RAF-Terror Boock nennt Namen von Schleyers mutmaßlichen Mördern

Eines der letzten Rätsel um die RAF ist gelöst: In einer neuen TV-Dokumentation und im SPIEGEL schildert das Ex-RAF-Mitglied Peter-Jürgen Boock, wer am 18. Oktober 1977 den entführten Hanns-Martin Schleyer nach 44 Tagen Geiselhaft erschossen haben soll.


Hamburg - Es war eine der spektakulärsten und schauerlichsten Terror-Aktionen der RAF: Der im September 1977 in Köln entführte Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer wurde nach 44 Tagen Geiselhaft hinterrücks von Terroristen erschossen. Ungeklärt war bisher die Frage: Wer waren die Mörder?

Eine neue Fernsehdokumentation von SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und SPIEGEL-TV-Autor Helmar Büchel (ARD, Sonntag, 21.45 Uhr und Montag, 20.15 Uhr) liefert nun die Antwort auf diese Frage. Einer der Beteiligten der Schleyer-Entführung, der Ex-RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock, nannte im Interview im Zusammenhang mit der Erschießung Schleyers erstmals Namen: "Es waren zwei Kommandomitglieder, Rolf Heißler und Stefan Wisniewski", sagte Boock.

Während Wisniewskis Mittäterschaft bei der Ermordung bereits seit längerem vermutet wurde, war Heißlers Beteiligung nicht bekannt.

Rolf Heißler, so Boock, habe ihm die genauen Abläufe und auch den Tatort in einem Waldstück unmittelbar hinter der belgisch-französischen Grenze geschildert, nachdem er sich aus Europa in ein palästinensisches Ausbildungslager im Jemen abgesetzt hatte. "Ich habe für mich die Erklärung dafür gefunden, dass er zeigen wollte, jetzt war ich auch mal bei einem Kommando dabei und habe die Rolle bis zum Ende durchgestanden", so Boock.

Boock selbst befand sich mit weiteren Angehörigen des Entführungskommandos zum Zeitpunkt von Schleyers Erschießung in Bagdad. Gemeinsam mit Brigitte Mohnhaupt habe er nach den Selbstmorden der Stammheimer Gefangenen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe die Ermordung Schleyers per Fernschreiben angeordnet, sagte Boock den Filmemachern.

Erkenntnisse aus dem Obduktionsprotokoll stützen die Aussage Boocks. Danach war Schleyer zwischen dem 18. Oktober mittags und dem 19. Oktober 1977 morgens mit drei Schüssen aus nur einer Waffe ermordet worden. Allerdings hatten unterschiedliche Schusswinkel auf zwei verschiedene Täter hingedeutet.

Gegenüber der Bundesanwaltschaft hat Boock seine Version der Abläufe zu Protokoll gegeben, nachdem ihm die Vernehmer mit Beugehaft gedroht hatten. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe bestätigte heute, dass Boocks Aussage "aktuell geprüft" werde.

Bereits im Frühjahr hatte die Bundesanwaltschaft neue Ermittlungen gegen Stefan Wisniewski eingeleitet, nachdem er von seinen früheren Komplizen Verena Becker und Boock als mutmaßlicher Schütze auch beim Anschlag auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback und seine Begleiter genannt worden war.

Rolf Heißler gehörte im Gefüge der zweiten RAF-Generation zur zweiten Führungsebene. Zu seinen schwersten Taten zählen zum einen seine Beteiligung an der Schleyer-Entführung 1977 und der Mord an zwei niederländischen Grenzbeamten 1978. In Kerkrade war er zusammen mit Adelheid Schulz von den Polizisten bei einem illegalen Grenzübertritt entdeckt worden.

1948 in Bayreuth geboren, hatte Heißler Ende der sechziger Jahre ein Philosophiestudium in München begonnen. Mit seiner Partnerin Brigitte Mohnhaupt lebt er in dieser Zeit in einer Kommune zusammen. Die Beziehung scheitert schnell, doch auch Heißler schließt sich später der RAF an. Nach einem Bankraub in München wird er 1971 festgenommen und zu acht Jahren Haft verurteilt. Mit der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Lorenz 1975 presst die "Bewegung 2. Juni" Heißler und andere Inhaftierte frei. Er wird in den Jemen geflogen. Später kehrt er unerkannt nach Deutschland zurück. Erst im Juni 1979 wird Heißler mittels Rasterfahndung gefasst. Ein Kopfschuss verletzt ihn dabei schwer. Das Oberlandesgericht Düsseldorf verurteilt ihn zu lebenslanger Haft. Im Oktober 2001 ist er schließlich auf Bewährung frei.

Stefan Wisniewski gehörte ebenfalls zur zweiten Generation der RAF, zu jenen, die ihre Verbrechen zwischen 1977 und 1979 verübten: zuerst die Ermordung von Bundesanwalt Siegfried Buback, kurz darauf die Erschießung des Bankiers Jürgen Ponto, dann die Entführung und Ermordung Schleyers. Er galt als einer der härtesten RAF-Terroristen, was ihm den Tarnnamen "Fury" (Die Furie) einbrachte. "Kein Intellektueller. Nie an der Uni. Aber ein entschlossener Macher", schrieb RAF-Experte Butz Peters über ihn.

Am 4. Dezember 1981 verurteilt ihn das Oberlandesgericht Düsseldorf wegen gemeinschaftlichen fünffachen Mordes, erpresserischen Menschenraubs, Geiselnahme und versuchter Nötigung der Bundesregierung. Nach 20 Jahren Haft, der gesetzlichen Mindestdauer, setzte das Gericht die lebenslange Strafe zur Bewährung aus, am 1. März 1999 kommt Wisniewski auf freien Fuß.

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