Zerstörtes Haiti Helfer kämpfen sich in die Provinz vor

Die Lage in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince ist auch Tage nach dem Erdbeben katastrophal - es fehlt an allem. Nun arbeiten sich die Helfer in die Provinz vor, in manchen Regionen sind bis zu 90 Prozent der Häuser zerstört.


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Haiti-Krise: Stau wie auf der Autobahn
Port au Prince - Manchmal passieren in Haiti Wunder. Eine deutsche Hotelbesitzerin konnte lebend aus den Trümmern ihres Gebäudes in Port-au-Prince gerettet werden, wie am Sonntag bekannt wurde. Ihr Ehemann berichtet, die 62-jährige Nadine Cardoso sei stark ausgetrocknet gewesen, aber unverletzt. Sie habe in einem Hohlraum überlebt und per Telefon eine SMS geschickt, so dass die Retter sie leichter finden konnten.

Allerdings sind solche Berichte die Ausnahme. Fünf Tage nach dem Erdbeben in Haiti werden fast nur noch Leichen geborgen. Vielerorts wird das wahre Ausmaß der Katastrophe erst jetzt sichtbar. Neben der Hauptstadt Port-au-Prince sind ganze Landstriche verwüstet, vor allem im Süden und Westen des Karibikstaats.

"Die Stadt Jacmel ist kaputt, viele Häuser liegen in Trümmern", sagte Haitis Botschafter Jean Robert Saget in Berlin. Der Länderdirektor des Kinderhilfswerks Plan International, Rezene Tesfamariam, bestätigt die Angaben: "60 Prozent der Gebäude in Jacmel sind zerstört, 24 Schulen sind eingestürzt oder stark beschädigt, die Krankenhäuser haben keinen Strom." Jacmel liegt im Süden Haitis.

Am Samstag ist ein Team der Diakonie Katastrophenhilfe nach Jacmel gefahren. Nach Angaben von Pressesprecher Thommy Ramm brauchte der Trupp sieben Stunden für eine Wegstrecke, die normalerweise in zwei Stunden zu bewältigen ist. In der 35.000-Einwohner-Stadt sind 5000 Menschen in Notlagern untergebracht, die meisten leben auf der Straße.

"Kein Essen, kein Wasser, keine Medizin"

In Leogane, westlich von Port-au-Prince, sprach ein Reporter der britischen BBC von apokalyptischen Szenen. Fast jedes Gebäude ist zerstört, nach Uno-Angaben sind 90 Prozent der Häuser dem Erdboden gleichgemacht. "Hier ist das Epizentrum, und viele Tausende sind tot", sagte Uno-Vertreter David Orr laut BBC. Der Hilfskonvoi der Diakonie wollte auch nach Leogane fahren, konnte bisher aber noch nicht vordringen.

Die Vereinten Nationen sprechen von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte. Helfer berichten über einen logistischen Alptraum, die Hilfsgüter erreichen die Menschen nur schleppend. Ein Überlebender in Leogane sagt: "Wir haben keine Hilfe, nichts. Kein Essen, kein Wasser, keine Medizin, keine Ärzte."

Nur mühsam dringen die Helfer in die entlegenen Teile des Landes vor. Straßen und Häfen sind zerstört, eine funktionierende Infrastruktur gab es in dem bitterarmen Land auch vor dem Erdbeben nicht.

"Es gibt nichts, worauf wir bauen können", sagt Michael Kühn, Repräsentant der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Das Uno-Kinderhilfswerk und weitere Organisationen haben nun mit der Verteilung von Trinkwasser begonnen. Einsatzkräfte aus Israel bauten innerhalb weniger Stunden ein Krankenhaus auf, in dem sie täglich bis zu 500 Patienten behandeln können. Die Vereinten Nationen errichteten 15 Zentren inner- und außerhalb von Port-au-Prince, um Hilfsgüter zu verteilen.

Helfer aus Deutschland machen sich auf den Weg

Mediziner der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" operieren Verletzte in einem Wettlauf gegen die Zeit. Erfahrene Mitarbeiter sagten, sie hätten noch nie so viele schwere Verletzungen auf einmal gesehen. Nur die dringendsten Fälle werden behandelt, Kaiserschnitte, Amputationen. "Innerhalb der nächsten 24 Stunden müssen etwa ein Drittel der Patienten unbedingt operiert werden, sonst sterben sie", sagte Jennifer Furin dem Nachrichtensender CNN.

