SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. Januar 2007, 16:47 Uhr

KZ-Fotodatenbank

Detektivarbeit gegen die Leugner

Von

Fotos aus den Todeslagern der Nazis werden oft zur pädagogischen Schocktherapie eingesetzt - aber sie sind häufig schlecht dokumentiert. Falsche Zuordnungen rufen jedoch Holocaust-Leugner auf den Plan. Die Gedenkstätte Buchenwald wehrt sich jetzt gegen die Geschichtsklitterer.

In einer Feierstunde hat heute der Bundestag der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden gedacht, am Wochenende waren bundesweit zahlreiche Veranstaltungen vorausgegangen. Pünktlich zum Holocaust-Gedenktag, dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wartet die Gedenkstätte Buchenwald mit einer in Deutschland einzigartigen Internet-Datenbank auf: Sie macht aus ihrem Bestand an Fotografien aus dem ehemaligen Konzentrationslager rund 600 Bilder online zugänglich.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte wissenschaftliche Projekt ist eine wichtige Ergänzung zum ritualisierten öffentlichen Gedenken: Mit dem "Fotoarchiv Buchenwald" erhebt die Gedenkstätte den Anspruch, die erste quellenkritische Bildsammlung von KZ-Fotografien der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. In mühsamer Kleinarbeit prüften die Wissenschaftler jedes einzelne Bild auf seine Herkunft.

Die Sammlung markiert einen neuen Umgang mit Bild-Dokumenten der NS-Verbrechen: Bislang stand für viele Gedenkstätten und Medien die pädagogische Wirkung im Vordergrund. Zugunsten des maximalen Effekts nahm man es mit der wissenschaftlichen Erforschung der Bilder nicht so genau.

"Einladung an Holocaust-Leugner"

"Da wurde ein Foto mal Buchenwald, mal Dachau und mal Nordhausen zugeordnet", erzählt Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkstätte Buchenwald. Statt Aufklärung zu leisten, so Knigge, hätten bisweilen "pädagogisches Gerede und moralische Beduseltheit" den Umgang geprägt.

Eine Nachlässigkeit mit fatalen Folgen. "Das ist eine Rieseneinladung an Revisionisten und Holocaust-Leugner", warnt der Historiker. Diese nutzten selbst kleine Unstimmigkeiten bei der Dokumentation von NS-Bilddokumenten, um abzustreiten, dass die Verbrechen überhaupt geschehen seien.

Die Findigkeit der Leugner sei nicht zu unterschätzen. Sie bedienten sich häufig eines vermeintlich "akribischen Positivismus", der sich wissenschaftlich gewande. So kratzten Holocaust-Leugner beispielsweise chemische Proben von den Ruinen in Auschwitz-Birkenau, um nachzuweisen, dass dort angeblich niemals das Vernichtungsgas Zyklon B benutzt worden sei.

Die bisherige Anarchie im Umgang mit Bildern der NS-Verbrechen machte es Revisionisten und Reinwaschern leicht: Die Bilder sind in alle Welt verstreut, die Fotografen häufig unbekannt oder tot. Die Fotos sind, wenn überhaupt, dann nur spärlich beschriftet, falsche Zuschreibungen werden ungeprüft übernommen.

Wehrmachtsausstellung als Warnung

Ihr laxer Umgang mit Bildern wurde beispielsweise den Machern der Hamburger Wehrmachtsausstellung zum Verhängnis: Sie mussten vor sechs Jahren ihre Ausstellung schließen und völlig überarbeiten, nachdem Historiker gravierende Fehler in mehreren Bildlegenden nachgewiesen hatten. Eine Steilvorlage für Kritiker, denen die ganze Stoßrichtung der Ausstellung nicht passte, und die weiter die Mär vom sauberen Frontsoldaten kolportieren wollten.

Die wissenschaftliche Kommission, die während des vorübergehenden Stopps für die Ausstellung die Herkunft einiger Bilder untersuchte, stieß teilweise in in fünf verschiedenen Bildarchiven auf ein und dasselbe Foto, mit fünf verschiedenen Bildunterschriften und Zuordnungen. Die Ausstellungsmacher hatten diese Unstimmigkeiten nicht weiter geprüft und so beispielsweise Verbrechen, die die sowjetischen Geheimpolizei NKWD verübt hatte, deutschen Soldaten zugeordnet - ein gravierender Fehler.

In ihrem Gutachten mahnten die Wissenschaftler einen "sorgfältigen Umgang mit den überlieferten Dokumenten" an, "insbesondere mit den Fotos". Eine Warnung nicht für die Initiatoren der betroffenen Ausstellung, sondern für Museen und Gedenkstätten insgesamt.

Lageralltag im Bild

So zeigt die aktuelle quellenkritische Fotosammlung von Buchenwald nicht nur die geläufigen KZ-Motive, Leichenberge oder Bilder von durch Zwangsarbeit und Hunger ausgezehrten Menschen, sondern ergänzt diese Ikonen des Grauens durch vergleichsweise unspektakuläre Aufnahmen von Bauarbeiten, durch Erkennungsporträts von Häftlingen oder durch Übersichten über das Lager, in dem die Nationalsozialisten über 50.000 Menschen ermordeten.

Man habe genau zu rekonstruieren versucht, wer das jeweilige Bild aufnahm, erzählt Holm Kirsten, der das Projekt betreut. War es ein Auftragsbild für die SS, die das Lager als nüchterne und hygienische Besserungsinstitution präsentieren wollte? Machten amerikanische Stellen das Foto, um den Deutschen die Greueltaten ihrer Landsleute vorzuhalten? Oder war es gar ein heimlicher Schnappschuss durch einen Häftling, der Beweismaterial gegen seine Peiniger sammeln wollte?

Bei ihren Nachforschungen stießen die Wissenschaftler der Gedenkstätte auch auf einige Fälschungen: So nahmen es die DDR-Historiker mit der historischen Wahrheit noch weniger genau als viele bundesdeutsche Geschichtspädagogen. Den antifaschistischen Verwaltern des Lagers erschienen Haufen von toten Körpern, die die Amerikaner bei der Befreiung das Lagers fotografiert hatten, als zu klein, um die Verbrechen zu illustrieren – zumal es aus Auschwitz Bilder von noch größeren Leichenbergen gab. So klebten sie einfach Bilder von zwei Leichenbergen zusammen, um das Grauen zu verstärken.

Die begründete Hoffnung der Wissenschaftler: Wer solche Klitterungen und Unstimmigkeiten offenlegt, stärkt die Beweiskraft der vielen authentischen Dokumente noch einmal zusätzlich - und erschwert professionellen Holocaust-Leugnern ihr perfides Handwerk.

URL:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH