Zoo im Jemen Verlassen, vergessen, fast verhungert

Millionen Menschen leiden unter dem Bürgerkrieg im Jemen. Das Elend wird aber auch in einem Zoo sichtbar: Die Tiere siechen dahin, fressen sich gegenseitig auf. Helfer wollen nun möglichst viele retten.

Von Juri Auel und

Caters News Agency

Ein Leopard hat ein großes Loch in die Flanke eines toten Weibchens gerissen. Ein Löwe ist abgemagert bis auf die Knochen, überdeutlich zeichnen Wirbelsäule und Brustkorb sich unter dem blassem Fell ab. Ein anderer Löwe ist offenbar so lange vor den Gittern seines verschlossenen Käfigs auf- und abgewandert, dass sein Fell bis auf die Haut abgescheuert ist. Am Hinterlauf eines dritten Löwen ist eine offene Wunde, der Knochen liegt frei.

Es sind grausame und bewegende Fotos, die im Taiz-Zoo im Jemen aufgenommen wurden. Seit Monaten ist der Tierpark verlassen. Etliche Tiere sollen bereits verhungert sein, darunter elf Löwen und sechs Leoparden.

Das Schicksal der Tiere erinnert an den Bürgerkrieg, der seit Jahren im Jemen herrscht - und immer wieder droht, in Vergessenheit zu geraten. Leidtragende des andauernden Konflikts sind die jemenitischen Zivilisten. Durch Luftangriffe und Bodengefechte sind Tausende gestorben, darunter viele Kinder. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen brauchen 82 Prozent der Menschen im Jemen, rund 21,2 Millionen, Schutz und humanitäre Hilfe.

Rettung per Facebook

Aufgrund des Bürgerkriegs sind keine offiziellen Tierschutzorganisationen vor Ort. Deshalb haben sich am vergangenen Wochenende Mitglieder der Gruppe "SOS Zoo and Bear Rescue" Zugang zum Zoo verschafft.

Die Rettungstruppe ist kein seit Jahren bestehender Verein, sondern eine Facebook-Gruppe, die erst am 10. Februar von der Schwedin Chantal Jonkergouw gegründet wurde.

Die 49-Jährige ist Leiterin für internationale Kommunikation bei einer schwedischen Bank. Auf ihrer Facebook-Seite posiert sie zwischen ihren Islandpferden. Auf einer anderen Seite zählt Jonkergouw in einem Steckbrief unter dem Punkt "Familie" ihre Pferde ebenso dazu wie ihren Mann, "Hunde, ein paar Katzen, einige Pfauen und Hennen".

"Es ist herzzerreißend, dass die Tiere des Taiz Zoo Opfer eines Konflikts zwischen Menschen werden", sagte Jonkergouw in einem Gespräch mit der britischen Bildagentur Caters.

Eine gigantische Aufgabe

In den vergangenen fünf Monaten seien, nach Angaben von Jonkergouw, bereits elf Löwen und sechs Leoparden gestorben. 20 Löwen und 26 Leoparden seien noch immer am Leben. Insgesamt brauchen 281 Tiere Hilfe. Neben den Raubkatzen handelt es sich um Hyänen, Luchse, Schlangen, Krokodile, Affen, Eulen, Papageien und einige weitere Vogelarten. "Der Krieg im Jemen ist somit nicht nur eine menschliche Katastrophe", sagt Jonkergouw.

Die Rettung der Tiere stellt die Helfer vor eine große Aufgabe: Ein einziger der ausgehungerten Leoparden braucht für den Anfang zwei bis vier Kilo Fleisch pro Tag, ein Löwe sogar vier bis fünf. Dazu kommen 100 Kilo Grünfutter für die Vegetarier sowie 5000 Liter Wasser. Viele der Tiere sind zudem geschwächt und krank, brauchen ärztliche Hilfe, Betäubungsmittel, Vitamine, Kochsalzinfusionen oder Antibiotika.

Das ist viel Aufwand, um Tiere in einem Gebiet am Leben zu erhalten, in dem Menschen täglich umgebracht werden und verhungern.

Darf man das? Ist es ethisch vertretbar, Geld für Tiere zu sammeln - statt für Menschen in Not? Oder hilft das Engagement der Tierschützer vielleicht sogar, den Blick der Öffentlichkeit auf den Krieg im Jemen zu richten, der sonst kaum wahrgenommen wird?

Jonkergouw sagt: "Es waren die Menschen, die den Krieg angefangen haben." Tiere würden in einer solchen Lage schnell vergessen. Dabei hätten sie mit dem Konflikt rein gar nichts zu tun.

Um die Versorgung der Zoobewohner zu sichern, hat sich die Gruppe mit einigen Einheimischen zusammengetan und ist im täglichen Kontakt mit den Helfern vor Ort. Hisham Al-Hoot, Leiter des örtlichen Wasserunternehmens, organisierte Helfer und einen Tierarzt. Bereits am 13. Februar gelang es ihm, eine Gruppe für einen ersten Besuch im Zoo zu gewinnen. Erste Nahrung und Wasser wurden gebracht, erste tierärztliche Hilfe wurde geleistet.

Selbst in das Kriegsgebiet reisen möchte Chantal Jonkergouw nicht. "Das ist zu gefährlich", sagt sie. Auch von Schweden aus könne sie viel für ihr Anliegen tun. "Ich kümmere mich um das Marketing von großen Firmen, ich weiß, wie man Leute erreicht und Geld sammelt."

Um den Tieren allerdings dauerhaft zu helfen, sind rund 350 Dollar täglich für Nahrung, Wasser, Medikamente, die Bezahlung von Tierpflegern und Hilfe durch einen Tierarzt notwendig. Auf der Spendenseite sind bisher rund 10.500 Dollar zusammengekommen.

Auf lange Sicht hoffen Jonkergouw und der Rest der Gruppe, die Tiere evakuieren und in Wildparks in Afrika oder den Vereinigten Arabischen Emiraten unterbringen zu können. Das dürfte nicht so leicht sein. Der Weg zum Zoo ist nicht gesichert, und viele Tiere sind derzeit zu schwach für einen Transport.

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