Zugkatastrophe in Lac-Mégantic: "Von der Bar ist nichts mehr übrig"

Lac-Mégantic: "Die Flammen sind gelöscht" Fotos
AP/ The Canadian Press

Noch immer werden rund 40 Menschen nach dem Güterzugunglück in Kanada vermisst. Allein in einer Bar könnte es Dutzende Opfer gegeben haben, vermutet ein Feuerwehrmann. Bislang konnten die Einsatzkräfte fünf Leichen bergen.

Lac-Mégantic - Das genaue Ausmaß der Tragödie ist immer noch unklar: Bislang wurden nach Angaben der Polizei am Unglücksort in der kanadischen Kleinstadt Lac-Mégantic fünf Leichen geborgen. Doch Dutzende Menschen werden weiterhin vermisst.

Ein mit Rohöl beladener Zug war in der Nacht zum Samstag (Ortszeit) führerlos durch den Ort gerast und entgleist. Daraufhin explodierten mehrere Kesselwagen.

Zwei Tage später ist der Großbrand mittlerweile unter Kontrolle. "Die Flammen, die Feuer sind gelöscht", sagte der örtliche Chef der Feuerwehr, Denis Lauzon. Zwei Tankwaggons würden jedoch vorsichtshalber weiter mit Wasser besprengt, damit sie abkühlten. An den Löscharbeiten hatten sich zahlreiche Feuerwehrleute aus der Umgebung sowie aus dem US-Bundesstaat Maine beteiligt.

Da noch etwa 40 Menschen vermisst würden, rechneten die Behörden mit "viel mehr" Opfern, sagte ein Polizeisprecher. Viele Einwohner warten seit dem Unglück auf Lebenszeichen von Freunden und Verwandten. "Sie können sie nicht finden", sagte eine junge Frau mit Tränen in den Augen der Zeitung "Toronto Star". Sie vermisst ihren Cousin und eine Arbeitskollegin.

"Es ist wie ein Alptraum!"

Ein Feuerwehrmann berichtete, zum Unglückszeitpunkt hätten sich allein 50 Menschen in einem Lokal in der Nähe der Explosionen befunden. Von der Bar sei nun "nichts mehr übrig". Durch das Flammeninferno wurde das Zentrum der 6000-Einwohner-Stadt völlig zerstört. Etwa 40 Gebäude wurden massiv beschädigt, von manchen blieben nicht einmal die Grundmauern stehen. Etwa 2000 Einwohner mussten ihre Häuser verlassen, einige von ihnen durften am Sonntag zurückkehren. Das Rote Kreuz richtete Notunterkünfte in mehreren Schulen in der Umgebung ein. "Es ist ein kleiner Ort, und wir sehen eine Menge Solidarität", sagte Myriam Marotte vom Roten Kreuz dem kanadischen Fernsehsender CBC.

Ein Sprecher der Polizei sagte, ein großer Teil des Unglücksorts sei den Ermittlern immer noch nicht zugänglich, weil die Feuerwehr die Bereiche noch nicht gesichert habe. Wegen der Explosionsgefahr gingen die Bergungsarbeiten nur langsam voran, bislang hätten erst wenige Abschnitte untersucht werden können. Ermittler der kanadischen Behörde für Verkehrssicherheit untersuchten am Sonntag die Lokomotive und stellten Daten ihrer Blackbox sicher.

Schwierige Identifizierung der Opfer

Den kanadischen Behörden zufolge bestand der Tankzug aus 73 Waggons, die mit je 100 Tonnen Öl beladen waren. Mindestens vier Waggons explodierten demnach. Laut dem Bahnunternehmen Montreal, Maine & Atlantic Railway hatte der Zug zunächst wegen eines Personalwechsels im 13 Kilometer entfernten Nachbarort Nantes gehalten. Trotz angezogener Bremsen sei er dann plötzlich ohne Lokführer die abschüssigen Gleise hinunter nach Lac-Mégantic gerollt. Der Ort liegt rund 250 Kilometer östlich der Metropole Montréal.

