Tschernobyl-Opfer Die große Zahlenlüge

Eine neue Studie deutscher Ärzte und Strahlenschutzexperten stellt die von der Internationalen Atomenergiebehörde veröffentlichten Tschernobyl-Opferzahlen als "absurd" niedrig infrage. Es sei zu "gravierenden Unstimmigkeiten" bei der Bewertung des GAUs gekommen, so die Kritiker.


Berlin - Kurz vor dem 20. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl werfen Vertreter der Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) vor, bei der Beurteilung des Atomunfalls Zahlen manipuliert zu haben.

Heimliche Tränen: Großvater mit krebskrankem dreijährigen Enkel im Krankenhaus von Gomel, Weißrussland
AP

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Die Aussage der IAEA, bis Mitte 2005 seien weniger als 50 Personen an der unmittelbaren Strahlung des Reaktors gestorben, sei "absurd", erklärten IPPNW und die Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS) gestern in Berlin. Bei den Zahlen, die die IAEO im September vergangenen Jahres vorgestellt habe, ließen sich "gravierende Unstimmigkeiten" nachweisen, sagte GfS-Präsident Sebastian Pflugbeil. Eine Studie von GfS und IPPNW belege, dass bis zum Jahr 2006 allein "50.000 bis 100.000" der Aufräumarbeiter an den Folgen des Reaktorunfalls gestorben sein - 540.000 bis 900.000 weitere seien heute Invaliden.

Allein in der Region um Tschernobyl seien Zehntausende Kinder mit genetischen Schäden geboren worden. Wegen Erbgutveränderungen seien die Folgen für die kommenden Generationen noch gar nicht absehbar, erklärten die Kritiker.

"Die IAEA manipuliert Zahlen - und zwar ihre eigenen", empörte sich die Vorstandvorsitzende des IPPNW, Angelika Claußen, gegenüber SPIEGEL ONLINE: „In ihrer Pressemitteilung spricht die IAEA von 4000 zu erwartenden Toten, in der Studie jedoch von 9000 Opfern und in der Originalquelle, die in der Studie zitiert wird, ist von bis zu 22.000 Toten die Rede. Was hat das mit redlicher Wissenschaft zu tun?“

Zwar gehe es bei der Studie nicht vorrangig darum, "den offenkundig falschen Zahlen der IAEA die richtigen Zahlen gegenüberzustellen", sagte Claußen. Die neue Untersuchung solle aber die Größenordnungen umreißen, wenn von den gesundheitlichen Folgen des Tschernobyl-Unfalls gesprochen werde.

In dem IAEA-Bericht von 2005 hatte es geheißen, die Zahl der zu erwartenden Toten durch den GAU sei mit 4000 niedriger als befürchtet. "Alles in allem ist das Ergebnis eine beruhigende Nachricht", schreiben die Macher der Studie in dem Dokument "Das Vermächtnis von Tschernobyl: Folgen für Gesundheit, Umwelt und Sozioökonomie", das auf der Website der IAEA veröffentlicht ist.

Im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine war am 26. April 1986 ein Reaktor explodiert, wobei es zu einer Kernschmelze kam. In der Folge wurden mehrere tausend Quadratkilometer Fläche im Umkreis des Kraftwerks radioaktiv verseucht.

ala/ddp/AFP



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