Nürnberger Prozesse Wie Rosenberg sein eigenes Todesurteil fällte

Verteidiger Thoma hatte sich so viel Mühe gegeben. Wenn sein Mandant Alfred Rosenberg alle Schuld auf Bormann, Himmler & Co. schieben würde, könnte man seinen Kopf vielleicht noch retten. Doch der Chefideologe der Nazis wollte von seinem Bekenntnis zum Nationalsozialismus nicht abrücken.

Von Ernst Piper


Berlin - Alfred Thoma, ein pensionierter Landgerichtsdirektor, strebte als Rosenbergs Verteidiger vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg eine realistische Verteidigungsstrategie an: "Ich sagte zu ihm: 'Rücken Sie doch von der Bande ab.' Er fragte: 'Welche Bande?' Ich sagte: 'Sie haben mir ja schon selbst erklärt, dass Sie mit Bormann, Himmler, Kube, Streicher und Koch nichts zu tun haben wollten. Sie sind doch praktisch schon von diesen Leuten geschieden. Denken Sie doch darüber nach, wie anders Ihr Leben geworden wäre, wenn Sie die Bekanntschaft dieser Männer in München nicht gemacht hätten.'"

Rosenberg in Nürnberg: "Versuch, die Schuld abzuwälzen"

Rosenberg in Nürnberg: "Versuch, die Schuld abzuwälzen"

Thoma schloss mit dem Vorschlag: "Erklären Sie, dass Sie wegen Ihrer Ideologie allein nicht verurteilt werden können, aber geben Sie zu, dass Sie über die Auswirkungen derselben selbst erschrocken waren." Wollen wir den Aufzeichnungen des braven Landgerichtsdirektors glauben, so haben seine Ausführungen durchaus Eindruck auf seinen Mandanten gemacht. Er sagte, er wolle sich überlegen, ob er, ähnlich wie es dann der clevere Albert Speer tat, ein allgemeines Schuldbekenntnis abgeben wollte.

Er tat es nicht. Ganz im Gegenteil: Rosenberg beharrte bis zuletzt ostentativ auf seinem Bekenntnis zum Nationalsozialismus. In der Einsamkeit seiner Gefängniszelle schrieb er: "Der Nationalsozialismus war eine europäische Antwort auf die Frage eines Jahrhunderts. Er war die edelste Idee, für die ein Deutscher die ihm gegebenen Kräfte einzusetzen vermochte. Er war eine echte soziale Weltanschauung und ein Ideal blutbedingter kultureller Sauberkeit."

Am 15., 16. und 17. April 1946 wurde Alfred Rosenberg verhört. Nachdem er seinen Lebenslauf geschildert hatte, begann er sofort, über Goethe, Herder, Fichte, Kant, Schopenhauer und die indische Philosophie zu schwadronieren. Sein Verteidiger Thoma fragte nach: "Sie sprachen im Laufe Ihrer Reden häufig von 'der Gestalt der Idee'. Waren Sie da von Goethe beeinflusst?" Und Rosenberg antwortete: "Ja, das ist selbstverständlich, dass gerade dieser Gedanke, die Welt als Gestalt zu sehen, von Goethe kommt." Die Richter wollten sich solcherlei philosophische Exkurse jedoch nicht anhören und intervenierten. Es folgten eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen zwischen Verteidigung und Gericht, wobei Ankläger und Richter immer wieder betonten, dass niemand wegen seiner Gedanken angeklagt sei, sondern es um Taten gehe.

"Von der Tatsache der Konzentrationslager gehört"

Trotz seiner unverbrüchlichen Treue zur Nazi-Ideologie versuchte Rosenberg, seine Rolle kleinzureden, so gut es ging. Den norwegischen Faschistenführer Vidkun Quisling habe er nur einmal gesehen, von dem deutschen Einmarsch in Norwegen aus der Zeitung erfahren. Die Arbeit des Einsatzstabes habe er zwar geleitet, aber auf seine Initiative sei sie nicht zurückgegangen. Und als Ostminister habe er eigentlich gar nichts zu sagen gehabt. Nach dem ersten Verhörtag berichtete die Schweizer "National-Zeitung", Rosenberg versuche, wie schon die anderen Angeklagten vor ihm, "die Schuld für seine sämtlichen Taten und Maßnahmen auf das der Bestrafung nicht mehr zugängliche Trio Hitler, Himmler und Bormann abzuwälzen". Hier wurde eine Strategie erkennbar, die dann in späteren NS-Prozessen von den Angeklagten und ihren Verteidigern zu einiger Perfektion entwickelt wurde.

Der absurde Höhepunkt des Verhörs durch die Verteidigung war erreicht, als Thoma seinen Mandanten fragte: "Wissen Sie etwas über Konzentrationslager?" Ja, räumte Rosenberg ein, von der "Tatsache der Konzentrationslager" habe er 1933 gehört. Zwei der Lager seien ihm sogar namentlich bekannt, Oranienburg und Dachau. Doch besucht habe er niemals eines. Er habe "aus Geschmacksrücksichten, ihrer Freiheit beraubte Menschen nicht einfach beobachten zu wollen, davon Abstand genommen".

