Olympia-Attentat 1972: Das Trauma von München

Roswitha Greis hatte einen aufregenden Job ergattert: Dolmetscherin bei Olympia 1972 in München. Die Studentin erlebte fröhliche Spiele - bis der Terror alles änderte.

Ich war 22 in diesem Sommer, als ich - wie so viele andere - von überschäumender Freude und Begeisterung in Trauer und fassungslose Wut gestürzt wurde. Wut, nicht nur auf die kaltblütigen und brutalen Verursacher dieses Blutbades, sondern auch auf das Olympische Komitee. Und auf Avery Brundage, den alten Mann, der meinte, 16 Tote und unzählige tief Betroffene reichten nicht aus, um einzugestehen, dass diese Olympischen Spiele des Jahres 1972, auf die Deutschland so große Hoffnungen gesetzt und die so euphorisch begonnen hatten, für immer zerstört sein würden.

Roswitha Greis (vorne Mitte) mit ihren Kolleginnen bei den Olympischen Spielen 1972

Roswitha Greis (vorne Mitte) mit ihren Kolleginnen bei den Olympischen Spielen 1972

"The Games must go on!" - meine Kommilitonin und ich konnten es nicht glauben, als wir diesen Satz hörten. Für uns würden sie nicht weitergehen.

Wir fuhren in unsere Unterkunft, packten unsere Sachen zusammen und meldeten uns in unserem Einsatzbüro ab. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie man dort auf unsere Entscheidung reagiert hat. Ich glaube, man hat uns mehr oder weniger kommentarlos gehen lassen. Unsicherheit, Verwirrung und Ratlosigkeit waren überall die vorherrschenden Eindrücke. Auf der Heimfahrt sprachen wir kaum, jede hing ihren Gedanken nach.

In was für einer Hochstimmung waren wir gewesen in den Wochen vor Beginn unseres Einsatzes! Wie meine Kommilitonin war ich Studentin am Dolmetscherinstitut der Uni Mainz. Französisch und Englisch waren meine Sprachen, Gabi machte außerdem noch Spanisch.

Wir hatten vorher mehrfach kleinere Jobs bei Messen erhalten - durch die gleiche Agentur, die uns jetzt nach München vermittelte. Wir waren bei deutschen Firmen in der Standbetreuung eingesetzt gewesen, hatten dort Gespräche mit ausländischen Besuchern übersetzt. Für uns als Sprachstudentinnen war das ein wunderbares Übungsfeld und machte großen Spaß.

Traumjob Olympia-Hostess

Unvergleichlich aber dann dieses Angebot: Wir durften bei den Olympischen Spielen in München dabei sein, um dort mit unseren Sprachkenntnissen den Gästen aus aller Welt zur Seite zu stehen. Ob es vorher eine Auswahl gab und nach welchen Kriterien sie getroffen wurde, das weiß ich nicht mehr. Meine Erinnerung setzt erst da ein, wo wir schon unterwegs sind, aufgeregt, glücklich, noch ein bisschen ungläubig, dass wir das große Los gezogen hatten.

Ich war vielleicht die glücklichste von allen, denn ich war nicht nur fasziniert von Sprachen und Menschen, sondern auch von Kindheit an begeisterte Sportlerin, hatte sogar einmal an Deutschen Meisterschaften im Fünfkampf teilgenommen. Was für eine großartige Zeit lag da vor uns! Was würden wir alles erleben, welche berühmten Sportler würden wir treffen, welche Wettkämpfe würden wir live verfolgen können?

Die Uniformen, in die man uns gesteckt hatte - eine Nachempfindung des bayerischen Dirndls - trafen nicht so hundertprozentig unseren Geschmack, aber darüber konnten wir großzügig hinwegsehen. Auch die Quartiere waren ziemlich spartanisch: Sie waren winzig und erinnerten an Schiffskojen, aber wir würden ja sowieso kaum dort sein.

Wir wurden je nach unseren Sprachkenntnissen bei verschiedenen Ereignissen eingesetzt, und jede von uns bekam außerdem zwei oder drei Karten für bestimmte Wettkämpfe. Meine Freude war riesig, als ich feststellte, ich würde die Endausscheidung beim Hochsprung der Damen miterleben können. Es wurde tatsächlich ein Highlight, gleichzeitig auch die allerletzte positive Erinnerung an diese Spiele: Ulrike Meyfarth, die sich in einem äußerst spannenden Wettkampf gegen alle Konkurrentinnen durchsetzte und die Goldmedaille erstritt - bei den letzten Sprüngen musste schon das Flutlicht eingeschaltet werden, und alle anderen Disziplinen waren längst vorbei.

Ich fühlte mich großartig. Ein bisschen patriotisch, sehr weltoffen, neugierig auf alles, was noch kommen würde, sehr dankbar dafür, diese einzigartige Stimmung erleben zu dürfen.

Das blutige Ende der "friedlichen Spiele"

Und dann das Ende: Gerüchte zuerst, keiner wusste etwas Genaues. In den Stadien ging alles weiter, Informationen kamen nur spärlich, und die Organisatoren schienen keinen Handlungsbedarf zu sehen. Meine Freundin und ich beschlossen, in die Stadt zu fahren. Vielleicht konnten wir dort mehr erfahren.

Am Marienplatz eine Menschenmenge. Aufgeregte Diskussionen überall, bei vielen ging es um die Frage, ob die Spiele abgebrochen werden sollten. Ich verstand nicht: Wenn das stimmte, was nach und nach an die Öffentlichkeit drang, wie konnte dann überhaupt noch irgendjemand daran denken weiterzumachen?

Ich wusste kaum etwas vom politischen Hintergrund der Ereignisse, mein Interesse an Weltpolitik war noch sehr dünn zu dieser Zeit; und welche Motive die palästinensischen Terroristen zu einer solchen Tat getrieben haben könnten, entzog sich völlig meiner Kenntnis. Es spielte auch keine Rolle für mich. Da hatten Menschen aufgehört Menschen zu sein und ein hoffnungsvolles Freudenfest für ihre Zwecke in ein Blutbad verwandelt.

Am Abend hörten wir mit lähmendem Entsetzen im Radio den Bericht über den katastrophalen Polizeieinsatz in Fürstenfeldbruck, an dessen Ende 14 Särge standen. Was auch immer dieses Olympische Komitee beschließen würde: Für mich war alles vorbei.

Stadionsprecher Detlev Mahnert musste bei den Olympischen Spielen 1972 die Entscheidung des IOC zum Weitermachen verkünden. In der Aufregung fiel ihm das englische Wort für Geiseln nicht mehr ein - jener 5. September beschäftigt ihn bis heute.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Zeitgeschichte
RSS
alles zum Thema RAF
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
München 1972: Terror bei den Olympischen Spielen
Fotostrecke
München 1972: Terror bei den Olympischen Spielen

Fotostrecke
München 1972: Terror bei den Olympischen Spielen