Überstellung nach Stadelheim Krankenwagen bringt Demjanjuk ins Untersuchungsgefängnis

Nach Deutschland kam er im Jet, ins Gefängnis brachte ihn das Rote Kreuz: Der mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher John Demjanjuk befindet sich nach der Abschiebung aus den USA nun in der Anstalt München-Stadelheim. Er soll in einem der letzten großen NS-Prozesse vor Gericht gestellt werden.

Von , und , München und Cleveland


München - Um 10.55 Uhr steht der Krankenwagen des Bayerischen Roten Kreuzes mit dem mutmaßlichen Kriegsverbrecher John Demjanjuk vor dem Südtor der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim. Doch niemand öffnet.

Immer wieder klingelt ein Begleiter in Zivil an der Sprechanlage neben dem meterhohen Eisentor. Nichts rührt sich.

Im Wageninneren liegt Demjanjuk auf einer Pritsche. Er hat die Brille auf, Schläuche in der Nase, starrt an die Decke. Der Mund ist halb geöffnet.

Schließlich der Hinweis: Einmal um den Block fahren, nächsten Eingang nehmen.

So endet Demjanjuks Abschiebung nach Deutschland, wie sie in Amerika begonnen hat - mit einem Hin und Her. Nach Angaben des stellvertretenden Gefängnisleiters Jochen Menzel soll Demjanjuk in einem Gemeinschaftshaftraum in der Pflegeabteilung zusammen mit einem Rollstuhlfahrer untergebracht werden. Sein Gesundheitszustand sei stabil, sagte Menzel. Derzeit werde Demjanjuk von Ärzten der Justizvollzugsanstalt untersucht.

Nach monatelangen juristischen Auseinandersetzungen musste sich der 89-Jährige am Montagabend der Justiz fügen. Um 19.13 Uhr startete der Gulfstream-Jet mit der Kennung N250LB in den wolkenlosen Himmel über Cleveland. Es war wohl Demjanjuks letzter Augenblick in den USA.

In Deutschland erwartet ihn am nächsten Morgen Frühnebel. Der hängt wie immer schwer überm Münchner Flughafen draußen im Erdinger Moos, als der zweistrahlige Jet auf der südlichen Landebahn aufsetzt. Es ist 9.15 Uhr - und Demjanjuk endlich in Deutschland.

Das Flugzeug wird rückwärts in eine Frachthalle der Lufthansa am westlichen Ende des Flugfeldes dirigiert. Dort stehen der Krankenwagen und ein weißer Mercedes-Kleinbus, die Demjanjuk nach Stadelheim bringen sollen. Es geht über die Autobahn und den äußeren Münchner Ring. So gelangen die beiden Wagen ohne Zwischenstopps an Ampeln direkt zum im Südosten der Stadt gelegenen Gefängnis.

In Stadelheim wird er nun ärztlich untersucht; später soll ihm ein Ermittlungsrichter den Haftbefehl eröffnen - dann beginnt das juristische Prozedere in Deutschland, damit einer der letzten großen NS-Kriegsverbrecherprozesse beginnen kann.

Wolkenloser Himmel über Cleveland

Demjanjuks Rückkehr folgte fast genau jener Route, die er vor 57 Jahren schon einmal genommen hatte - nur in umgekehrter Richtung. Damals, 1952, schien es in die Zukunft zu gehen: Demjanjuk reiste als sogenannte "displaced person" von München nach Bremerhaven. Er schiffte sich dort mit seiner Frau Vera an Bord der Gen. W. G. Haan nach New York ein. Die US-Behörden konnte er überzeugen, ein heimatlos gewordener, ehemaliger sowjetischer Kriegsgefangener zu sein - so bekam er die begehrten Einreisepapiere in die USA.

25 Jahre später holt die Vergangenheit ihn ein: 1977 beginnen die US-Behörden, gegen Demjanjuk zu ermitteln. Sie werfen ihm vor, ein williger Helfer der Nazis gewesen zu sein, ein Helfer beim Massenmord. Für diese Vergangenheit soll er zur Rechenschaft gezogen werden, fordert die Spezialeinheit OSI des US-Justizministeriums.

Nun, weitere drei Jahrzehnte später, als die Reifen des Jets in Cleveland von der Startbahn abheben, endet der Kampf des US-Justizministeriums mit dem gebürtigen Ukrainer. All die Jahre haben die Nazi-Jäger des OSI versucht, Demjanjuk außer Landes zu bringen, damit er dort für seine mutmaßlichen Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden kann. Und genau so lange versuchte Demjanjuks Familie, seine Unschuld zu beweisen.

