Widerstandskreis Weiße Rose "Hören wir endlich auf, das Bild von Halbgöttern zu zeichnen"

Drogenkonsumenten, Verräter, Antijudaisten: Der Historiker Sönke Zankel will das Helden-Image der Geschwister Hans und Sophie Scholl ins Wanken bringen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt er, die Sichtweise auf die beiden Widerstandskämpfer gegen die Nazis müsse erweitert werden.


SPIEGEL ONLINE: Herr Zankel, Sie zeichnen ein neues Bild der Geschwister Scholl, das Schatten auf den Heldenmythos der Widerstandskämpfer wirft. Warum tun Sie das?

Zankel: Hören wir doch endlich auf, das Bild von unnahbaren, über den Menschen stehenden Halbgöttern zu zeichnen. Es muss darum gehen, sie realistisch darzustellen, was eben auch ihre Schwächen beinhaltet.

SPIEGEL ONLINE: Besonders provokativ wirkt Ihre These, die Geschwister Scholl hätten sich nach ihrer Flugblattaktion gegen das Nazi-Regime am 18. Februar 1943 in der Münchner Universität deshalb widerstandslos verhaften lassen, weil sie unter Drogeneinfluss standen.

Zankel: Das ist zumindest eine sehr schlüssige Erklärung. Sie ließen sich "widerspruchslos" - ein Zitat aus dem Gestapo-Verhörprotokoll von Sophie Scholl - vom Hausschlosser der Universität festnehmen. Dieser war einen Kopf kleiner als Hans Scholl. Ein ganz merkwürdiges Verhalten. Zum Vergleich: Ihr Freund Alexander Schmorell wehrte sich bei seiner Festnahme fünf Tage später erbittert und zeigte den normalen Fluchtinstinkt. Ein Zeitzeuge berichtet aus einem Gespräch im Januar 1943 mit Hans Scholl, dieser habe auf die Frage geantwortet, ob er eigentlich nie schlafe: Er spritze sich und Sophie Mittel, damit sie wach bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Dass Scholl Aufputschmittel nahm, ist in der Literatur schon bekannt.

Zankel: Dass es sich dabei um Aufputschmittel handelte, kann nur vermutet werden. Weitere Zeitzeugen berichten über das Bekannte hinaus. Im Sommer 1942 war Hans Scholl drei Monate an der Front in Russland, als es zu einem Zwischenfall kam: Opiumtabletten verschwanden. Der Verdacht fiel auf die Studentenkompanie, wurde aber nie aufgeklärt. Ein Zeitzeuge wunderte sich während der Rückfahrt von der Front, dass sich Scholl weißes Pulver in seine Pfeife stopfte. Ein weiterer Hinweis kam von Scholls Freundin. Sie gab an, Hans habe ihr Morphium gespritzt. Als Medizinstudent war ihm der Zugang zu Opiaten möglich. Das heißt, er hat nicht bzw. nicht nur Aufputschmittel genommen, wie bisher vermutet, sondern auch dämpfende Mittel - was die gleichgültige Reaktion bei seiner Festnahme plausibler macht.

SPIEGEL ONLINE: Bisher wurde das passive Verhalten der Scholls bei der Festnahme so erklärt, dass sie ein baldiges Ende des Krieges und der Diktatur erwartet haben.

Zankel: Diese Deutung spielt auf die Selbstopfer-These an, die ich für falsch halte. Denn in den Gestapo-Verhören leugneten die Geschwister alles ab, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Hans zusammenbricht. Sie ließen sich also nicht verhaften, um Zeichen zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie behaupten, während der Gestapo-Verhöre hätten die Scholls Freunde verraten, zum Beispiel den einen Tag nach ihnen in Innsbruck verhafteten dreifachen Vater Christoph Probst. Welche Belege haben Sie?

Zankel: Das geht eindeutig aus den Gestapo-Unterlagen hervor. Hans Scholl war dem Druck des Verhörs irgendwann nicht mehr gewachsen. Vor allem dass nach Alexander Schmorell gefahndet wurde, ist auf Aussagen der Geschwister Scholl zurückzuführen. Auch Christoph Probst hätten sie ohne die Aussagen der Scholls eher nicht geschnappt. Das bisherige Image, wonach sie keinerlei Information preisgegeben hätten, ist schlichtweg falsch.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie diese Verhörprotokolle, die von Beamten eines Unrechtsregimes verfasst wurden, wirklich für zuverlässig?

Zankel: Ja, denn nach dem Krieg sagten selbst Angehörige und auch Mitglieder der Weißen Rose in den Entnazifizierungsverfahren für die Münchner Gestapo-Beamten aus: Diese hätten sich korrekt verhalten. Diese Aussagen steigern den Wert der Verhörprotokolle deutlich.

SPIEGEL ONLINE: Während des Weiße-Rose-Prozesses vor Roland Freisler, dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, und bis zur Hinrichtung sollen die Scholls zu dem gestanden haben, was sie getan hatten. Sophie Scholl werden die Worte an Freisler nachgesagt: "Unsere Köpfe rollen heute, aber Ihre rollen auch noch."

