Olympia-Massaker 1972 Die schwierige Erinnerung

Dilettantismus, Überforderung, Unfähigkeit: Der Umgang mit der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 gilt als eines der größten Desaster der deutschen Sicherheitsbehörden. Als das Debakel vorüber war, zählte nur eins: die Wiederherstellung von Normalität.

Von Henryk M. Broder


Berlin - Am 5. September jährte sich zum 35. Mal der Tag des Münchener Olympia-Massakers. Mit Ausnahme von SPIEGEL ONLINE hat kein anderes Massenmedium, keine überregionale Zeitung an das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft erinnert, das mit einem Blutbad endete. Auch der "tagesschau" der ARD und dem "heute-Journal" des ZDF war das Ereignis keine Meldung wert. Dafür mag es eine organische Erklärung geben: Platz- und Zeitmangel angesichts aktueller Nachrichten von der Terrorfront; außerdem jährte sich zum 30. Mal die Entführung von Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977, über die in allen Printmedien und auf allen Kanälen ausführlich berichtet wurde.

Möglich ist aber auch, dass "München" absichtlich ignoriert wurde; nicht im Sinne eines Komplotts, sondern um der Begegnung mit einer Peinlichkeit aus dem Weg zu gehen. Denn bei dem Anschlag von München, bei dem insgesamt 17 Menschen (einschließlich fünf der acht Terroristen) ums Leben kamen, handelte es sich nicht nur um eine Tat, die sich bis dahin niemand vorstellen konnte und auf die niemand vorbereitet war, es kam auch zu einem Versagen aller deutschen Sicherheitsorgane. Vor dem Anschlag, währenddessen und danach. An eine solche Serie von Pleiten, Pech und Pannen will niemand gern erinnert werden.

Die Terroristen konnten ohne große Mühe in das völlig unzureichend geschützte Olympiagelände eindringen. Danach vergaß man, ihnen den Strom abzustellen, weswegen sie aus Radio und Fernsehen von der geplanten Befreiungsaktion erfahren und sich entsprechend verhalten konnten. Am Flugplatz von Fürstenfeldbruck befanden sich nur fünf Scharfschützen, da man mit vier bis fünf Geiselnehmern rechnete, während es tatsächlich acht waren. Die fünf Scharfschützen waren nicht nur überfordert, sondern auch schlecht bewaffnet: mit Sturm- statt mit Präzisionsgewehren. Sie hatten keinen Funkkontakt zueinander und keine Nachtsichtgeräte. Es gab nicht einmal Zielabsprachen.

Als es so weit war, schossen sie drauflos. Die Schießerei zog sich über 45 Minuten hin, bis die aus München angeforderten Panzerfahrzeuge der Polizei eintrafen, an die vorher niemand gedacht hatte. In der Maschine, mit der die Terroristen "ausgeflogen" werden sollten, befand sich eine "Crew" aus Polizeibeamten. Sie brachen den Einsatz ab, nachdem sie feststellten, dass sie für einen solchen Job unzureichend ausgebildet waren. Es konnte nicht geklärt werden, wie die Geiseln starben, ob im Kugelhagel der Polizei oder durch die Geiselnehmer. Die verbrannten Körper ließen eine genaue Feststellung der Todesursache nicht zu.

Nichts war wichtiger als die Wiederherstellung von Normalität

Die drei überlebenden Terroristen kamen unter bis heute ungeklärten Umständen frei. Sie wurden wenige Wochen nach dem Anschlag, am 29. Oktober, gegen die Passagiere und die Besatzung einer entführten Lufthansa-Maschine ausgetauscht. Die Aktion war mehr als obskur, unter anderem weil nur zwölf Passagiere an Bord der "Kiel" waren, von denen man hinterher nie mehr etwas hörte; das Ganze sah aus, als bräuchte die Bundesregierung einen guten Grund für eine Freilassung der Terroristen, um weiteren Ärger mit deren Auftraggebern zu vermeiden.

Auf der israelischen Seite dagegen setzte sich die Erkenntnis durch, dass man sich nur auf die eigene Kraft verlassen kann. Der für Operationen im Ausland zuständige Geheimdienst Mossad bekam den Auftrag, die für das Münchner Attentat Verantwortlichen zu finden und zu töten. Chef der Sondereinheit "Caesarea" wurde der spätere Ministerpräsident Ehud Barak. Seine Agenten liquidierten zwei der drei Palästinenser, die München überlebt hatten, dazu zwölf weitere mutmaßliche Helfer, die im Verdacht standen, den Anschlag mit vorbereitet zu haben.

Leider kam dabei zumindest ein Unschuldiger ums Leben: Der im norwegischen Lillehammer lebende Marokkaner Ahmed Bouchiki. Er hatte mit dem Attentat nichts zu tun und wurde aufgrund eines falschen Tipps mit dem Chef der Spezialtruppe "Force 17" verwechselt. Sechs Mossad-Agenten wurden gefasst, vor Gericht gestellt, verurteilt und zwei Jahre später nach Israel abgeschoben.

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