In Israel zum Tode verurteilt

Innerhalb dieser drei Jahrzehnte lieferten die USA Demjanjuk nach Israel aus, wo er als "Iwan der Schreckliche", Betreiber der Gaskammer im Vernichtungslager Treblinka, zum Tode verurteilt wurde. Er saß in der Todeszelle, bis herauskam, dass "Iwan der Schreckliche" in Wirklichkeit jemand anders war. Demjanjuk kam frei und in die USA zurück. Ein Gericht stellte hinterher fest, dass das US-Justizministerium entlastende Beweismittel unterschlagen hatte, die nahelegten, Demjanjuk sei nicht in Treblinka gewesen.

Nun ist es die Staatsanwaltschaft München, die Demjanjuk vor Gericht stellen will - wegen Beihilfe zum Mord in 29.000 Fällen. Er sei Wächter gewesen, nicht in Treblinka, aber im Todeslager in Sobibor im besetzten Polen.

Es gibt Beweise und Dokumente, bessere als beim Prozess in Israel. Allerdings ist bisher nicht geklärt, ob der 89-Jährige überhaupt verhandlungsfähig ist. Das müssen bayerische Amtsärzte jetzt erst prüfen. Selbst falls Demjanjuk zu krank für einen Prozess wäre, müsste er wohl in Deutschland bleiben. Denn die Abschiebung aus den USA ist endgültig. Einen Weg zurück gibt es nicht.

Erbittert gekämpft

Auch deshalb hatte die Familie so erbittert gekämpft, war von Gericht zu Gericht gezogen - bis sie am Ende nun zu akzeptieren schien, dass es keinen Ausweg, keine Revision, keine Eilverfügung mehr für Demjanjuk geben würde.

Schon morgens um zehn am Montag (Ortszeit) fuhren kurz nacheinander die zwei Geländewagen der beiden Töchter Demjanjuks vor dem schicken gelbgeklinkerten Bungalow der Familie vor. Die Enkel Olivia und Zachary hatten sich feingemacht für den Tag des Abschieds. Auch Demjanjuks Priester kam für eine Segnung.

"Warum bringt ihr John weg?", fragte der Junge die Journalisten."Das erkläre ich dir, wenn du größer bist", sagte der Vater. Er hatte früher oft Nachbarschaftsplausch mit Demjanjuk gehalten. In der vergangenen Woche war er drüben, um sich zu verabschieden. Demjanjuk habe mut- und kraftlos gewirkt. "Er hat nicht einmal versucht, sich im Bett aufzusetzen", sagt Keller. Er habe Demjanjuk dann versichert, dass er dessen Frau Vera mit dem Haus und dem Garten helfen werde. "Ich weiß, dass er sich um solche Sachen sorgt."

"Fuck you!" und ein Hitlergruß

Den ganzen Tag schlichen immer wieder Autos vor dem Haus der Demjanjuks vorbei, in einer Wohnstraße, die normalerweise so gut wie ausgestorben ist. Viele der Neugierigen und Nachbarn schüttelten missbilligend bis verächtlich den Kopf. In Richtung der Journalisten, nicht in Richtung Demjanjuks. Ein junger Mann in einem roten Pick-up hielte gut sichtbar den Stinkefinger aus dem Autofenster. Ein anderer brüllte aus vollem Hals "Fuck you!". Einer reckte sogar im Vorbeifahren den Arm zum Hitlergruß.

