Ziviler Ungehorsam Aufstehen und sich niedersetzen

Seit Beginn des Irak-Kriegs erlebt eine traditionelle Protestform der Friedensaktivisten eine Renaissance: Die Sitzblockade. Doch Aussitzen will gelernt sein. In Aktionstrainings üben Kriegsgegner das Einmaleins des zivilen Ungehorsams.

Von Kathrin Klöpfer


Castor-Gegner, Polizisten: "Immerhin ist eine Blockade stärker als eine Demo"
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Castor-Gegner, Polizisten: "Immerhin ist eine Blockade stärker als eine Demo"

Frankfurt - Im Schneidersitz hockt die junge Frau auf dem Boden, den Rücken gerade durchgedrückt. Entschlossen blickt Myriam, 22, durch ihre runden Brillengläser. Ohne zu zögern teilt sie ihrer Gruppe mit: "Wenn's sein muss, lasse ich mich eben festnehmen."

Noch ist das nur die Generalprobe, die Soziologie-Studentin sitzt nicht auf dem Asphalt vor einem US-Stützpunkt, sondern auf dem Parkettboden der IG-Metall-Verwaltungsstelle in Trier. Andreas Peters vom Kölner Trainingskollektiv "Graswurzelwerkstatt" erklärt das Einmaleins der Sitzblockade: Bezugsgruppenfindung, Sitzhaltungen und wie tausend Leute basisdemokratisch entscheiden, ob sie weitermachen, wenn die Polizei mit Wasserwerfern anrückt.

Die "klassische Arbeitsweise", wie er sie von Castortransport-Blockaden aus dem Wendland kennt, will Peters den gut zwanzig Trierer Blockadeschülern beibringen. Auch aus der Friedensbewegung bringt er Erfahrung mit: In den achtziger Jahren hat er gegen den Nato-Doppelbeschluss demonstriert.

Der Irak-Krieg hat der Aktionsform einen neuen Aufschwung verschafft. Seit Jahresbeginn werden regelmäßig Zufahrten von US-Stützpunkten blockiert, "um das Unrecht zu dramatisieren", wie Peters erklärt. Tausende Demonstranten leisten zivilen Ungehorsam, setzen sich vor den US-Flugplatz in Frankfurt, die Awacs-Basis in Geilenkirchen oder rund um das Hauptquartier der Amerikaner in Heidelberg. Kommenden Samstag soll die US-Kommandozentrale EUCOM in Stuttgart blockiert werden.

Friedensdemonstranten in Berlin: Renaissance des Protestes
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Friedensdemonstranten in Berlin: Renaissance des Protestes

Es ist ein bunter Kurs aus Kriegsgegnern, der sich in Trier auf solche Aktionen vorbereitet: Schüler, Studenten und alte Friedensaktivisten, Männer und Frauen in Schlaghosen und Baggy-Pants, mit Rastazöpfen und Gelfrisur. Gegen Bushs Kriegskurs wollen sie ein Zeichen setzen und gegen die eigene Hilflosigkeit. "Immerhin ist eine Blockade stärker als eine Demo", sagt Myriam.

Die erste Lektion: Bezugsgruppenfindung. Das persönliche Wohlbefinden soll auch während des zivilen Ungehorsams gewahrt bleiben. "Die Gruppen schaffen einen überschaubaren Rahmen, in dem eure Bedürfnisse, Gefühle und Interessen aufgehoben sind", erklärt Peters. Myriam gehört zu den "Roten Socken". Erst wollten sie sich nur "die Roten" nennen, doch mit der SPD will niemand in Verbindung gebracht werden. Dann schon lieber mit der PDS.

Schnelligkeit ist wichtig, da ist Peters streng. Denn wenn die Polizei mit Räumung droht, kann auch nicht lange diskutiert werden. Zu Wort kommen soll trotzdem jeder, das verlangt die Basisdemokratie. Entweder im "Blitzlicht" - eine Person, ein Satz - oder per "Daumenregel", bei der die Zeit auf die Gruppenmitglieder aufgeteilt wird. Damit alles gerecht zugeht, werden in jeder Bezugsgruppe Rollen verteilt: Zeitmanager, Klimaforscher, Moderator, Protokollant und Gruppensprecher. Der teilt dann dem "SprecherInnenrat" mit, was seine Leute vorhaben.

"Unterstützen am Rand der Blockade, sitzen bleiben bis zur ersten oder bis zur dritten Aufforderung oder sich festnehmen lassen", zählt Peters die Möglichkeiten auf. Natürlich interessiert alle die letzte Option, und er gibt eine Lektion in Sitzhaltungen. Entweder die Knie anwinkeln und sich wegtragen lassen - was es der Polizei leicht macht. Oder sich völlig entspannen. "Dann habt Ihr das doppelte Gewicht und die kriegen Euch nicht richtig gefasst", erklärt der erfahrene Aktivist. Nachteil: Es kann ziemlich weh tun, über den Asphalt gezerrt zu werden.

Hamburger Demonstrantinnen bei einer Antikriegsdemo: Weitermachen, wenn die Polizei mit Wasserwerfern anrückt?
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Hamburger Demonstrantinnen bei einer Antikriegsdemo: Weitermachen, wenn die Polizei mit Wasserwerfern anrückt?

Von Verletzungen hat Myriam eigentlich genug. Mit zwölf war sie das erste Mal auf einer illegalen Demonstration, gegen Abschiebehaft. Als die Polizei räumte, sei sie mit der Masse "den Bahndamm runtergeknüppelt worden". Das hat ihr einen Kapselriss im Daumen eingebracht, der bis heute nicht verheilt ist. Also zieht sie beim Wegtragen Variante eins vor.

Eine Woche später sitzen die "Roten Socken" vor der US-Airbase in Frankfurt, mindestens 24 Stunden soll die gewaltfreie Blockade dauern. Myriam hat sich gut vorbereitet: Ihr grüner Army-Rucksack ist vollgestopft mit Leggins, dicken Socken, Handschuhen, Wollpulli, Poncho, Wasserflaschen und belegten Broten. In der Seitentasche stecken Personalausweis und Zahnbürste, das Adressbuch hat sie vorsichtshalber zu Hause gelassen. "Die Polizei muss ja nicht alles wissen", erklärt sie. Ihren rechten Daumen hat sie geschient, "für den Fall, dass härter zugegriffen wird". Nur ihr dünner Schlafsack wird schon bei der Durchsuchung am Bahnhof konfisziert - die Ordnungshüter sammeln alles ein, was die Nacht auf der Straße bequemer machen könnte.

Frieren muss sie trotzdem nicht, abends um kurz nach sieben kommen zwei Polizisten auf die Studentin zu. Mit ihren schwarzen Lederhandschuhen greifen sie ihr fest unter die Arme und tragen sie von der Straße. Die fünf Stunden Blockade scheinen bei Myriam einen trotzigen Stolz geweckt zu haben: Sie entscheidet sich doch für Variante zwei, entspannt ihren Körper und lässt sich zum Polizeibus schleifen.

Statt auf die Wache bringt der sie nur zur nächsten S-Bahn-Station. Und Myriam bleibt nichts anderes übrig, als zurück nach Trier zu fahren und auf die Rechnung zu warten: 20 Euro fürs Wegtragen und 31 Euro für die Fahrt im Polizeibus.



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