Tschernobyl Besuch in der Sperrzone

Zwei Jahrzehnte nach dem GAU von Tschernobyl ist die Sperrzone um den Reaktor noch immer unbewohnbar. Mehr als hunderttausend Menschen wurden nach der Katastrophe evakuiert - heute herrschen hier Leere und Verfall.

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Es ist ein ungewöhnlich milder Tag im Dezember: Am Rand einer trostlosen zweispurigen Straße lassen die Bäume ihre Zweige in den Schneematsch hängen. Schwere, graue Wolken drücken auf die dunstige Landschaft, als wir uns der Sperrzone von Tschernobyl nähern. Weit und breit ist kein Auto zu sehen, was dem Fahrer unseres klapprigen Skoda-Kombis die Möglichkeit gibt, ungestört den zahlreichen Schlaglöchern auszuweichen.

Wir nähern uns einer kleinen Holzhütte, deren angrenzendes Eisentor die Durchfahrt versperrt. Ein Wachposten kommt heraus, kontrolliert die Papiere des Fahrers und meine Aufenthaltsgenehmigung für die "Zone". Alles geht glatt: Das Tor geht auf und wir betreten den Schauplatz der größten zivilen Atomkatastrophe aller Zeiten.

Ein Schild verweist auf den Ortseingang eines Dorfes, aber kein Haus ist zu sehen. Der Fahrer deutet auf einen rechts der Straße liegenden Wald, in dem sich feuchte Bauernhäuser unter dem Schnee verstecken. Und obwohl die Bäume in den vergangenen Jahren ihre Wurzeln tief in die Fundamente gegraben haben, wirkt das Dorf, als sei es erst gestern verlassen worden. Ein Elch überquert vor uns gelassen die Fahrbahn.

Fast genau vor zwanzig Jahren, in der Nacht zum 26. April 1986, explodiert der Reaktor Nummer 4 im Atomkraftwerk von Tschernobyl, einem kleinen Ort am Ufer des Flusses Pripjat, rund 130 Kilometer nördlich von Kiew. Die Kernschmelze und das gewaltige Feuer blasen ungeheure Mengen an Radioaktivität in die Atmosphäre. Und die Strahlung breitet sich schnell aus: Die umliegenden Wälder sterben, Felder und Gärten werden unbrauchbar und der Boden saugt sich voll mit Radioaktivität. Die unsichtbare nukleare Wolke breitet sich über die Sowjetunion und Mitteleuropa bis nach Skandinavien aus.

Bilder des Verfalls

Während der Rest der Welt lautstark Aufklärung von den sowjetischen Behörden verlangt, vollzieht sich in den Dörfern und Städten um den Reaktor eine groß angelegte Evakuierungsaktion. Vor den Plattenbauten der benachbarten Trabantenstadt Pripjat warten Tausende auf Busse, die sie aus der Gefahrenzone bringen sollen. Etwa 12.500 Bewohner verlassen das jahrhundertealte Tschernobyl, weitere 100.000 werden aus der 2800 Quadratkilometer großen Sperrzone rund um die Unglücksstelle evakuiert.

Heute ist dieses Gebiet fast menschenleer. In den Obstgärten faulen die ungepflückten, verstrahlten Früchte, die Gartenzäune sind eingefallen. Wuchernde Gräser haben den Asphalt erobert. Das einst geschäftige, moderne Pripjat bietet ein Bild des Zerfalls: Verlassen sind die breiten Straßen, nur selten verirrt sich ein Wildschwein oder ein streunender Hund in die gespenstische Einöde.

An einem Ende der prunkvollen Hauptstraße steht noch immer der städtische Kulturpalast. Trümmer quellen aus seinem Eingang und ergießen sich über die Treppe. Auf dem davor liegenden Platz haben sich Wildrosen den Weg durch brüchige Betonplatten gekämpft.

Innerhalb kürzester Zeit hatten Plünderer nach der Katastrophe die Schätze der verlassenen Stadt für sich entdeckt. Fenster, Möbel oder Kacheln wurden gestohlen und damit Tonnen radioaktiver Beute in unverstrahlte Gebiete geschleppt. Als der Reaktor explodierte, bereitete die Stadt gerade die Feiern zum 1. Mai vor. Noch heute hängen ramponierte Hammer-und-Sichel-Dekorationen an den Laternenmasten. Im Vergnügungspark hinter dem Kulturzentrum ragt ein verrostetes Riesenrad in den Himmel, stehen Autoscooter-Wagen verlassen auf dem Parcours. Die Kinder, die einst hier spielen sollten, werden nicht kommen.

Unsichtbare Schatten der Vergangenheit

Noch immer lauert Gefahr in der Sperrzone. Obgleich ein kurzer Besuch angeblich unbedenklich sein soll, werden Besucher von einem offiziellen Führer begleitet und mit einem Geigerzähler ausgestattet. Karten der Umgebung weisen bestimmte Zonen als verboten aus. Wasser und Lebensmittel, die hier konsumiert werden, müssen aus unverstrahlten Gebieten herantransportiert werden.

Trotzdem gibt es Menschen, die in der Zone leben. Einige sind zurückgekehrt, weil sie das Leben als Flüchtlinge in anonymen Wohnsilos fern der Heimat nicht ertragen haben. Sie ernähren sich bestenfalls von importierten Nahrungsmitteln und werden regelmäßig ärztlich untersucht. In Tschernobyl selbst wohnen derzeit etwa 4000 Menschen, viele von ihnen Wissenschaftler und Geologen, die sich um den zusehends brüchigen Sarkophag über der hoch radioaktiven Reaktorruine kümmern. In der Mehrzahl sind es jedoch Waldarbeiter, die vorübergehend hier stationiert werden und verhindern sollen, dass im Wald ein Feuer ausbricht, weil dies eine neue radioaktive Wolke freisetzen würde.

Gottes Gesandter als letzte Bastion

Einen ständigen Bewohner gibt es in Tschernobyl: Ein orthodoxer Priester hat sich der verwaisten Kirche im Ort angenommen, um den wenigen verbliebenen Seelen geistigen Beistand zu gewähren. In leuchtendem Blau strahlt das Gotteshaus, neu installierte Heizgeräte sollen auch im Winter für heimelige Atmosphäre sorgen. Es sei leicht, zu vergessen, wie riskant die Situation in Wahrheit ist, erklärt der Geistliche. "Man kann die Gefahr, die überall lauert, nicht sehen."

Der Weg aus der Zone führt über dieselben verlassenen Straßen, vorbei an dem menschenleeren Dorf im Schnee, zu den Wachen am Tor. Dieses Mal tragen die Männer Strahlendetektoren. Sie kontrollieren das Auto, sie kontrollieren uns. Nachdem uns ein Gesundheitszeugnis ausgestellt wurde, fahren wir weiter, in die Abenddämmerung, Richtung Kiew. Und lassen die Katastrophenzone hinter uns.

Übersetzung: Annette Langer



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