Die meistgesuchten Nazi-Kriegsverbrecher
Alois Brunner
Die Nazi-Karriere von Alois Brunner (Jahrgang 1912) beginnt 1931: Wenig später lernt er Adolf Eichmann kennen, der ihn bald darauf zu sich in die "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" nach Wien holt. Ab 1939 ist es seine Aufgabe, die Stadt "judenfrei" zu machen. Innerhalb von drei Jahren lässt er 180.000 Menschen deportieren und ins Gas schicken. Vom Wiesenthal-Zentrum wird er als schlimmster der Nazi-Verbrecher geführt. Ob Brunner, der lange in Damaskus untergetaucht war, heute noch lebt, ist unklar. Immer wieder melden sich Touristen, die ihn gesehen haben wollen. "Solange wir nicht den gegenteiligen Beweis haben, gehen wir davon aus, dass er noch lebt", sagt Efraim Zuroff, der Direktor des Wiesenthal-Zentrums.
Aribert Heim
DPA
Aribert Heim , 1914 in Bad Radkershof in Österreich geboren (undatierte Aufnahme), wird vorgeworfen, als Arzt im KZ Mauthausen Tausende Häftlinge ermordet zu haben. Aufgrund eines Haftbefehls des Landgerichts Baden-Baden wird der als "Dr. Tod" berüchtigte Mediziner seit 45 Jahren international gesucht. Einer Recherche von "New York Times" und ZDF zufolge soll Heim jedoch schon lange tot sein: Der frühere KZ-Arzt sei bereits am 10. August 1992 in Kairo an Krebs gestorben. Die Zielfahnder des baden-württembergischen Landeskriminalamts haben dafür aber keine Belege und suchen weiter.
Sandor Kepiro
Sandor Kepiro war Gendarmerist der ungarischen Gendarmerie und laut Wiesenthal-Zentrum aktiv am Massenmord an Zivilisten vom 23. Januar 1942 in Novi Sad beteiligt. Mindestens 1300 Menschen starben an diesem Tag. Kepiro wurde noch während des Krieges in Ungarn für dieses Verbrechen verurteilt, aber kurz nach dem Prozess besetzten die Nazis Ungarn und ließen ihn wieder frei.
Søren Kam
DPA
Der Däne Søren Kam , 1921 in Kopenhagen geboren (Bild von 1945), gehörte dänischen SS-Einheiten an. Gemeinsam mit Helfern soll er 1943 einen dänischen Journalisten ermordet haben und die Deportation der jüdischen Gemeinde in Dänemark in deutsche Konzentrationslager ermöglicht haben. Kam lebt heute in Bayern. Deutschland lehnte die Auslieferung an Dänemark in der Vergangenheit mehrfach ab.
Károly (Charles) Zentai
Der Ungar Károly Zentai floh nach dem Krieg nach Australien. Er soll im November 1944 als Soldat den 18-jährigen ungarischen Juden Péter Balázs gequält, ermordet und seine Leiche in der Donau versenkt haben. Ungarn hat 2005 von Australien die Auslieferung Zentais verlangt, gegen die Zentai jedoch Widerspruch eingelegt hat.
Michail Gorschkow
Der aus Estland stammende Michail Gorschkow soll an der Ermordung von Juden in Weißrussland beteiligt gewesen sein. Die USA haben ihm die Staatsbürgerschaft entzogen, in Estland wird gegen ihn ermittelt.
Algimantas Dailide
Algimantas Dailide soll Juden festgenommen haben, die anschließend von Nazis und litauischen Kollaborateuren ermordet wurden. Er wurde von den USA ausgeliefert und in Litauen verurteilt, musste die Haft aber wegen seines Gesundheitszustands nicht antreten. Er lebt in Deutschland.
Klaas Carl Faber
Klaas Carl Faber In den Niederlanden wurde er für den Tod von Gefangenen 1944 zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde 1948 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt. 1952 flüchtete er aus dem Gefängnis. und lebt seit Jahrzehnten in Ingolstadt.
Milivoj Asner
Der ehemalige Polizeichef in Kroatien, Milivoj Asner , soll aktiv an der Verfolgung und Deportation von Serben, Juden sowie Sinti und Roma beteiligt gewesen sein.

Eine Handvoll Reporter-Veteranen hier hatte seit 32 Jahren immer wieder über den Fall Demjanjuk berichtet. Einige hat diese Geschichte ihr gesamtes Berufsleben begleitet. Sie wollten am Dienstag gar nicht glauben, dass der Mann jetzt nach all dem juristischen Hin und Her tatsächlich das Land verlassen muss. Drinnen nahm währenddessen die Familie Abschied. Demjanjuks drei Kinder waren bei ihm und drei der Enkelkinder. Der älteste von ihnen, Ed Nishnic Jr., ein hochgeschossener junger Mann mit grünem T-Shirt, erzählte, er habe seinem Großvater noch gesagt, dass er immer bei ihm sein werde. Auch wenn das jetzt nur im Geiste ginge. Gedacht habe er, dass er den Großvater womöglich nie wieder sehen wird.

