Zu laut Kindergarten mit Lärmschutzwand

Es ist ein Lehrstück über Kinderfreundlichkeit in Deutschland: Die Hamburger Kita "Marienkäfer" muss im Juli 2008 umziehen, weil sie den Anwohnern zu laut ist. Doch auch die neuen Nachbarn beschweren sich: Jetzt wird eine 60 Meter lange Lärmschutzwand gebaut.

Von Alexandra Sillgitt


Hamburg - "Hier ist die Polizei", ruft der kleine Junge mit braunem Wuschelkopf. Sein Spielgefährte quietscht vergnügt und ergreift die Flucht, der Wuschelkopf setzt ihm in gelben Gummistiefeln nach. Zwei Mädchen sitzen einander im Matsch gegenüber, stecken die Köpfe zusammen, zupfen an ihren Jacken und scheinen Wichtiges zu besprechen. Rutschen, schaukeln, im Matsch buddeln - die Kinder der Kita "Marienkäfer" genießen die ersten Sonnenstrahlen nach einem verregneten Herbstmorgen.

Neue Kindertagesstätte "Marienkäfer" in einer Computersimulation: "Die Mauer tut weh"
connected 2000 GmbH

Neue Kindertagesstätte "Marienkäfer" in einer Computersimulation: "Die Mauer tut weh"

Es ist kurz vor eins - Zeit fürs Mittagessen. Im Erdgeschoss rennen Dutzende von Wirbelwinden durcheinander, springen ins Bad und waschen sich den Dreck von den Händen. Bis Juli 2008 müssen sie das rote Backsteinhaus im Hamburger Stadtteil Marienthal räumen, müssen mit Sack und Pack, Bauklötzen und Teddybären, ausziehen, weil Nachbarn vor dem Hamburger Landgericht 2005 wegen Lärmbelästigung geklagt hatten und Recht bekamen. Im Sommer zieht die Kita "Marienkäfer" in einen Neubau am Zikadenweg, etwa zwei Kilometer entfernt.

Doch noch ehe übermorgen Bürgermeister Ole von Beust den Grundstein legen wird, flatterte beim zuständigen Bezirksamt Wandsbek Beschwerde um Beschwerde gegen den Bau der neuen Kita ein. Einer Kita mit 340 Quadratmetern Platz zum Toben - und einer Lärmschutzwand.

Angst vor Chaos

60 Meter lang und zwei Meter hoch wird die Wand den Kindergarten auf der West- und Südseite abgrenzen. "Das kennt man normalerweise von der Autobahn", sagt "Marienkäfer"-Mutter Sandra Marziniak. "Es tut weh, aber wir sind den Kompromiss eingegangen."

Kompromiss - ein häufig bemühtes Wort aller Beteiligten. Das sind neben der Kita "Marienkäfer" das Bezirksamt Wandsbek, die Baugenossenschaft Otto Wulff und der Anwalt Peter Oberthür. Er vertritt einige der Bewohner des Zikadenwegs. Rund 20 haben sich beim Bezirksamt über den Kindergarten "Marienkäfer" beschwert.

"Wir wollten uns nur vor dem befürchteten Chaos schützen", sagt ein 83-jähriger Anwohner, der sich an den Kosten für den Anwalt beteiligt hat. Seit 1965 lebt er im Zikadenweg, hat hier die Idylle gesucht, Ruhe, Geborgenheit. Interessiert beobachtet er jeden Tag die Bagger, wie sie die Erde umgraben, wie sie Steine und Geäst beiseiteräumen und fühlt sich falsch verstanden. "Wir haben doch nichts gegen die Kinder", sagt er, beugt sich vor und reißt die Augen weit auf. "Aber die Straße gibt das nicht her."

Dicht an dicht stehen hier die Autos am Randstein, zum Teil auf beiden Seiten. Wenn sich Fahrzeuge begegnen, drücken sie sich in Millimeterarbeit aneinander vorbei. Die Sackgasse wird nur von Anwohnern befahren, für Kinder ist es das reinste Paradies. Die Hausbesitzer im Zikadenweg fürchten das hohe Verkehrsaufkommen im kommenden Jahr, an- und abfahrende Eltern, die ihre Kinder in die Kita bringen. "Es gibt keine Parkmöglichkeit und die Autos müssten alle mitten auf der Fahrbahn halten", sagt der Anwohner, der seinen Namen nicht nennen will.

Darüber hätten sie sich beschwert, darüber, dass sie auf dem Weg zur Arbeit alle bereits vor der Haustür im Stau stecken würden. Jetzt bekommt die Kita eine kleine Zufahrt, wie bei einem Grand-Hotel können die Kinder direkt am Eingang aus dem Auto steigen.

