Zeitsprung - 9. November 1989 Sofort bedeutet sofort

Zu dieser Stunde vor genau 15 Jahren verplappert sich Günter Schabowski. Auf Nachfrage des italienischen Journalisten Riccardo Ehrman erklärt er, der Ministerrat habe beschlossen, "heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen". Ab "sofort".


Anmerkung: Dieser Text erschien am 9. November 2004, 15 Jahre nach der legendären Pressekonferenz in Ost-Berlin auf SPIEGEL ONLINE. Er schildert den Ablauf des historischen Ereignisses. Zum Tod von Günter Schabowski stellen wir ihn hier noch einmal zur Verfügung.


Günter Schabowski, der Pressesprecher des neuen Politbüros, war nicht im Saal, als Krenz im Plenum die neue Ausreiseverordnung vorlas. Er weiß daher nicht, was auf den DIN-A4-Seiten steht, die Krenz ihm mit den Worten in die Hand drückt: "Gib das bekannt. Das wird ein Knüller für uns." Um 18 Uhr beginnt im Kinosaal des "Internationalen Pressezentrums" in der Mohrenstraße eine Pressekonferenz.

Den "Knüller" will Schabowski sich bis zuletzt aufheben. Handschriftlich notiert er einen Zeitplan für den Ablauf der Veranstaltung: "Kurz vor Schluss - Nennung MiRa-Beschluss". Schabowski weiß nicht, dass die Mitteilung, die er gleich vorlesen wird, von der Regierung noch gar nicht beschlossen ist. Hauptabteilungsleiter Lauter, der die Vorlage am Morgen mitformuliert hat, wird später sagen: "Die Beschlussvorlage lief, wie ich später hörte, per Umlauf durch den Ministerrat, mit der Terminierung 19 Uhr. Einer, der Justizminister, hat sogar Einspruch erhoben." Da also der Ministerrat zu diesem Zeitpunkt noch nicht zugestimmt hat, weiß auch sonst niemand Bescheid - und auch die Grenztruppen sind nicht instruiert. Schabowski übersieht, dass auf dem Papier der Satz steht: "Über die Regelungen ist die beigefügte Pressemitteilung am 10. November 1989 zu veröffentlichen." Heute ist allerdings erst der 9. November.

Fast eine Stunde langweilt Schabowski die anwesenden Journalisten mit Schilderungen, was in einem SED-Aktionsprogramm stehen soll und welche Folgen ein neues Wahlgesetz haben werde. Die Veranstaltung wird vom DDR-Fernsehen live übertragen - das "Sandmännchen" wird wegen der Pressekonferenz ins Zweite Programm verschoben. Die Medienleute wollen schon aufbrechen, als um 18.53 Uhr ein ausländischer Journalist das Saalmikrofon gereicht bekommt und eine, wie es zunächst scheint, banale Frage nach dem umstrittenen Reisegesetz-Entwurf stellt. "Ich heiße Riccardo Ehrman, ich vertrete die italienische Nachrichtenagentur Ansa. Herr Schabowski, Sie haben von Fehlern gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es ein großer Fehler war, dieser Reisegesetzentwurf, den Sie vor wenigen Tagen vorgestellt haben?"

Schabowski: "Genehmigungen werden kurzfristig erteilt"

Schabowski: "Genehmigungen werden kurzfristig erteilt"

Umständlich und weit ausschweifend, mit verschachtelten Sätzen und gespickt mit "Ähs", lässt sich Schabowski minutenlang aus über "dieses Bedürfnis der Bevölkerung, zu reisen oder die DDR zu verlassen". Dann kommt er endlich zum Punkt: Es "ist heute, soviel ich weiß, eine Entscheidung getroffen worden". Der Ministerrat habe beschlossen, "heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen". "Ab wann?", ruft Ehrman. Und ein anderer Journalist stellt die Frage: "Ab wann tritt das in Kraft?" Schabowski kramt in den Papieren, er kratzt sich am Kopf. Hastig liest er den Gesetzestext vor. Darin stehen Sätze wie: "Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt." Und: "Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen" der Volkspolizei seien "angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen".

Schabowskis Notizblatt für die PK: "Kurz vor Schluss"
Hans-Hermann Hertle

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Damit ist eigentlich klar, dass die DDR-Bürger zunächst zur Behörde müssen, um dort einen Antrag zu stellen - wenn die Ämter am nächsten Morgen wieder öffnen. Doch Schabowski unterläuft ein für die Existenz der DDR verhängnisvoller Fehler. "Wann tritt das in Kraft?", fragt einer der Journalisten nochmals. Und der Informationssekretär des ZK stottert: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort, unverzüglich." Schabowski kann ja nicht ahnen, dass die DDR-Bürger ihn beim Wort nehmen und "sofort" losstürmen. Als ein Journalist nachhakt, ob die Ausreiseregelung auch für die Übergänge nach West-Berlin gelte, schaut Schabowski nach: Ja, da steht "Berlin (West)". Um 19 Uhr endet die Pressekonferenz. Schabowski lässt keine weiteren Fragen zu. Doch da ist die Nachrichtenlawine nicht mehr aufzuhalten: Riccardo Ehrman rennt aus dem Saal und kabelt den Fall der Berliner Mauer nach Rom. "Für ein oder zwei Minuten haben die geglaubt, ich sei verrückt geworden. Irgendwie verständlich. Es gab ja keine Ankündigung vorher. Aber der Chefredakteur ließ es drucken." Später wird Ehrman sagen: "Diese Pressekonferenz war einer der besten Momente meines Lebens."

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