. Fighter Squadron soll er Ziele in Sachsen angreifen. Shannon Estill ist 22 Jahre alt, frisch verheiratet, stammt aus Cedar Rapids in Iowa und gilt als erfahrener Pilot. "Shannon und ich sind oft zusammen geflogen. Er war ein netter Kerl. Wie die meisten von uns hat auch er versucht, das Beste aus der Situation zu machen", erinnert sich Estills ehemaliger Kamerad Roy Easterwood.

Seit Herbst 1944 ist Estill in Europa, 33 Feindflüge hat er hinter sich, dieser soll der letzte werden. Denn er ist vor wenigen Wochen Vater eines Mädchens geworden. Der Heimaturlaub ist schon genehmigt. Um 12.58 Uhr heben die elf P-38 "Lightnings" ab. Ihr Einsatz soll rund vier Stunden dauern.

Das Dorf Elsnig liegt in einer verschlafenen Ecke des Freistaates Sachsen, nahe Torgau. Im idyllischen Dorfalltag fallen die Männer und Frauen deshalb umso mehr auf, die im Frühjahr 2005 plötzlich mit allerlei Gerät einen Acker umzugraben beginnen und das Erdreich durchsieben. Die kleine Gruppe ist eines der 18 Teams, die weltweit für das "Joint POW/MIA Account Command" (JPAC) der US-Armee nach den Überresten der knapp 80.000 vermissten Soldaten fahnden.

Eine schlanke Frau mit rötlichen Haaren verfolgt die Arbeiten besonders angespannt. Sharon Taylor sucht ihren Vater. Und es scheint, als wäre sie ihm jetzt – nach fast drei Jahrzehnten unermüdlicher Suche – endlich so nahegekommen wie niemals zuvor. Sie sagt: "Dieser Acker ist für mich ein heiliger Ort. Ich kann die Präsenz meines Vaters fast schon spüren." Sharon Taylor, Professorin an der Saint Martins-University in Seattle, hat sich nie damit abgefunden, nur eine weitere Kriegswaise zu sein. Der abwesende Vater hat ihre Kindheit geprägt.



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