Kurz vor drei Uhr Nachmittags (Ortszeit) ging dann alles ganz schnell. Sanitäter fuhren in einem chromblitzenden Krankenwagen vor das Garagentor des Wohnhauses, begleitet von Polizisten in Streifenwagen und drei Einwanderungsbeamten. Sie schoben eine Trage aus dem Wagen in die Garage. Eine halbe Stunde später öffnete sich das Garagentor wieder, die Sanitäter brachten Demjanjuk, der nun auf der Trage lag, in den Krankenwagen. Seine Enkelin Olivia hielt ein geblümtes Bettlaken hoch, um ihren Großvater vor den Kameras abzuschirmen.

Abschiebung plötzlich ausgesetzt

Welch ein Unterschied zu dem Spektakel vor knapp einem Monat, als die Einwanderungsbeamten Demjanjuk schon einmal aus dem Haus geholt hatten - bis ein Gericht die Abschiebung plötzlich aussetzte. Damals gab es keinen Krankenwagen, und die Beamten trugen den laut stöhnenden und jammernden Demjanjuk in einem Rollstuhl aus dem Haus. Das sei alles nur eine große Mitleidsshow gewesen, sagten die Behörden hinterher. Alles eine Folge der groben Behandlung, konterte die Familie.

Die Beamten seien diesmal professioneller gewesen, vorsichtiger, hätten sich mit den Beschwerden seines Vaters ausgekannt, sagte John Junior dem SPIEGEL. Einwanderungsbeamte wuchteten noch schnell einen schweren Plastikschalenkoffer Demjanjuks mit Kleidung und Familienfotos ins Auto. Dann brachte der Krankenwagen den 89-Jährigen zu einem Verwaltungsgebäude in der Innenstadt von Cleveland.

Dort, auf dem Parkplatz, konnte der Sohn noch anderthalb Stunden mit seinem Vater reden. "Ich habe ihm gesagt, dass ich stolz bin, was er alles überlebt hat: die Hungersnot in der Ukraine, den Krieg, das Todesurteil in Israel." Zum Abschied habe er ihm gesagt, "dass er stark bleiben müsse und wir dasselbe tun".

Zum Flughafen kam der Sohn nicht mehr. Einwanderungsbeamte und Polizisten schirmten die Maschine auf dem Rollfeld ab. Ein Polizeihund durchsuchte das Flugzeug nach Sprengstoff. Dann fuhr der Krankenwagen bis an die Gangway, Pfleger trugen Demjanjuk in einen Spezialstuhl an Bord des Medizinjets. Eine halbe Stunde später warf der Pilot die Triebwerke an und rollte zur Startbahn, mit Ziel München.



insgesamt 1332 Beiträge
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Seite 1
MonaM 24.04.2009
1. Bringt sie vor Gericht!
Ich kann Ihnen nur voll und ganz zustimmen.
BillBrook 24.04.2009
2.
Da kann ich nur jedes Wort unterschreiben.
Herr P., 24.04.2009
3.
Es sind schon so viele Massenmörder (ob direkt oder indirekt) wg. ihrem gesundheitlichen Zustand nicht vor Gericht gekommen. Um diesen Einen ist es doch auch nicht weiter schlimm. Klingt zynisch vielleicht ja, aber im Grunde ist es doch so.
Hador, 24.04.2009
4.
Es ist doch nun wirklich beileibe nichts neues, dass sich ältere Kriminelle mittels vorgetäuschten Gebrechen vor einer Gerichtsverhandlung oder einer Auslieferung drücken wollen. Ob das bei Demjanjuk wirklich der Fall ist kann ich nicht beurteilen, dass müssen andere entscheiden. Überraschen würde es micht jedoch nicht.
Luitpold, 24.04.2009
5. Zweifelhaftes Verfahren
Zitat von sysopWie steht es tatsächlich um den Gesundheitszustand von John Demjanjuk? Wie soll mit Naziverbrechern weiter umgegangen werden?
Die Menschenrechte gelten auch gegenüber -vermeintlichen- NS-Verbrechern. Die Schuld stellt ja erst das Gericht fest. An dem Verfahren bestehen eh rechtsstaatliche Bedenken aufgrund der Beweislage. Können sich Zeugen wirklich nach so vielen Jahren an Details erinnern ? Im übrigen was gilt Spezial-oder Generalprävention ? Beides paßt doch hier nicht. Die Verfaährung nach 30 Jahren hätte aus rechtsstaatlichen Erwägungen nicht abgeschafft werden dürfen. Gegen die Abschaffung war übrigens auch der vormalige FDP-Justizminister Dehler und der war ganz bestimmt kein Nazi.
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