Stammheim-Protokolle Mythische Stimmen aus dem Jenseits

Bisher war Andreas Baader nur der stumme Posterboy des deutschen Herbsts. Nun kann man auch seine Stimme hören. Der Schriftsteller und RAF-Experte Gerd Koenen über die jüngst aufgetauchten Bänder aus dem Stammheimer Prozess - Analyse eines lispelnden Kommandotons.


Berlin - Was beim Anhören der unerwartet aufgefundenen Stammheim-Bänder am stärksten frappiert, ist die bei allen Angeklagten ziemlich gleich temperierte Tonlage. Andreas Baader ist es, der diesen Sound vorgibt, er ist der "Kopf", wie Ulrike Meinhof wörtlich sagt, den der Feind abschlagen will. Ihn hört man hier überhaupt zum ersten Mal.

Es gab bisher keinen O-Ton von Baader. Auch in der Zeit vor dem Abtauchen im Winter 1969/70, als Baader in der Frankfurter Szene vielfach präsent war, hat man ihn nie öffentlich reden hören. Auf den SDS-Plena oder den Teach-ins stand er mit Gudrun in der roten Lederjacke und mit seiner Zöglingsgarde grinsend am Rande. Nie stellte er sich, wie politische Prätendenten ("Köpfe") in politischen Bewegungen es von jeher getan haben, auf das Podium oder ging ans Mikrofon, um zu einer Versammlung zu sprechen. Selbst als ausstrahlender Charismatiker, der er für viele offenbar war, blieb er eine durch und durch informelle Figur, ein "Gangleader", kein klassischer politischer Anführer, Sprecher, Agitator.

Hier, in der Situation von Stammheim, spricht Baader als der "Kopf", der den Ton vorgibt, dem alle zuhören, bei dem alle mitschreiben. Er argumentiert in einer seltsamen Mischung aus Juristendeutsch und Kommandoerklärung. Man hat sich Stammheim offenbar viel zu sehr als einen Prozess vorgestellt, in dem ständig geschrien und getobt wurde - was in bestimmten Situationen auch der Fall war.

Juristendeutsch und Kommandoerklärung

Aber anders als die schneidenden Anklagereden und Wortwechsel von Ulrich Tukur in Reinhard Hauffs Verfilmung von 1986 suggerieren, hatte der reale Andreas Baader es kaum nötig, auch nur die Stimme zu heben. In diesen Ausschnitten verwendet er im Gegenteil das Kunstmittel der leisen, verschliffenen Rede, das nur solchen zu Gebote steht, die wissen, dass dann alle umso mehr die Ohren spitzen. Selbst eine direkte Drohung (an den Vorsitzenden Richter) wird leise, wie beiläufig ausgesprochen: "Dazu wollte ich nur kurz feststellen: Wir sind sicher, Prinzing, dass Sie hier auch an Ihrem eigenen Urteil arbeiten."


Stammheim-Prozess - die Fernsehdokumentation
Sehen Sie einen Ausschnitt aus der Fernsehdokumentation
"Die RAF" für die ARD, bei deren Recherche SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und SPIEGEL-TV-Autor Helmar Büchel die Mitschnitte entdeckt haben. (mehr...)

 
Teil 1: "Der Krieg der Bürgerkinder", Sonntag, 9. September, 21.45 Uhr
 
Teil 2: "Der Herbst des Terrors", Montag, 10. September, 20.15 Uhr
Die Mitschnitte des Stammheim-Prozesses in Auszügen -
SPIEGEL ONLINE dokumentiert den Wortlaut:

 
28. Oktober 1975: Andreas Baader zur Isolationshaft
28. Oktober 1975: Jan-Carl Raspe zur Isolationshaft
10. März 1976: Ulrike Meinhof über den Prozess
4. Mai 1976: Gudrun Ensslins Bekenntnis zu RAF-Anschlägen
4. Mai 1976: Andreas Baader zu Nixon als Zeugen

Die Mitschnitte zum Anhören:


Stammheim ist seine Traumsituation als Staatsfeind Nummer Eins Und seine Mithäftlinge, der treue Raspe und die beiden miteinander zerfallenen Frauen, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, bestätigen ihn in dieser Rolle. Und das Gericht und die politischen Instanzen im Hintergrund tun es auf ihre Weise. Und die Garde der Verteidiger tut es erst recht. Ihnen, Schily oder Heldmann, bleibt es überlassen, im schneidenden Duktus der Gegenankläger aufzutreten. Baader gibt ihnen aus dem Hintergrund oder in seinen hingenuschelten Einlassungen die Stichwörter einer "politischen Verteidigung" vor.

Vom Kampf-Kollektiv zum Kult-Kollektiv

Das Thema aller Einlassungen sind sie selbst, die "seit vier Jahren Gefolterten", so Ulrike Meinhof, die dem angeblich nur durch "Sondergesetze" ermöglichten Prozess die "Struktur eines Kriegsgerichts beziehungsweise ... Polizeigerichtsverfahrens" attestiert. Die RAF-Gefangenen sehen in der Tatsache als solcher, dass man sie inhaftiert ("isoliert") und vor ein Gericht gestellt hat, nur ein weiteres Element einer globalen "Counter-Insurgency", eines von den USA gesteuerten "Anti-Guerilla-Kriegs", dessen Ziel es ist, "die Köpfe abzuschlagen, und das meinen wir ganz konkret".

Die "Köpfe" sind sie. Mit einer im Januar 1976 vorgelegten, 248 Seiten langen, gemeinsam erarbeiteten Prozesserklärung, die, wie Raspe devot betont, in ihren "wesentlichen Bestimmungen von Andreas" stamme, waren sie - nachdem das Verfahren als solches nicht mehr zu verhindern war - in die Offensive gegangen. "Wir haben uns entschlossen, diesen revolutionären Krieg in der Metropole des Imperialismus zu beginnen", heißt es darin. Man habe auf jeden Fall erreicht, "dass der Name Baader heute für Rebellion, Insurrektion steht ..., dass Andreas für uns ist: Beispiel für ... die Politik der Besitzlosen, der Klasse." Das alles trägt, wohlgemerkt, die Unterschrift von Baader selbst. Das einstige Kampf-Kollektiv hat sich in ein Kult-Kollektiv seiner selbst und seines Führers verwandelt, welches verbindlich dekretiert: "Außerhalb des Kampfes gibt es nichts - nur Entfremdung, Unterdrückung, Zerstörung, Tod." Im Fegefeuer dieser existenzialistischen Leitsätze werden, genau in dieser Zeit, die zweite RAF-Generation und auch schon der Nukleus einer dritten Generation gezeugt.

Sie alle, von Christian Klar bis Birgit Hogefeld, kommen ja aus den "Komitees gegen Isolationshaft" oder "Folterkomitees". Es sind diese "Voices of Stammheim", die sie im Ohr haben, deren Stimmlosigkeit schon die von demnächst womöglich Ermordeten suggerieren soll, von Revolutionären als "Toten auf Urlaub". Da die Haftbedingungen in Stammheim selbst unter dem Druck der Hungerstreiks und des Gespenstes einer ärztlich attestierten Prozessunfähigkeit den Gefangenen weiter entgegenkommen, als es die Strafprozess- und Strafvollzugsordnungen eigentlich erlauben, wird jetzt auf die "schalltoten, fensterlosen Zellen" im Prozessgebäude selbst verwiesen, und wie ein Mantra immer wieder auf den "Toten Trakt" von Köln-Ossendorf, in dem Ulrike Meinhof 1973/74 acht Monate lang gesessen hatte.



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