Augenzeugen berichteten später von mindestens sechs Explosionen und einem riesigen Feuerball über der Ortschaft. "Als wir aus einer Bar kamen, sahen wir Waggons in vollem Tempo in das Dorfzentrum rasen", sagte Yvon Rosa im Sender Radio-Canada. "Dann sahen wir Funken springen, hörten Lärm und mehrere Explosionen. Überall war Feuer, wir sind bis ans Wasser gerannt."

Die Identifizierung der Opfer dürfte sich schwierig gestalten, sagte eine Vertreterin der Gerichtsmedizin. Es müsse davon ausgegangen werden, dass die Leichen stark verkohlt seien. Angesichts der Schwere des Brandes sei nicht auszuschließen, dass manche Leichen gar nicht identifiziert werden könnten.

Kanadas Premierminister Stephen Harper besuchte am Sonntag das zerstörte Stadtzentrum von Lac-Mégantic. "Das ist wie ein Kriegsgebiet", sagte er. Das Ausmaß der Zerstörung sei "unglaublich, schwer vorstellbar". Es gebe keine Familie in dem Ort, die nicht von dem Unglück betroffen sei.

wit/AFP/AP

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1. Ich wusste gar nicht,
michelinmännchen 08.07.2013
dass Rohöl so einfach "explodiert". Diesel kann man nicht mit einem Feuerzeug anzünden, Rohöl ist ja noch weniger brennbar. Kann mir das jemand erklären? Danke!
2. Vermutlich
ton.reg 08.07.2013
Zitat von michelinmännchendass Rohöl so einfach "explodiert". Diesel kann man nicht mit einem Feuerzeug anzünden, Rohöl ist ja noch weniger brennbar. Kann mir das jemand erklären? Danke!
Rohöl ist ein sehr unterschiedliches Gemisch aus Kohlenwasserstoffen. Diesel besteht aus relativ einheitlichen Komponenten, welche einen hohen Flammpunkt haben. Zu deren Explosion werden hohe Temperaturen (damit es verdampft und sich mit Luft mischt) und / oder hohe Drücke benötigt. Im Dieselmotor wird ein Dieselnebel so stark komprimiert dass das Gemisch von selbst zündet. Daher keine Zündkerzen. Bei Rohöl kann eine "Entmischung" bzw. Ausgasung leichtflüchtigerer Substanzen wie z.B. Benzin oder Erdgaskomponenten erfolgen. Diese zeigen dann mit einer Luftdurchmischung die bekannte Leichtentzündlichkeit.
3. schmiergelsiepen
schmiergelsiepen 08.07.2013
Fluessigkeiten brennen nicht. Oel und Benzin brennen nicht. Was brennt ist ein Oel oder Benzin Luftgemisch. Woraus ein Gas ensteht. Deswegen gibt es im Auto den Vergaser.
4. Zug durchs Zentrum?
belede 08.07.2013
Vielleicht sollte man halt nicht nur aus Lärmschutzgründen einen Güterzug nicht durch Stadtzentren fahren lassen. Man baut ja auch keine Häuser 20m neben einer Start- oder Landebahn für Flugzeuge, das ist halt gefährlich. Trotzdem allen Betroffenen mein Beileid!
5. Frei nach dem Film Unstoppable...
d0se 08.07.2013
Zitat von beledeVielleicht sollte man halt nicht nur aus Lärmschutzgründen einen Güterzug nicht durch Stadtzentren fahren lassen. Man baut ja auch keine Häuser 20m neben einer Start- oder Landebahn für Flugzeuge, das ist halt gefährlich. Trotzdem allen Betroffenen mein Beileid!
Hm naja, das ist schon ein wenig besserwisserisch, finden Sie nicht? Städte wachsen nunmal, und wenn irgendwo Gleise liegen, wird eben auf der anderen Gleisseite weiter gebaut. Im Übrigen baut man Bahnhöfe, die von Bahnlinien versorgt werden natürlich zentral, um Wege kurz zu halten. Davon abgesehen: Hat Pro7 vor diesem Hintergrund gestern eigentlich den Film Unstoppable gesendet? Da ging es um einen Güterzug mit Tanklastwagen, der auf eine Gleis-Kurve mitten im Stadtgebiet zurast und zu explodieren droht: Unstoppable (http://de.wikipedia.org/wiki/Unstoppable_%E2%80%93_Au%C3%9Fer_Kontrolle)
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