London untergründig Geheimes Tunnelsystem wartet auf Käufer

Kommandobunker im Zweiten Weltkrieg, Sitz des MI6, Telefonzentrale - diese Immobilie war einst top secret. Nun steht das gigantische Tunnelsystem unter Londons Stadtzentrum zum Verkauf. SPIEGEL ONLINE zeigt Bilder aus dem Untergrund.

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Tunnel-Bar: Willkommen im Untergrund
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Tunnel-Bar: Willkommen im Untergrund

Es ist ein zweifellos imposantes und zugleich historisch bedeutsames Bauwerk, das mit seinen unzähligen Längs- und Querschächten gut 30 Meter unter Londons Mitte liegt. Die Tunnel erstrecken sich insgesamt über etwa eine Meile (1609 Meter), die Gesamtfläche beträgt 7100 Quadratmeter, rund 8000 Menschen können hier Platz finden.

Aber was tun damit, 66 Jahre nach dem Bau?

Die British Telecom ist der Besitzer - noch. Aber sie will das weitverzweigte Tunnelsystem loswerden, weil es ihre heutigen Anforderungen nicht erfüllt und längst nicht mehr genutzt wird. Nun werden Käufer gesucht, die den unterirdischen Trakt wieder mit Leben füllen.

Lange war das Bauwerk geheim. 1942 entstand es und war zunächst als Bunker geplant, wurde aber vom Militär als Kommandozentrale genutzt. Nach dem Krieg zog der MI6 dort ein - jener Geheimdienst, der so geheim war, dass die britische Regierung erst 1994 offiziell zugab, dass es ihn tatsächlich gibt. Und natürlich ist es der Film-Arbeitgeber des ewigen Frauen- und Martini-Freundes James Bond.

Dann zog das britische Staatsarchiv in die "Kingsway Tunnels" ein und lagerte dort 400 Tonnen Geheimakten. Es folgte die britische Post: Sie nutzte den Bau als sichere Telefonzentrale vor allem für internationale Verbindungen - dazu zählte auch die Direktleitung zum Weißen Haus und zum Kreml während des Kalten Krieges in den fünfziger Jahren. Danach gingen die Tunnel in den Besitz der einst staatseigenen, später privatisierten British Telecom über; Teile wurden in den achtziger Jahren noch von der Regierung genutzt.

Auf 6,5 Millionen Euro hofft der Besitzer

Auch wenn es damit längst vorbei ist, gelten der genaue Verlauf der Tunnel und ihre Zugänge noch immer als geheim. Nur wenige konnten das Tunnelsystem bisher besichtigen - aber die Verkaufsabsichten zwingen den Besitzer zu mehr Offenheit. So durfte sich ein Reporter der Zeitung "Guardian" im Untergrund jetzt umsehen und erhielt keine präzise Auskunft, unter welcher Straße er sich gerade befand. "Dies könnten ja die Räume einer Bank werden", sagte ihm ein Wachmann zur Begründung und verriet: "Damals beim Bau wussten nicht einmal die Arbeiter, wo sie gerade sind - sie sprachen kein Englisch und kamen aus irgendeinem Land Europas."

Es mag stimmen oder nicht, um den Tunnel ranken sich zahllose Geschichten und Legenden. Darin befinden sich noch heute viele alte und inzwischen nutzlose Gerätschaften wie Generatoren oder altertümliche Schalttafeln. Die British Telecom versichert aber, dass Ventilation, die Versorgung mit Strom und Wasser voll funktioniert. Eine Kantine und einen Aufenthaltsraum gibt es auch; auf den Fotos sind Billardtische zu sehen.

Es ist nicht der erste Versuch, das Bauwerk zu verkaufen. Bereits 1996 wollte sich das Unternehmen davon trennen, fand aber keinen ernsthaften und zahlungskräftigen Interessenten. Einen konkreten Preis hat die British Telecom jetzt nicht aufgerufen. Sie rechnet mit einem Erlös um die fünf Millionen Pfund (6,5 Millionen Euro) und wartet auf gute Angebote.

Die ersten Anfragen seien bereits eingetroffen, sagte ein Makler der mit dem Verkauf beauftragten Firma Farebrothers: "Privatleute, Unternehmen, Ministerien - im Moment haben wir das komplette Spektrum."

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