Reformen von 1807 Wie Preußen zur Großmacht wurde

Vor 200 Jahren begann in Preußen das größte Reformprojekt der deutschen Geschichte. Eine Handvoll Spitzenbeamter befreiten Millionen Bauern, gründeten ein Bildungssystem von Weltruf, führten im Hohenzollernstaat die Marktwirtschaft ein - und leider auch die Einkommensteuer.


Sie zählten einige Dutzend Männer, darunter Grafen und Fürsten, ehemalige Hauslehrer, Apotheker, Ärzte und ein Bauernsohn. Manche von ihnen waren gemäßigt, andere radikal; es gab Konservative und Liberale, Philo- und Antisemiten, Anhänger des Freihandels und des Protektionismus.

Doch die Minister Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein und Karl August Freiherr von Hardenberg, die Militärs Gerhard von Scharnhorst und August Wilhelm Neidhardt Gneisenau und den Abteilungsleiter Wilhelm von Humboldt einte der Wille, Preußen von Grund auf zu verändern. Daraus wurde das größte Reformprojekt in der deutschen Geschichte: die Preußischen Reformen, begonnen 1807.

In nicht einmal einem Jahrzehnt katapultierte die kleine Gruppe von Staatsdienern, unterstützt von Königin Luise, den Hohenzollernstaat an die Spitze der Moderne. Millionen Menschen erhielten erstmals das Recht zu leben, wo sie wollten, zu heiraten, wen sie wollten, den zu Beruf ergreifen, den sie wollten - das war zuvor alles nicht möglich gewesen.

Vieles, was heute zur Grundausstattung moderner Staaten zählt, wurde damals eingeführt: die Wehrpflicht, die Einkommensteuer, die Gewerbefreiheit, die kommunale Selbstverwaltung. Die Reformer zertrümmerten die Fundamente der über Jahrhunderte gewachsenen ständischen Gesellschaft. Jeder durfte nun Unternehmer werden (vorher nur Bürgerliche), ein Handwerk ausüben (vorher nur Zunftmitglieder), Rittergüter kaufen und verkaufen (vorher nur der Adel).

Ein Arbeitsmarkt entstand, Wettbewerb hielt Einzug, mit weitreichenden Folgen: Stein, Hardenberg und die anderen schufen die Grundlage dafür, dass Preußen und damit auch Deutschland zum Industriestaat wurde.

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Stimmen über Preußen: "Steif, heuchlerisch und scheinheilig"

Bedanken konnten sich die Reformer für ihren Erfolg bei dem ihnen so verhassten Napoleon. Denn mehrfach hatten sie vergeblich den zögerlichen Monarchen Friedrich Wilhelm III. gedrängt, das morsche Königreich zu sanieren.

Erst der grandiose Sieg des Korsen über die preußischen Truppen in der Schlacht bei Jena und Auerstedt 1806 machte den Weg für Veränderungen frei. Im Frieden von Tilsit verlor Friedrich Wilhelm ungefähr die Hälfte seines Reiches und verpflichtete sich zu gigantischen Kontributionszahlungen. Sollte Preußen wieder Großmacht werden, musste er das Land von Grund auf verändern. Im Oktober 1807 wurde Stein Regierungschef und machte sich ans Werk.

Kaum einer der Erneuerer blieb die ganze Zeit dabei. Stein musste 1808 seinen Sessel räumen, weil bekannt wurde, dass er mit einem Aufstand gegen die französische Besatzungsmacht in Preußen sympathisierte. Hardenberg wurde erst 1810 berufen, blieb dann allerdings bis zu seinem Tode 1822 im Dienst. Auch der Bildungsexperte Humboldt reformierte nur ein gutes Jahr.


In der kurzen Zeit sorgte er allerdings dafür, dass Preußen schon bald darauf zum Hort der Wissenschaft aufstieg. Er gründete die heute nach ihm und seinem Bruder Alexander benannte Berliner Universität, die deutschlandweit Nachahmer fand. Dass nicht jeder eine Schule gründen und dort unterrichten darf, was er will, sondern der Staat für die Qualität der Bildung bürgt, ist ebenfalls einer von Humboldts zahlreichen Erneuerungen, die heute noch unser Leben prägen.

Am Ende gelang den Reformern sogar die Verwirklichung ihres wohl größten Traumes - ein Sieg über Napoleon. In den sogenannten Befreiungskriegen zwischen 1813 und 1815 stand Preußen an der Seite Österreichs und Russland; Napoleon wurde entthront und nach St. Helena verbannt.

Ob und was die Reformen zu diesem Triumph beigetragen haben, ist allerdings bis heute unter Experten umstritten.

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