Als bekannt wurde, dass die Ärzte in Carrefour am Westrand von Port-au-Prince erste Hilfe leisteten, habe sich sofort eine Menschenmenge am Eingang des Gebäudes versammelt, berichtet ein Mitarbeiter. "Die Patienten kamen auf Handkarren oder wurden auf dem Rücken hingetragen."

Viele Hilfsorganisationen schicken zusätzliche Helfer in das Katastrophengebiet. Ein Konvoi mit Mitarbeitern von insgesamt vier Hilfsorganisationen soll sich Montag am Düsseldorfer Flughafen auf den Weg machen. Allein für den Verein humedica fliegen acht Ärzte, zwei Krankenschwestern, zwei Rettungssanitäter und ein Apotheker nach Haiti. Der Malteser Hilfsdienst hat am Sonntag ein zweites medizinisches Team nach Haiti geschickt.

Unterdessen ist eine mobile Gesundheitsstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Haiti eingetroffen. An Bord befanden sich 200 Kisten Material und drei Geländewagen. Damit soll innerhalb weniger Stunden eine aus sieben Zelten bestehende Klinik aufgebaut werden. Dort können dann bis zu 250 Patienten am Tag ambulant versorgt werden, wie das DRK erklärte. Zur Klinik gehören ein Feldlabor, Apotheke, Wassertanks, Toiletten und Stromgeneratoren. Am Sonntag nahmen auch die Trinkwasserexperten des Technischen Hilfswerkes ihre Arbeit in Port-au-Prince auf und begann mit dem Aufbau zweier Trinkwasseraufbereitungsanlagen.

Die Bonner Organisation Help hat ihren Nothilfefonds von 10.000 auf 100.000 Euro aufgestockt. "Die Spenden fließen", sagte ein Sprecher. Der Verein habe eine Medikamenten-Lieferung auf den Weg gebracht, mit der etwa 10.000 Menschen drei Monate lang medizinisch versorgt werden könnten.

Zusätzlich stellt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) seine Satellitendaten zur Verfügung, um Hilfsorganisationen zu unterstützen. "Unsere Wissenschaftler haben aktuelle Karten für die Krisenregion erstellt", sagte eine DLR-Sprecherin am Samstag in Bonn. Hilfsorganisationen könnten darauf etwa erkennen, welche Straßen noch befahrbar sind oder auf welchen Flächen sie Soforthilfe-Einrichtungen aufbauen können.

Clinton reist an, Ban mit "Botschaft der Hoffnung"

Am Montag wird der ehemalige US-Präsident Bill Clinton in seiner Funktion als UN-Sonderbeauftragter für Haiti in den Karibikstaat reisen. Als Sondergesandter fühle er sich dem haitianischen Volk besonders verpflichtet sicherzustellen, dass die Hilfe "koordiniert und effizient bleibt", sagte Clinton am Sonntag.

Nach Angaben seiner Stiftung wird Clinton in seinem Flugzeug Hilfsgüter wie Wasser, Lebensmittel, Medikamente und Stromgeneratoren mitbringen. Neben Gesprächen mit dem haitianischen Staatschef René Preval und Vertretern der Regierung und der internationalen Gemeinschaft seien auch Besuche bei den Helfern vor Ort geplant.

Bereits am Sonntag hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Port-au-Prince besucht und sprach vor dem Präsidentenpalast mit Überlebenden. Ban rief die Menschen auf, nicht den Mut zu verlieren. "Ich bin hier mit einer Botschaft der Hoffnung", sagte der Generalsekretär zu einer Gruppe von Männern und Jungen. Die Hilfe sei unterwegs. Im Mittelpunkt seines Aufenthalts in Haiti stünden drei Themen: So viele Leben wie möglich zu retten, die humanitäre Unterstützung zu verstärken und die Koordination der Hilfe sicherzustellen, hatte Ban vor seiner Abreise in New York gesagt.

Deutsches Todesopfer stammt aus Hamburg

Unterdessen ist ein erstes deutsches Todesopfer in Haiti bestätigt worden. Bei dem Toten handelt sich um einen jungen Mann aus Hamburg, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin. "Bild am Sonntag" berichtet, dass es sich um den 28-jährigen Christoph R. handeln könnte. Der junge Mann habe für eine Hamburger Exportfirma in dem Karibikstaat gearbeitet. Zum Zeitpunkt des Erdstoßes habe er auf der Terrasse eines Hotels in der Hauptstadt Port-au-Prince gestanden.

