Ukraine Gedenken an die Katastrophe von Tschernobyl

Mit brennenden Kerzen, Schweigeminuten und Glockengeläut haben viele Menschen in der Ukraine der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 20 Jahren gedacht. Der bislang folgenschwerste Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie forderte Schätzungen zufolge zwischen 10.000 und 100.000 Opfer.


Slawutitsch - In der nahe Tschernobyl gelegenen ukrainischen Stadt Slawutitsch gingen Hunderte Menschen in der Nacht still zu dem Denkmal, das den ersten Opfern gewidmet ist. Eine Sirene erklang um 1.23 Uhr Ortszeit - zu der Zeit, als vor 20 Jahren zwei Explosionen einen der Reaktoren des Atomkraftwerks Tschernobyl erschütterten und eine riesige radioaktive Wolke freisetzten.

Tschernobyl-Mahnmal in Slawutitsch: Gedenken an die Opfer
REUTERS

Tschernobyl-Mahnmal in Slawutitsch: Gedenken an die Opfer

Zehn Tage lang wurden Regionen in Nord- und Westeuropa radioaktiv verstrahlt; hunderttausende Menschen mussten umgesiedelt werden. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben vermutlich rund 9000 Menschen an den Folgen der Strahlung. Umweltschützer rechnen mit mindestens 100.000 Todesopfern in Folge der Katastrophe.

Missbildungen bei Neugeborenen werden noch heute als Folge der Verstrahlung registriert. Der zerstörte Reaktor wurde mit westlicher Hilfe in einen Beton-Sarkophag eingeschlossen, der allerdings brüchig ist.

"Wir sind schon tot, verschwinde"

Viele der Einwohner von Slawutitsch erinnern sich noch gut an die Unglücksnacht am 26. April 1986. Die Stadt wurde nach dem Unglück gebaut, um die Angestellten des Atomkraftwerkes und die Anwohner der evakuierten Orte in der Umgebung unterzubringen. "Ich kannte alle diese Leute", sagte Mykola Rjabuschkin mit einem Blick auf die an dem Gedenkstein hängenden Porträts. Der 59-Jährige war Maschinist im Atomkraftwerk von Tschernobyl und hatte in der Unglücksnacht Dienst. "Ich schaue sie an und will sie um Vergebung bitten", sagte er mit Tränen in den Augen. "Vielleicht sind wir alle Schuld daran, dass dieser Unfall passieren konnte."

"Meine Freunde sind vor meinen Augen gestorben", sagte Konstantin Sokolow, ein ehemaliger Arbeiter in dem Atomkraftwerk. Er versuche noch immer, die schrecklichen Erinnerungen an den Unfall zu verdrängen. Der 66 Jahre alte Mikola Malyschew sagte, seine Kollegen in dem zerstörten Reaktor hätten ihn nach der Explosion gedrängt schnell zu fliehen. "Wir sind schon tot, verschwinde", hätten sie ihm zugerufen.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew legte Präsident Wiktor Juschtschenko Rosen an einem Denkmal für die Feuerwehrleute und Ingenieure nieder, die infolge ihres Einsatzes bei der Katastrophe gestorben waren. Im Laufe des Tages wollte Juschtschenko Tschernobyl besuchen. In Berlin sind politische Diskussion geplant, die Evangelische Kirche hat zu einem Gedenkgottesdienst eingeladen. Daneben sind Anti-Atom-Proteste unter anderem in Münster, Lingen und Dortmund vorgesehen.

lan/AFP/AP/dpa/Reuters

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