NS-Propaganda Norweger zeigen verschollenen Nazi-Film

Es ist der Fund seines Lebens. Der norwegische Filmhistoriker Jostein Saakvitne hat in einem deutschen Auktionshaus einen lang verschollenen Nazi-Propagandafilm aufgestöbert. Jetzt, rund 60 Jahre nach der Entstehung, wurde der "Kampf um Norwegen" erstmals öffentlich gezeigt.

Aus Oslo berichtet


Oslo - Es ist eine Routinesuche, zu der sich Saakvitne regelmäßig aufmacht. Dann durchstreift der Filmhistoriker der Universität Bergen die Archive diverser Internet-Auktionshäuser auf der Suche nach interessantem Material: Vor allem auf Filme und Fotos aus der Kriegszeit hat es der Mann abgesehen, und insbesondere auf Material aus der Zeit der deutschen Besatzung Norwegens.

Vor rund einem Jahr machte Saakvitne dabei wohl den Fund seines Lebens - und zwar auf den Webseiten eines großen deutschen Auktionshauses, das sich auf Militaria spezialisiert hat: Fünf Filmrollen, alles in allem etwa 20 Kilogramm schwer. "Kampf um Norwegen" lautete die knappe Beschreibung des Auktionshauses. Mehr nicht. Doch die drei Worte reichten aus, um Saakvitnes Puls zu beschleunigen. Sollte dies etwa der Nazi-Propagandafilm gleichen Namens sein, der unter Experten seit 60 Jahren als verschollen gilt?

"Ich konnte das natürlich nicht wissen, da es keine weitere Informationen gab", bilanziert Saakvitne rückblickend im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch allein die Aussicht, dass es so sein könnte, ließ seinen Zeigefinger damals zucken: Klick, klick war das Gebot abgegeben. "Ich war überraschend der einzige Bieter." Wie viel er damals genau bezahlt habe, will Saakvitne heute nicht sagen. Nur so viel: Es seien weniger als 1000 Euro gewesen. Wer den Film verkauft habe, wisse er auch nicht, sagt der Filmhistoriker. Er habe die Transaktion über das Auktionshaus abgewickelt.

Großes Interesse an der Besatzungszeit

Einem größeren Publikum wurde Saakvitnes Fund gestern Abend vorgestellt. Das Norwegische Filminstitut in Oslo hatte mehr als 60 Jahre nach Entstehung des Films zur Premiere geladen.

Der Filmvorführung trifft Norwegen in einer Zeit der gesellschaftlichen Diskussion über die eigene Rolle in der Nazi-Zeit. Vor wenigen Wochen wurde zu Beispiel im gediegenen Osloer Stadtteil Bygdøy ein Zentrum für Holocaust-Studien und religiöse Minderheiten eingerichtet. Es residiert in der "Villa Grande". Sie gehörte einst Vidkun Quisling, dem Chef der norwegischen Kollaborationsregierung in der Kriegszeit, die sich auch an der Deportation von Juden beteiligt hatte.

Lange Jahre schien sich niemand in Norwegen so recht für die Besatzungszeit interessieren zu wollen. Dass sich dies mittlerweile geändert hat, beweist aber nicht zuletzt die Filmvorführung: Das Interesse war so groß, dass die Organisatoren eine Extravorstellung am selben Abend ins Programm hieven mussten, um dem Andrang wenigstens einigermaßen gerecht zu werden. Und selbst beim zweiten Mal waren fast alle der rund 200 Sitze im Kinosaal des Instituts belegt.

Schlachtschiffgeschütze vor malerischen Fjord-Szenerien

Zu sehen gab es einen 80-Minuten-Film, den das Oberkommando der deutschen Wehrmacht in Auftrag gegeben hatte. Mit den Aufnahmen der heroischen deutschen Norwegenkämpfer in Spielfilmlänge sollte 1940 die Moral an der Heimatfront aufgepäppelt werden: Gebirgsjäger beim geheimen Einschiffen nach Norwegen, donnernde Schlachtschiffgeschütze vor malerischen Fjord-Szenerien, Landser auf Skiern und so weiter.

Die Produktion ließ sich Berlin einiges kosten: Nicht weniger als 29 Kameramänner spannte die UFA ein, um Bilder vom Norwegenfeldzug zu liefern. Als Regisseur wurde mit Martin Rikli einer der Stars des Nazi-Dokumentarfilms verpflichtet. Zusammen mit Werner Buhne, der als Kameramann schon an Leni Riefenstahls Propaganda-Klassiker "Triumph des Willens" mitgearbeitet hatte, entstand dabei ein aufwendiges Werk.

"Der Film ist dramaturgisch durchdacht und hat Szenen die wir nie zuvor gesehen haben, unter anderem Kampfszenen zwischen deutschen und norwegischen Soldaten", erklärt Jostein Saakvitne. Erstaunlich aktuell wirken dabei vor allem die Animationen, die während des gesamten Films den Vormarsch der deutschen Truppen zeigen. Wären die Bilder nicht schwarz-weiß, so könnte man durchaus meinen, man navigierte mit Google Earth durch eine aktuelle Darstellung des Geländes.

Geschickt werden auch gegnerische Wochenschau-Aufnahmen in den Film integriert. Die Botschaft lautet dabei immer wieder: Deutschland habe mit der Attacke auf Norwegen im April 1940 einem analogen Plan der Alliierten zuvorkommen müssen. Und gelungen sei dies trotz deutlich schwächerer Ressourcen. Deutsche Verluste erwähnt der Film nur en passant, nicht ohne ihnen den Anstrich des Heroischen zu verpassen.

Nie in Deutschland gezeigt

In den deutschen Kinos wurde der Film übrigens nie gezeigt. Das mag daran liegen, dass er trotz aller Lobeshymnen auf das deutsche Kriegsgeschick zu wenig propagandistisch daherkommt. Zum Beispiel bei den Kämpfen um Narvik, wo auch zu sehen ist, wie die personell und materiell klar unterlegenen Deutschen schwere Verluste hinnehmen müssen.

Dass der Nazi-Film nun in Oslo läuft, grenzt an ein Wunder. Denn die Filmrollen wurden dereinst auf Nitratbasis hergestellt. Und das ist ein Material, das bei Filmhistorikern für Sorgenfalten auf der Stirn sorgt: Nitratfilme sind nämlich hochgradig feuer- und explosionsgefährdet. Nach Auskunft von Experten besitzt das Trägermaterial eine höhere Sprengkraft als Schwarzpulver und kann sich bereits ab einer Temperatur von 38 Grad celsius selbst entzünden.

Das Wunder ist also nicht, dass Saakvitne den Film beim Surfen zufällig gefunden hat. Das Wunder ist, dass die Rollen überhaupt bis dahin überlebt haben. Gezeigt wurde in Oslo übrigens eine Digitalkopie des Films, die von Ragnar Løvberg vom Norwegischen Filminstitut angefertigt wurde. Die Original-Rollen lagern längst in den gesicherten Bergmagazinen der norwegischen Nationalbibliothek in Mo i Rana nahe des Polarkreises.



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