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12. Mai 2009, 14:41 Uhr

Überstellung nach Stadelheim

Ärzte entscheiden über Demjanjuks Zukunft

Von Jan Friedmann

Der Haftbefehl wurde ihm schon vorgelesen, nun folgen die entscheidenden medizinischen Checks: Nach der Abschiebung ist John Demjanjuk der bekannteste Häftling in München-Stadelheim. Ob der mutmaßliche KZ-Scherge einen Prozess überstehen könnte, entscheidet sich wohl erst in Tagen oder Wochen.

München - Der Zufall wollte, dass die beiden Greise am selben Tag ihren Auftritt hatten. Dem einen soll bald der Prozess gemacht werden, der andere will gegen ihn aussagen. Der Holocaust-Überlebende Thomas Blatt, 82, angereist aus dem kalifornischen Santa Barbara, trug am Dienstagvormittag im Polizeipräsidium München dem Ermittlungsrichter vor, was er im Vernichtungslager Sobibór durchgemacht hatte. Wenige Kilometer entfernt landete auf dem Münchener Flughafen derjenige, der den Nazis mutmaßlich geholfen hatte, dort rund 250.000 Juden umzubringen: John Demjanjuk, 89 Jahre alt, von den USA nach Deutschland abgeschoben.

Das Opfer Thomas Blatt muss es als eine weitere in einer Kette von Ungerechtigkeiten empfinden, dass nun wieder der mutmaßliche Tathelfer im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht: Zu spektakulär ist das Justizdrama, das sich inzwischen um Demjanjuk rankt.

Seit Monaten versuchten die US-Behörden, den mittlerweile staatenlosen gebürtigen Ukrainer nach Deutschland abzuschieben, wo ein Haftbefehl des Amtgerichts München gegen ihn vorliegt. Der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in mindestens 29.000 Fällen. Demjanjuk bestreitet die Vorwürfe, sein Anwälte und Familie wehrten sich bis zuletzt gegen die Überstellung, vergeblich.

Betreut in der Gefängnis-Krankenabteilung

Um 9.15 Uhr landete das von der US-Regierung gecharterte zweimotorige Lazarettflugzeug in München. Es rollte in einen Hangar, dessen Tore umgehend geschlossen wurden. Um 19.13 Uhr war die Maschine mit der Kennung N250LB vom Privatflughafen Burke bei Cleveland im US-Bundesstaat Ohio abgehoben - der amerikanische Teil der Demjanjuk-Saga fand ihr vorläufiges Ende.

Nun ist die deutsche Justiz in dem stark beachteten Fall am Zug. Sie strebt ein Verfahren gegen Demjanjuk vor dem Landgericht München an. Doch vor dem womöglich letzten großen NS-Prozess stehen eine Reihe von medizinischen Untersuchungen. Demjanjuk ist inzwischen in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim inhaftiert, die über eine gut ausgerüstete Krankenabteilung verfügt.

Dort können auch Demjanjuks Leiden behandelt werden: Laut seiner Familie leidet er unter einer Knochenmarkserkrankung, Nierenversagen sowie rheumatischen Beschwerden. Deshalb wurde Demjanjuk auch sofort nach seiner Ankunft in Deutschland und schon während des Fluges medizinisch beobachtet.

Tauziehen um Gesundheitszustand

Die entscheidende Gesundheitsprüfung steht indes noch aus - sie kann sich über Tage oder gar Wochen hinziehen: Deutsche Amtsärzte sollen feststellen, ob Demjanjuk in der Lage ist, einen Prozess durchzustehen. Die Staatsanwaltschaft München hatte schon vor Wochen einen deutschen Mediziner mit einer Expertise beauftragt. Doch der Hämatologie-Chefarzt des Klinikums Schwabing, Professor Christoph Nerl, lehnte ab, aufgrund der vorliegenden dürren Befunde aus den USA eine Einschätzung abzugeben.

Um die Gesundheit des Beschuldigten hatten sich US-Behörden und Demjanjuks Familie schon in den USA einen Krieg der Bilder geliefert: Als Einwanderungsbeamte Demjanjuk vor knapp einem Monat aus seinem Haus bei Cleveland abholen wollten, mussten sie vor den Kameras der Fernsehanstalten einen stöhnenden alten Mann im Rollstuhl wegtragen.

Ein Gericht verfügte zunächst, dass die Abschiebung ausgesetzt werde. Doch die US-Behörden konterten mit Videoaufnahmen eines vergleichsweise agilen Senioren, die Beamte verdeckt gedreht hatten. In der vergangenen Woche lehnte das Oberste US-Gericht ab, den Aufschub zu bestätigen - der Weg nach Deutschland war frei.

Haftbefehl verlesen

In Stadelheim wurde Demjanjuk bereits das Dokument verlesen, das ihm die Überstellung nach Deutschland bescherte: der 21-seitige Haftbefehl des Amtsgerichts München, ausgestellt am 10. März. Der Vorwurf: Der Beschuldigte sei dringend verdächtig, in mindestens 29.000 Fällen einem anderen Hilfe geleistet zu haben, einen Menschen aus niedrigen Beweggründen und grausam getötet zu haben.

Die Zahl 29.000 steht für die namentlich bekannten Opfer, die während Demjanjuks mutmaßlicher Zeit als Aufseher in Sobibór aus dem niederländischen Zwischenlager Westerbork dorthin deportiert wurden. Tatsächlich brachten dort die Nazis und ihre ausländischen Gehilfen im fraglichen Zeitraum von März bis September 1943 in Sobibor weit mehr Menschen um.

Laut mehrerer Dokumente gehörte John Demjanjuk zu den sogenannten Trawniki, einer Schar von ausländischen Helfern, die von den Nazis ab 1942 als Handlanger beim Massenmord an den Juden heranzogen wurden. Viele von ihnen waren Ukrainer und Balten. Ausgebildet in einem Lager nahe der Ortschaft Trawniki, wurden die Männer bei der Räumung jüdischer Ghettos, bei der Erschießung von Menschen und als Wachmänner eingesetzt.

Niedriger Charge

Demjanjuk wird vom Simon-Wiesenthal-Center mittlerweile auf Rang eins der meistgesuchten NS-Verbrecher geführt - mangels Alternativen. Die Organisatoren und Großtäter des Massenmordes sind längst gestorben, viele von ihnen, ohne jemals von der deutschen Justiz belangt worden zu sein. Für Beihilfe zum Mord droht Demjanjuk in jedem einzelnen Fall eine Strafe von drei bis 15 Jahren. Eine lange Haft wird er aber wohl kaum absitzen müssen. Sollte der 89-Jährige vor Ende des wahrscheinlich langwierigeren Prozesses haft- oder verhandlungsunfähig werden oder sollte es zu einem Freispruch kommen, müsste er in Deutschland bleiben, als Pflegefall, denn der Weg zurück in die USA wäre ihm versperrt.

Den Opfern und ihren Nachkommen geht es indes weniger um eine Bestrafung als um die Dokumentation der Verbrechen. Der Zentralrat der Juden sieht in dem juristischen Vorgehen ein "wichtiges Signal". Es gehe nicht darum, einen alten Mann "zur Schau zu stellen", sagte der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer. Vielmehr werde am Fall Demjanjuk deutlich, "dass die Gerechtigkeit einen langen Arm hat".

Und der Sobibor-Überlebende Thomas Blatt sagte dem SPIEGEL: "Mir ist egal, ob er ins Gefängnis kommt oder nicht; der Prozess ist mir wichtig. Ich will die Wahrheit."

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