Zeitsprung - 9. November 1989 Ein Satz, der Geschichte schreiben wird

Zu dieser Stunde vor genau 15 Jahren findet in Ost-Berlin eine folgenreiche Besprechung statt: Vier Experten tüfteln eine neue DDR-Reiseregelung aus. Und weil sie ihren Auftrag für "schizophren" halten, schummeln sie einen Satz in den Entwurf, der schließlich den Untergang des Arbeiter- und Mauerstaats einläutet.

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Berliner Mauer: "Wir alle sind tief beunruhigt"
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Berliner Mauer: "Wir alle sind tief beunruhigt"

Es ist kalt an diesem Morgen in Ost-Berlin. Nur zögerlich kriecht die Quecksilbersäule des Thermometers bis zur Zehn-Grad-Marke. Durch die graue Hauptstadt Ostdeutschlands eilen die Menschen, die Kragen hochgeschlagen, die Hände in die Taschen gebohrt. Nur wenige stoppen an den Zeitungskiosken, an denen, mit Plastiklaschen befestigt, das "Neue Deutschland" aushängt. Auf der Titelseite ein Aufruf an die Bürger der DDR: "Wir alle sind tief beunruhigt. Wir sehen die Tausenden, die täglich unser Land verlassen. Wir wissen, daß eine verfehlte Politik bis in die letzten Tage hinein ihr Mißtrauen in die Erneuerung dieses Gemeinwesens bestärkt hat. Wir sind uns der Ohnmacht der Worte gegenüber Massenbewegungen bewußt, aber wir haben kein anderes Mittel als unsere Worte. Die jetzt noch weggehen, mindern unsere Hoffnung. Wir bitten Sie, bleiben Sie doch in Ihrer Heimat, bleiben Sie bei uns!"

Der Aufruf stammt von der Schriftstellerin Christa Wolf - sie hat ihn bereits am Vorabend im DDR-Fernsehen verlesen. Außer Wolf stehen noch andere prominente Namen unter dem Aufruf. Darunter: Bärbel Bohley, Gerhard Poppe, Christoph Hein, Stefan Heym und Kurt Masur. Doch das Papier der Intellektuellen wird weit weniger Wirkung haben als ein Schriftsatz, der an diesem Morgen von DDR-Beamten in der Mauerstraße verfasst wird.

DDR-Bürger in der Deutschen Botschaft in Prag: "Ein Überschwappen der Zersetzung befürchtet"
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DDR-Bürger in der Deutschen Botschaft in Prag: "Ein Überschwappen der Zersetzung befürchtet"

Im Ministerium des Innern stehen vier Experten vor einer kniffligen Aufgabe. Gerhard Lauter (Hauptabteilungsleiter Pass- und Meldewesen), Gotthard Hubrich (Leiter der Hauptabteilung innere Angelegenheiten) sowie die beiden Stasi-Männer Oberst Hans-Joachim Krüger und Oberst Udo Lemme sollen noch an diesem Tag einen "Beschluss zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die CSSR" ausarbeiten. Der Befehl kommt von ganz oben: direkt aus dem SED-Politbüro.

Die Einsetzung der Arbeitsgruppe ist notwendig geworden, nachdem seit Tagen und Wochen Millionen DDR-Bürger ihr Recht auf Reisefreiheit einfordern. Die Bürger der "Deutschen Demonstrierenden Republik", wie sie den SED-Staat auf Transparenten verspotten, verlangen in Leipzig, Ost-Berlin oder Halle, in Karl-Marx-Stadt, Schwerin oder Cottbus: "Die Mauer muss weg, die Mauer muss weg."

Bürger der "Deutschen Demonstrierenden Republik": "Geteilte Macht ist gute Macht"
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Bürger der "Deutschen Demonstrierenden Republik": "Geteilte Macht ist gute Macht"

Allein in den vergangenen 24 Stunden haben mehr als 20.000 Republikflüchtlinge die Grenze zwischen der Tschechoslowakei und Österreich überwunden. Die Führung in Prag beabsichtigt, ihre Grenze zur DDR zu schließen, weil "sie ein Überschwappen der Zersetzung auf ihr Land befürchtet". SED-Generalsekretär Egon Krenz erhält einen Anruf des tschechoslowakischen Parteichefs Milos Jakes: Prag könne nicht die innenpolitischen Probleme der DDR lösen. Finde die DDR keinen Weg, ihre Bürger von der Flucht in den Westen über die CSSR abzuhalten, müsse man überlegen, ob die Grenze zur DDR geschlossen werde. Krenz' Antwort: "Die Grenze zu schließen, ist für mich unvorstellbar. Das würde bedeuten, wir hätten jetzt auch eine geschlossene Grenze zu unserem südlichen Nachbarn."


Angesichts der gigantischen Ausreisewelle - im Durchschnitt verlassen jede Stunde etwa 300 DDR-Bürger die Tschechoslowakei in Richtung Westen - hat die Parteiführung für Dezember eine Reiseregelung in Aussicht gestellt: 30 Tage Westurlaub und 15 Mark Reisedevisen sollen pro Person und Jahr erlaubt sein, die Genehmigungen würden binnen eines Monats erteilt. Doch damit geben sich die Menschen nicht zufrieden. "Das Reisegesetz muss weg", hat einer der Redner auf der Leipziger Montagsdemonstration am 6. November gerufen. Und 500.000 Menschen applaudieren. Also muss nun ein neuer Vorschlag her, wie die Freigabe der ständigen Ausreise in Kraft treten kann. Und die Zeit drängt.

DDR-Flüchtlinge an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn: "Das Reisegesetz muss weg"
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DDR-Flüchtlinge an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn: "Das Reisegesetz muss weg"

Die Experten in der Mauerstraße legen an diesem Morgen den Entwurf mit dem Titel "Unverzügliche Visaerteilung für ständige Ausreisen" beiseite. "Wir sollten eine Regelung finden für denjenigen Bürger, der das Land für immer verlassen will. Aber denjenigen, der mal eben seine Tante besuchen will, nicht rauslassen? Das wäre doch schizophren gewesen", wird Passexperte Lauter später die Aufgabe beschreiben. Stattdessen formuliert die Runde einen Passus über "Privatreisen nach dem Ausland", die "ohne Vorliegen von Voraussetzungen" beantragt werden sollen. Wer weg will aus der DDR, nur mal kurz oder auch für immer, muss nach dem neuen Entwurf nur noch ein Visum beantragen.

Lauter wird später erklären, er habe den entscheidenden Satz in das Papier "reingeschummelt". Ihm sei klar gewesen, dass er und seine drei Genossen damit die Mauer umstoßen würden. Generalsekretär Krenz beharrt dagegen darauf: Die Gruppe habe das Papier nach der genauen Anweisung der Parteiführung entworfen.

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