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NS-Kriegsverbrecher: Mutmaßlichem Massenmörder Demjanjuk droht Anklage in Deutschland

Spektakulärer Coup deutscher NS-Fahnder: Sie haben genug Material gegen den KZ-Aufseher Iwan Demjanjuk gesammelt, um seine Auslieferung aus den USA beantragen zu können. Der gebürtige Ukrainer soll an der Ermordung von fast dreißigtausend Menschen beteiligt gewesen sein.

Er ist einer der meistgesuchten Kriegsverbrecher: Iwan Demjanjuk, gebürtiger Ukrainer, befindet sich seit Jahren im Visier der Nazi-Jäger. Nun könnte Kurt Schrimm, dem Leiter der weltweit größten Fahndungsstelle für NS-Verbrechen, ein echter Coup gelungen sein.

Nach aufwendigen Recherchen in Archiven in Israel, in den USA und in Deutschland trugen Schrimm und seine Kollegen ausreichend Material zusammen, um den in den USA lebenden mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher Iwan John Demjanjuk vor Gericht bringen zu können - in Deutschland.

Die Vorwürfe gegen Demjanjuk wiegen schwer: Laut bisherigen Erkenntnissen absolvierte der gebürtige Ukrainer im SS-Lager Trawniki in der Nähe der polnischen Stadt Lublin, die unter deutscher Besatzung stand, die Ausbildung zum "Wachmann". Von Ende März bis Mitte September 1943 soll er seinen Dienst im Vernichtungslager Sobibor im Südosten Polens verrichtet haben. Von April 1942 bis Oktober 1943 wurden dort insgesamt etwa 250.000 Menschen getötet.

Ermordung von Frauen, Kindern und Greisen

Demjanjuk wird vorgeworfen, in der Zeit seines Dienstes an der Ermordung von mindestens 29.000 Juden - die meisten von ihnen Frauen, Kinder und Greise - beteiligt gewesen zu sein. Fast alle wurden noch am Tag ihrer Ankunft umgebracht.

Unter den Opfern - und das ist für eine mögliche Anklageerhebung in Deutschland wichtig - waren rund 1900 deutsche Juden. "Aufgrund der Tatvorwürfe sind wir zuversichtlich, dass gegen ihn ein Prozess in Deutschland geführt werden kann", sagt Schrimm. Es sei nun erstmalig möglich, die Opfer mit ihren vollständigen Namen und Geburtsdaten zu benennen. Das älteste Opfer, das am 23. April 1943 in den Gaskammern den Tod gefunden habe, sei ein 99 Jahre alter Jude aus Holland gewesen. In allen Deportationszügen befanden sich laut Schrimm Säuglinge und Kleinkinder, die unmittelbar nach ihrer Ankunft in Sobibor vergast wurden.

Der 59-jährige Oberstaatsanwalt gibt am Montag ein Vorermittlungsverfahren gegen Demjanjuk an die Staatsanwaltschaft München ab: "Aus unserer Sicht kann Anklage erhoben werden."

Kriegsverbrechen verschwiegen

Bereits 1988 war Iwan Demjanjuk in Israel angeklagt worden. In einem 17 Monate dauernden Prozess hatten fünf Überlebende des Konzentrationslagers Treblinka in Demjanjuk den KZ-Wärter "Iwan den Schrecklichen" wiedererkannt, der Frauen die Brüste abschnitt und einen Leichenträger mit einer Peitsche gezwungen hatte, eine Zwölfjährige zu vergewaltigen.

Weil seine Identität jedoch nicht zweifelsfrei geklärt werden konnte, hob das oberste Gericht Israels das Todeurteil gegen Demjanjuk nach einem sechsjährigen Revisionsprozess 1993 wieder auf - seitdem lebt er wieder in den USA.

Schrimm hofft, dass die Bundesregierung ein Auslieferungsersuchen an die USA richtet. Politisch ist dies nicht unumstritten: Demjanjuk, der zurzeit in Ohio lebt, ist in der Ukraine geboren und erhielt 1958 die US-Staatsbürgerschaft. Diese war ihm im Mai 2008 nach jahrzehntelangen Bemühungen endgültig aberkannt worden - weil Demjanjuk bei seiner Einreise in die USA angegeben hatte, nach der Schlacht von Kertsch in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten zu sein. Dass er sich zu Hilfsdiensten für die SS gemeldet hatte und in verschiedenen Konzentrationslagern als Helfer der Nazis - sogenannter Hilfswilliger - an der Ermordung Tausender Juden beteiligt war, verschwieg Demjanjuk.

"Die USA haben starkes Interesse daran, Demjanjuk loszuwerden. Die Ukraine und auch andere Staaten wollen ihn nicht aufnehmen. Dies ist eine große Chance, Demjanjuk zu überführen und ihn für seine Greueltaten zur Verantwortung zu ziehen", betonte Schrimm.

Täter und Zeugen sterben

Der letzte große Prozess gegen einen Nazi-Schergen in Deutschland liegt 16 Jahre zurück. 1992 war SS-Oberscharführer Josef Schwammberger vom Landgericht Stuttgart wegen Mordes und Beihilfe zum Mord an über 650 Menschen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. Schwammberger starb 2004 in Haft.

Die strafrechtliche Verfolgung von NS-Tätern war von den Siegermächten vor Kriegsende in einer gemeinsamen Erklärung im November 1943 beschlossen worden. Doch erst mit der Gründung der Zentralen Stelle 1958 kam die deutsche Strafverfolgung von NS-Verbrechern in Gang. Die Fahndungsstelle lieferte das Material für zahllose Verfahren und ermöglichte erst die großen Auschwitz-Prozesse 1963 bis 1965 und 1964 bis 1966 in Frankfurt am Main sowie den Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981 in Düsseldorf.

Die Behörde leitete bisher Vorermittlungsverfahren gegen mehr als 110.000 Personen ein. Vor rund 20 Jahren arbeiteten in Ludwigsburg noch etwa 130 Mitarbeiter, heute sind es gerade einmal 19. Der größte Feind der Behörde ist dabei die Zeit: Ihnen sterben die Verbrecher und die Tatzeugen weg. Die Schüsse, Metzeleien, Massenmorde liegen mindestens 63 Jahre zurück. Die jüngsten Verdächtigen sind über 80.

mhe/dpa

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