Rosenberg betonte, dass er zwar in der "Kampfzeit" eine "sehr scharfe Polemik" gegen die Juden geführt habe, doch sei er nach der "Machtergreifung" für eine "ritterliche Behandlung" der "Judenfrage" eingetreten. Thoma genügte diese Auskunft, doch der amerikanische Ankläger Thomas Dodd wollte anderntags etwas mehr über diese ritterliche Behandlung wissen: "Haben Sie je von der Ausrottung der Juden gesprochen?" Rosenberg geriet gewaltig ins Stottern und machte nicht weniger als sechs Anläufe, diese Frage nicht zu beantworten.

Schließlich hielt Dodd ihm seine eigene Notiz über seine Besprechung mit Hitler am 14. Dezember 1941 vor: "Ich stände auf dem Standpunkt, von der Ausrottung des Judentums nicht zu sprechen." Rosenberg versuchte sich in weiteren Ausflüchten und verwies zuletzt darauf: "Es ist auch hier von der Ausrottung des Judentums die Rede; 'Judentum' und 'der Juden' ist ja auch noch ein Unterschied." Dodd ließ sich nicht beirren und fuhr fort: "Ich habe Sie eben gefragt, ob zu jenem Zeitpunkt und später in den besetzten Ostgebieten, die unter Ihrer Verwaltung standen, Juden tatsächlich ausgerottet wurden."

Rosenberg konnte es nicht leugnen, versuchte aber verzweifelt, die Rolle seiner Mitarbeiter herunterzuspielen, doch seine Ausweichmanöver machten keinen besonders überzeugenden Eindruck. Dodd hielt Rosenberg auch die zynische Erfolgsmeldung von Generalkommissar Wilhelm Kube über die Mordaktionen in "Weißruthenien" vor und verwies darauf, dass dieser Bericht in seinen Amtsräumen gefunden worden sei, was Rosenberg allerdings nicht glauben wollte. Dodd hatte dem Angeklagten ziemlich zugesetzt, und die "Basler Nachrichten" konstatierten: "Immerhin konnte Dodd dem Angeklagten das Geständnis entreißen, dass er die Sklavenpolitik der Nazis kannte und recht wohl wusste, was in den Konzentrationslagern vor sich ging."

"Ich habe diesen Krieg nicht als Aggression von uns angesehen"

Abschließend nahmen die Russen Rosenberg ins Verhör. Hier trat deren Chefankläger, General Rudenko, selbst ans Rednerpult. Aus seiner Sicht war natürlich Rosenberg, der unermüdliche Prediger gegen das Russentum im Allgemeinen und den jüdischen Bolschewismus im Besonderen, einer der Hauptverbrecher auf der Nürnberger Anklagebank. Es entbrannten mehrfach hitzige Wortwechsel zwischen Rosenberg und Rudenko. Einmal musste die Sitzung sogar unterbrochen werden.

Die grundsätzliche Unvereinbarkeit der Standpunkte wurde deutlich, als Rudenko Rosenberg fragte, ob er "den aggressiven, räuberischen Charakter des Krieges, den Deutschland gegen die Sowjetunion geführt hat, und Ihre persönliche Verantwortung für die Planung und Ausführung des Angriffs" zugebe. Rosenberg antwortete diesmal kurz und ohne Umschweife: "Nein, weil ich diesen Krieg nicht als Aggression von uns aus angesehen habe, sondern umgekehrt."

Hier standen sich persönliche Feinde gegenüber, der Ideologe der Deutschen, die Europa hatten beherrschen wollen, und als Ankläger ein General, der jene Nation vertrat, die mehr als alle anderen unter den Deutschen gelitten hatte. Rudenko legte zuletzt noch Dokumente vor, die Rosenberg zwangen, sich zu seinen Ambitionen zu bekennen, Außenminister und Mitglied des geheimen Kabinettsrates zu werden. Er wollte so noch einmal dessen zentrale Rolle unterstreichen. Als er ihn abschließend fragte, ob er nicht Hitlers wichtigster Mitarbeiter gewesen sei, verneinte Rosenberg das zutiefst erschrocken. Damit endete das Verhör.

Am 1. Oktober 1946 sprach das Gericht sein Urteil. Rosenberg wurde in allen vier Anklagepunkten schuldig gesprochen. Die Urteilsbegründung zeigte, dass das Gericht den Dokumenten aus der Zeit vor 1945 mehr Glauben geschenkt hatte als den Einlassungen des Angeklagten im Gerichtssaal. Zunächst wurden Rosenbergs wichtigste Funktionen aufgezählt und betont, dass er der "anerkannte Parteiphilosoph" gewesen sei. Damit schien der erste Anklagepunkt, die Verschwörung, hinreichend berücksichtigt. Beim zweiten Anklagepunkt, den Verbrechen gegen den Frieden, stützte das Urteil sich vor allem auf Rosenbergs Tätigkeit als Leiter des Außenpolitischen Amtes, dabei vor allem auf seine gutdokumentierte Mitwirkung bei der Vorbereitung des Angriffs auf Dänemark und Norwegen.

Bei den beiden übrigen Punkten, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, hob man ab auf die Tätigkeit des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg, des Ostministeriums und seine Mitwirkung bei der Rekrutierung von Zwangsarbeitern. Am 16. Oktober wurde Rosenberg gemeinsam mit den anderen Verurteilten in den frühen Morgenstunden hingerichtet. Als der amerikanische Gefängnisgeistliche ihn auf dem Weg zum Schafott fragte, ob er für ihn beten sollte, antwortete er: "Nein, danke." Um 30 Sekunden nach 2 Uhr wurde Rosenberg amtlich für tot erklärt. Am Tag darauf wurde seine Asche in München in ein Seitenrinnsal der Isar gestreut.



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