Zankel: Ich lasse offen, ob das historisch ist. Ich traue das den Scholls durchaus zu. Es waren die Angehörigen der Angeklagten, die diese Aussagen nach dem Krieg verbreiteten, obwohl sie nicht selbst bei der Gerichtsverhandlung anwesend waren. Inge Scholl, eine Schwester von Hans und Sophie, schmückte ihr weltbekanntes Buch auch mit entsprechenden Zitaten aus. Dabei ist nicht ganz klar, wie viel hier Fiktion ist und wie viel Fakt. Interessant ist übrigens, dass Hans Scholl während des Prozesses einem Zeitzeugen zufolge Schüttelkrämpfe bekam – typische Entzugserscheinungen bei Opiaten.

SPIEGEL ONLINE: Das Zittern könnte auch Resultat eines harten Verhörs und eines unfairen Prozesses sein, Zeichen von Erschöpfung oder Angst.

Zankel: Selbstverständlich. Aber es reiht sich in eine Indizienkette ein, die für meine Theorie über das Verhalten der Scholls spricht.

SPIEGEL ONLINE: Welche historische Relevanz hat es überhaupt, ob die Scholls Drogen nahmen?

Zankel: Es darf in keinem Fall überbewertet werden, auch schmälert es selbstverständlich nicht ihre Leistungen. Es erklärt einfach nur den 18. Februar 1943, den Tag ihrer Festnahme. Mir geht es nicht darum, sie schlecht zu machen. Sie haben Grandioses vollbracht. Nur: Dem Druck in den Verhören hielten sie nicht wirklich stand. Hans Scholl und fast alle anderen der Angeklagten waren einfach überfordert. Das ist menschlich natürlich nachvollziehbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen den Scholls außerdem vor, antijüdisch gewesen zu sein. Wie kommen Sie dazu? Im zweiten Flugblatt der Weißen Rose beklagen die Scholls, dass Juden "auf bestialischste Art ermordet worden sind". Sie nennen es das "fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte an die Seite stellen kann".

Zankel: Sophie Scholl war zu dieser Zeit noch nicht eingeweiht. Ihr Bruder und vor allem Alexander Schmorell klagten den Mord an den Juden an, was natürlich eine ihrer großen Leistungen ist. Aber es spricht sie nicht vom Vorwurf des Antijudaismus frei. Im fünften Flugblatt heißt es: Wenn sich die Deutschen jetzt nicht gegen Hitler wehren, dann kommt die "gerechte Strafe", die nach Scholls Meinung auch die Juden erfahren hätten. Die Juden hätten also bereits die "gerechte Strafe" erhalten, die nun den Deutschen drohte: das von aller Welt ausgestoßene Volk zu sein. Was der Christ Scholl damit meinte, ist klar: Dahinter steht eine bis weit nach dem Krieg gängige Vorstellung im Christentum, der zufolge die Juden den Heiland ans Kreuz geschlagen haben. Die christlich motivierten Scholls waren in diesem Punkt ganz Kinder ihrer Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Die eindeutige Ablehnung des Holocausts im zweiten Flugblatt genügt Ihnen nicht?

Zankel: Nein, denn man konnte sehr wohl gegen die Ermordung von Juden protestieren, und dennoch antijüdisch denken. Scholls Philosophieprofessor Kurt Huber etwa, der auch hingerichtet wurde, war eindeutig Rassist, auch wenn er gegen die Ermordung der Juden war. Interessant sind zwei weitere Punkte: Selbst der Gutachter der Gestapo spricht von einem "modifizierten Antisemitismus" der Flugblattschreiber. Zudem fällt auf, dass die sogenannte Judenfrage in den privaten Dokumenten und auch in denen der Gestapo kein Thema war. Sie schien die Studenten nicht besonders zu interessieren.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie mit Ihrer Lesart von den Scholls als Drogenkonsumenten, Verrätern und Antijudaisten die Symbole des unerschrockenen Gewissens vom Sockel stoßen?

Zankel: Auf diese drei Schlagwörter lassen sie sich selbstverständlich nicht reduzieren. Es waren Menschen, die Schwächen und Fehler hatten, wie jeder andere auch, aber zugleich haben sie etwas Großartiges geleistet. Diese Mischung macht sie erst menschlich und holt sie von dieser unnahbaren Überhöhung herunter. Insofern bleiben sie auch jetzt noch Vorbilder, vielleicht die besten, die wir unserer Jugend anbieten können. Treffend ist hier die Aussage des Freundes von Sophie Scholl bereits im Jahr 1947: "Wir sollten aufhören in die steinernen Augen eines Denkmals zu blicken, sondern sie lieber zu uns holen, ihnen die Hand drücken, auf die Schulter klopfen und sagen, dass sie doch feine Kerle sind."

SPIEGEL ONLINE: Was motivierte die Mitglieder der Weißen Rose zum Widerstand?

Zankel: Es ging ihnen vor allem um ihre persönliche Freiheit und den Protest gegen die antichristlichen Nationalsozialisten. Auch die Sorge um Deutschland spielte eine Rolle. Und es ging ihnen um die Ablehnung der Masse, die sich für sie im Nationalsozialismus widerspiegelte. Sie dachten elitär, besonders im Sommer 1942, als ihre Flugblätter noch mit die "Weiße Rose" überschrieben waren. Sie benannten sich nach den verbannten Adeligen während der französischen Revolution. Der Name "Weiße Rose" stand insofern gerade nicht für Demokratie. Erst im Winter 1942/43 dachte zumindest Hans Scholl demokratisch. Dann wurde auch auf die Bezeichnung "Weiße Rose" verzichtet.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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