Nazi-Kindereuthanasie Das ausgelöschte Leben von Annemarie

Jahrzehntelang quälte Waltraud Häupl die Frage: Wie ist ihre kleine Schwester 1942 ums Leben gekommen? Dann fand sie Annemaries Überreste im Keller eines Wiener Spitals - sie war im Euthanasieprogramm der Nazis gestorben. Österreich hat diesen Teil seiner Vergangenheit lange verdrängt.

Von Marion Kraske, Wien


Wien - Der Weg führt vorbei an der imposanten Jugendstiluhr, vorbei an den herrschaftlichen Backsteinbauten des Spitals mit ihren kunstvoll verzierten Eisenveranden. Schließlich, in der Pathologie, geht es eine steinerne Stiege hinunter. Im dunklen Keller bietet sich ein schauerliches Bild: Fein säuberlich auf einem hellen Holzregal aufgereiht, stehen durchsichtige Behälter, riesigen Einmachgläsern gleich. In einer trüben Flüssigkeit schwimmen menschliche Überreste. Es sind kleine Gehirne, auch Rückenmarkstränge, allesamt von Kindern und Jugendlichen. Auch zwei Köpfe sind darunter, abgetrennt vom Rumpf - ein Gruselkabinett.

Waltraud Häupl, krauses Haar, dicke Brillengläser, hat die Bilder immer noch vor Augen. Damals, vor knapp sechs Jahren, brauchte die gebürtige Wienerin nur wenige Minuten, um zu finden, was sie suchte: ein Glas mit einem weißen Etikett versehen, darauf in ordentlicher Schrift der Name ihrer kleinen Schwester. Die Erinnerung an das Wiedersehen mit dem, was von Annemarie übrig war, verstört die 71-Jährige noch immer. "Es war furchtbar", sagt sie traurig.

Die habilitierte Kunsterzieherin lebt in einer Altbauwohnung im Wiener Bezirk Leopoldstadt, die Wände in ihrem Wohnzimmer sind voll mit Bildern und Grafiken. Kunst war jahrelang Waltraud Häupls Leben. Jetzt hat die Pensionistin mit der leisen, dünnen Stimme nur noch ein Thema: die Vergangenheit. In den Händen hält sie eine Schwarzweiß-Fotografie ihrer Schwester. Das Bild zeigt Annemarie mit dichtem Haar und großen dunklen Augen.

Über fünfzig Jahre wusste Waltraud Häupl nur eines: Irgendwann mitten im Krieg war Annemarie plötzlich verschwunden, ihre Eltern wollten über das Thema nicht sprechen. Erst 1999 erfährt Häupl die bittere Wahrheit durch einen Zufall. Im Fernsehen läuft eine Reportage über die NS-Zeit. Es geht um die gezielte Tötung von Kindern im Dritten Reich. Und es geht um die Wiener Städtische Nervenklinik, in die einst auch Annemarie gebracht worden war.

Die Todesnachricht kam am Waschtag

Waltraud Häupl beginnt nachzuforschen. Als sie erfährt, dass auch Annemarie im Spital "Am Spiegelgrund" ums Leben kam, bohrt sie nach, will immer mehr Details über das Schicksal der verschollenen Schwester. Im Regal hinter ihrem Sofa reiht sich Aktenordner an Aktenordner, 24 sind es, geordnet von A bis Z. In den dicken Kladden findet sich nicht nur Annemaries Leidensweg; es ist die Geschichte eines heimtückischen Mordes an Hunderten wehrloser Opfer. Und es ist die Geschichte jahrzehntelanger Ignoranz und Verdrängung durch die österreichische Öffentlichkeit.

Die Nachricht von Annemaries Tod kommt an einem Waschtag. Im Keller der engen Einzimmerwohnung in der Kohlenhofgasse 5 dreht die Mutter mühsam mit einer Nachbarin große Leinentücher zu dicken Würsten zusammen, als die fünfjährige Waltraud mit einem Telegramm in der Hand herbeieilt. Fahrig öffnet die Mutter die Eilsendung, dann bricht sie in Tränen aus. Annemarie, heißt es dort, sei um 8 Uhr in der Frühe gestorben, es ist der 26. September 1942. Absender ist die Kinderspezialklinik am Spiegelgrund. Für einen Moment verliert die verzweifelte Frau die Beherrschung. "Versuchskaninchen", zischt sie der Nachbarin aufgebracht zu. "Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, was sie damit meinte", sagt Waltraud Häupl.

Bis ihr schließlich alle Akten zugänglich sind, vergehen Jahre. Die brisanten Unterlagen von Hunderten Opfern liegen verstreut und ungeordnet in verschiedenen Wiener Krankenhäusern, sie rotten vor sich hin. Niemanden scheint das dunkle Kapitel der NS-Zeit zu interessieren. Die Alpenrepublik hat das an Kindern verübte Verbrechen zeitweise einfach unter Staub begraben.

Wie andere Angehörige stößt auch Waltraud Häupl bei ihren Recherchen immer wieder auf Widerstand: blockieren, beschönigen, vertuschen. "Von vielen Seiten", sagt Waltraud Häupl, sei die Wahrheitsfindung immer wieder hintertrieben worden. "Viele würden am liebsten nicht mehr darüber reden." Sie lässt nicht locker, nächtelang sitzt die Rentnerin an ihrem kleinen Schreibtisch im Wohnzimmer, durchforstet Aktenberge, listet akribisch auf, wann die Kinder in die Wiener Klinik eingeliefert wurden, wer sie untersuchte, welche Diagnosen gestellt wurden und, schließlich, wann sie starben. In ihrem jüngst erschienenen Buch "Die ermordeten Kinder vom Spiegelgrund" wird das Schicksal der kleinen NS-Opfer in der Donaustadt erstmals in seinem ganzen Ausmaß dokumentiert.

Es ist das Zeugnis einer perfekt funktionierenden Todesfabrik: Zwischen 1940 und 1945 sterben in Wien mehr als 800 Kinder unter ärztlicher Aufsicht. 30 sogenannte Kinderfachabteilungen gab es im Dritten Reich, in denen die Nazis die Euthanasie von Minderjährigen organisierten. Neben einer Vorzeigeeinrichtung in Brandenburg-Görden war die Anstalt am Spiegelgrund die größte - und eine der effektivsten. Die Männer und Frauen im weißen Kittel verabreichen überdosierte Medikamente wie Luminal oder Morphin, die Kinder sterben. Nach und nach werden die Funktionen der kleinen Körper geschwächt, häufig sind Lungenentzündungen die Folge. Diese Diagnose taucht später in jeder zweiten Krankenakte als Todesursache auf.



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