"Es ist ein Kompromiss, ebenso wie die Lärmschutzwand", sagt Cornelia Schroeder-Piller, Leiterin des Bezirksamts Wandsbek. Sie betont, man hätte die Kita zur Not auch ohne gebaut - "aber wir wollten alle Beteiligten zufriedenstellen." In der Siedlung lebten Senioren, andere würden im Schichtdienst arbeiten. "Darauf muss man einfach Rücksicht nehmen", sagt sie. Schon allein deshalb, um eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, denn: "Die braucht man, um in einem reinen Wohngebiet eine Kita bauen zu dürfen - und sie beinhaltet, dass auf die Anwohner Rücksicht genommen wird", erklärt Schroeder-Piller.

"Ein schöner kleiner Urwald"

Der Ausgleich musste gesucht werden, zwangsläufig, da der Kindergarten kaum mehr eine andere Möglichkeit hatte. Anderthalb Jahre hatte der Trägerverein der Kita nach einer neuen Bleibe gesucht und nichts gefunden. Der Zikadenweg: die letzte Option. Damit der Bau im Sommer 2008 bezugsfertig ist und der Mietvertrag unterschrieben werden konnte, musste eine Entscheidung fallen. "Wir sind wahnsinnig froh, endlich eine Bleibe zu haben", sagt Anja Matthies vom Trägerverein. "Die Lärmschutzmauer hinterlässt jedoch einen bitteren Beigeschmack." Man wolle sie in jedem Fall bepflanzen, "einen schönen kleinen Urwald züchten", sagt "Marienkäfer"-Mutter Marziniak.

Ein ähnlicher Fall hat sich laut "Sächsischer Zeitung" vergangenen Juni in Dresden abgespielt: Ein Anwohner hatte sich über den Lärm der Kita "Kichererbsen" beschwert, klagte und bekam vom Oberlandesgericht eine drei Meter hohe und 25 Meter lange Lärmschutzmauer zugesprochen.

"Kein Kommentar"

Die Hecke im Zikadenweg ist so dicht, dass kein Blick hindurchdringt, so hoch, dass kein Blick darüber hinweggeht. Dahinter: ein kleiner privater Kinderspielplatz, eine rote Rutsche, zwei Schaukeln und eine Holzbank für die Eltern. Hecke und Spielplatz trennen eine Reihe von neun Häusern vom Baugrund, auf dem die neue Kita entsteht. Die Bewohner haben jetzt mit dem Bauherren eine Nachbarschaftsvereinbarung abgeschlossen, die besagt, dass sie alle Maßnahmen, so wie sie jetzt in der Baugenehmigung stehen, akzeptieren müssen und keine weiteren Forderungen stellen.

Zu Kita und Lärmschutzwand wollen sich die Anwohner nicht äußern, schließen mit den Worten "kein Kommentar" die Tür oder knallen sie wortlos vor der Nase zu. Nur Anwalt Oberthür - "Wir sind über den Kompromiss zufrieden" - und der 83-Jährige von der anderen Straßenseite äußern sich. "Dass es lauter werden wird, ist nicht schlimm", sagt er. Kinder seien was Gutes, wichtig für die Gesellschaft. Aber hätte es nicht auch kleiner gehen können? "Warum müssen es 55 Kinder sein?", fragt er.

Baupläne an der "Dreckschleuse"

In der Kita freut man sich auf den Umzug: An den Pinnwänden hängt eine Illustration des neuen Heims, Baupläne und Grundrisse schmücken die sogenannte "Dreckschleuse", wo sich die Kinder umziehen, wenn sie aus dem Garten kommen. Bisher besuchen 40 Drei- bis Sechsjährige den Marienkäfer. "Wir sind eine Elterninitiative, sehr viel mehr können wir kaum stemmen", sagt Marziniak. Um den Lärm weiter zu minimieren, haben sich Kita und Nachbarn außerdem darauf geeinigt, die Fenster im ersten Stock geschlossen zu halten. "Kein Problem, die sind ohnehin immer zu", sagt Marziniak. "Um die Kinder zu schützen."

Auch wenn die Beteiligten zufrieden scheinen über Kompromiss und Ausgleich, ist der Fall Marienkäfer längst zum Politikum geworden: Bezirksamt und Familien- und Sozialsenatorin Birgit Schnieber-Jastram (CDU) betonen zwar, dass es sich um einen absoluten Einzelfall handelt: "Das bedeutet nicht, dass künftig um jeden Kita-Neubau in Hamburg eine Lärmschutzwand gezogen wird." Doch Carola Veit (SPD), familienpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion, meint: "Es ist zu befürchten, dass dieser Fall Vorbild für weitere wird."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.