Nürnberger Prozesse: Pressecamp im Schloss des Bleistiftkönigs

Schriftsteller und Journalisten aus aller Welt wurden während der Nürnberger Prozesse auf Schloss Stein untergebracht. Ernest Hemingway und John Steinbeck lebten auf dem Sitz der Faber-Castells monatelang mit Kollegen aus aller Welt zusammen.

Hamburg - "Eines Morgens verwechselte ich halb verschlafen meine Zahnbürste mit der meines Nebenmannes, der sagt: 'Verzeihung, diese Bürste trägt meine Initialen. Mein Name ist Steinbeck, John Steinbeck.' Im Hintergrund planscht John dos Passos vergnügt in der Badewanne, und ein paar Schritte von uns beklagt sich Ernest Hemingway, mit nichts als einem Frottiertuch um den Bauch, über die lokalen Weinsorten." Verbürgt ist diese Anekdote des amerikanischen Reporters George W. Herald nicht, dennoch veranschaulicht sie, wie es zugegangen sein mag, als Starreporter aus der ganzen Welt monatelang auf Schloss Stein zusammenwohnten.

Das zerbombte Nürnberg bot nicht genügend Unterkünfte für den Ansturm der Weltpresse auf die Kriegsverbrecherprozesse, daher wurden Korrespondenten und Schriftsteller auf dem nahen Schloss untergebracht, das den Krieg nahezu ohne Schäden überstanden hatte. Die Besatzungsmächte übernahmen das Gebäude von dem Industriellen Eberhard Faber, zusätzlich zu dem Schloss wurde eine Villa auf dem Gelände beschlagnahmt.

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Nürnberger Prozesse: Journalistenherberge im Schloss Stein

Das zwischen 1903 und 1906 erbaute Jugendstil-Schloss diente als Herberge und Informationszentrum zugleich für die internationalen Berichterstatter. Die Gästeliste aus dieser Zeit ist gespickt mit prominenten Namen. Alfred Döblin war im Auftrag der französischen Militärregierung da, Ernest Hemingway beobachtete den Prozess genauso wie John Steinbeck, Erich Kästner und Erika Mann. Einige Korrespondenten wurden erst nach den Prozessen bekannt, etwa der spätere DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf oder Willy Brandt, der für skandinavische Zeitungen aus Nürnberg berichtete.

Zwar wohnten die Pressevertreter in noblen Räumen, gespickt mit antikem Mobiliar, doch war der Komfort nicht so groß, wie es aus heutiger Sicht den Anschein hat. Zu acht oder zu zehnt logierten die Reporter etwa im Louis-XVI-Salon, der zum Schlafsaal umfunktioniert wurde. Insgesamt 78 Korrespondenten wurden auf dem Schloss untergebracht. Im Gobelinsaal verfassten die Korrespondenten ihre Berichte über den Prozess - an langen Tischen sitzend, hämmerten sie auf ihre Schreibmaschinen ein.

Die letzten US-Besatzer verließen das Schloss im Jahr 1953, anschließend stand es 30 Jahre lang leer. Mitte der achtziger Jahre ließ Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell den Sitz seiner Familie sanieren, seither dient Schloss Stein als Ausstellungs- und Veranstaltungsort.

Jens Todt

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