Laut Auswärtigen Amt wurden 15 deutsche Staatsbürger inzwischen außer Landes gebracht. Das Personal der deutschen Botschaft in Port-au-Prince wurde in den vergangenen Tagen aufgestockt.

In einer Sonderausgabe der ARD-Sendung "Anne Will" nannte Außenminister Guido Westerwelle die Anzahl der vermissten Deutschen in Haiti. "Es sind 23 deutsche Staatsbürger, bei denen wir noch nicht wissen, wo sie sind", sagte Westerwelle. Einige Stunden zuvor hatten noch 30 Deutsche in Haiti als vermisst gegolten.

Zuvor hatte Westerwelle alle Bundesbürger aufgefordert, für die Erdbebenopfer zu spenden: "Die Katastrophe ist wirklich eine Katastrophe biblischen Ausmaßes." Auch Bundespräsident Horst Köhler nahm an der Sondersendung teil, bei der informiert und zum Spenden aufgerufen wurde. Am Dienstag folgt eine Spendengala von ZDF und "Bild"-Zeitung. Die Bundesregierung stockte ihre Erdbebenhilfe für Haiti um sechs Millionen auf 7,5 Millionen Euro auf.

Derweil hat Haitis Regierung den Notstand in dem zerstörten Karibikstaat ausgerufen. Der Ausnahmezustand gelte bis Ende Januar, teilte ein haitianischer Minister am Sonntag in der Hauptstadt Port-au-Prince mit. Zudem gelte für den Zeitraum von einem Monat eine nationale Staatstrauer.

Nach Angaben des Ministers wurden zudem 70.000 Leichen in Massengräbern beigesetzt.

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wal/AFP/dpa/apn

insgesamt 1801 Beiträge
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Seite 1
Palmstroem, 16.01.2010
1. Die Frage kommt zu spät
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Die Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Brand-Redner 16.01.2010
2. Genau
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Wirtschaftliche Not gebiert nun mal keine politische Stabilität. Wer diese haben will, ohne jene zuvor abzuschaffen, verhält sich so ignorant und lächerlich wie ein Baumeister, der das Dach vor den Fundamenten aufsetzen will. Aber in der Politik scheint ja alles möglich. - Gestern las ich, Deutschland wolle Haiti 1,5 Millionen Euro Spenden bzw. Spendengüter zukommen lassen: Was für eine Wahnsinnssumme - das ist ja fast mehr, als im Bundestag jährlich für neue Schreibgarnituren ausgegeben wird, nicht wahr? - Ist das noch Dummheit oder schon Zynismus?
forumgehts? 16.01.2010
3.
Zitat von sysopDie Erdbebenkatastrophe in Haiti hat die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder auf den gebeutelten Karibikstaat und seine Probleme gelenkt. Haben die USA und Europa es über die Jahre versäumt, hier mehr für politische Stabilität und wirtschaftliche Perspektiven zu tun? Diskutieren Sie mit!
Nein, denn wenn ich richtig informiert bin, haben sich bisher nicht einmal die Chinesen für dieses Gebiet interessiert. Und das heisst, dass da nun wirklich nichts zu machen und/oder zu holen ist.
archelys, 16.01.2010
4. Brunnenkinder
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Es liegen schon viele Kinder im Brunnen, Herr Palmstroem, und Sie staunen nur. Nun aber sind drei "Präsidenten" im Einsatz. Vielleicht bohren die auf Haiti wieder einen Brunnen, dieses Mal in Schrägbohrung nach Kuba. Da müssen wir wieder sehr aufpassen, dass kein Kind reinfällt...
Rainer Helmbrecht 16.01.2010
5. Titel verweigert!
Zitat von PalmstroemDie Frage müsste heißen:"Hätten die USA und Europa mehr für Haiti tun müssen!" Jetzt liegt das Kind im Brunnen!!!
Eins hätten die USA auf jeden Fall machen können, sie hätten nicht durch Dumpingpreise die Agrarwirtschaft dieses und vieler anderer armen Länder kaputt mache brauchen. Europa ist da auch nicht besser, die durch Subventionierte Produkte die Märkte und die heimischen Produkte kaputt machen und Bauern zu arbeitlslosen Stadtbewohnern verkommen lassen. Selbstlose Hilfe ist eine große Tat, aber durch unreelle Marktmacht, andere ländliche Strukturen zu zerstören ist eine Sauerei. So wie das leer fischen vor den Küsten armer Länder. Wie groß die Schuld ist kann ich nicht beurteilen, aber dass wir Schuld auf uns geladen haben, ist unzweifelhaft. MfG. Rainer
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