Zugunglück in Sachsen-Anhalt: Sicherungssystem fehlt auf der Unglücksstrecke

Es ist wie ein Alptraum: Zwei Züge rasen ineinander. Zehn Menschen sterben, 23 werden verletzt. Nach dem Bahnunglück in Sachsen-Anhalt wurde jetzt bekannt, dass auf der eingleisigen Unglücksstrecke ein modernes Sicherungssystem fehlt - es soll erst noch installiert werden.

Hordorf - Auf dem eingleisigen Streckenabschnitt zwischen Halberstadt und Magdeburg, auf welchem sich am späten Samstagabend der verheerende Bahnunfall ereignet hat, fehlte ein modernes Sicherungssystem.

Nach Informationen des Nachrichtensenders MDRinfo ist die Strecke erst zur Hälfte mit der sogenannten "Punktförmigen Zugbeeinflussung" (PZB) ausgestattet. Dies sagte eine Bahnsprecherin am Sonntag dem Sender. Beim PZB senden Magneten im Gleisbett Signale an ein Empfangsgerät in der Lok. Die Magneten sind mit dem Vorsignal und dem folgenden Hauptsignal verkabelt. Überfährt ein Zug ein Haltesignal, würde automatisch eine Bremsung ausgelöst. Nach Angaben der Sprecherin sollte das PZB noch in diesem Jahr auf der Unglücksstelle installiert werden.

Bei Hordorf nahe Oschersleben in Sachsen-Anhalt waren am späten Samstagabend zehn Menschen ums Leben gekommen und insgesamt 23 Personen schwer verletzt worden, als ein Regionalexpress aus Magdeburg auf dem Weg nach Halberstadt auf eingleisiger Strecke ungebremst mit einem Güterzug zusammenstieß.

Die Identifizierung der Toten sei schwierig, sagte Armin Friedrichs, Leiter des Polizeireviers Börde, weil viele Passagiere keine Ausweispapiere bei sich trugen. Es sei auch möglich, dass noch mehr Menschen im Zug gewesen seien, die nach dem Unglück schockiert das Weite gesucht hätten. Unter den Toten befinden sich auch der Lokführer und eine Zugbegleiterin.

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Zugunglück in Sachsen-Anhalt: Kollision im Nebel
Unterdessen sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) den Hinterbliebenen ihr Beileid aus. "Mit Bestürzung habe ich von dem schweren Zugunglück in Hordorf erfahren", sagte Merkel. "Meine Gedanken sind bei den trauernden Familien der Opfer." Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso äußerte sich "tief bestürzt".

Bei einem Besuch der Unglücksstelle am Sonntagmorgen hatte der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Wolfgang Böhmer (CDU), über die Unglücksursache spekuliert: "Es muss wahrscheinlich ein Haltesignal überfahren worden sein." Der Einsatzleiter der Bundespolizei, Ralph Krüger, wollte sich noch nicht festlegen: "Untersuchungen laufen - zu den Signalschaltungen, zur Technik der Züge." Die Auswertung könne Stunden oder Tage dauern. Auch die Fahrtenschreiber der beiden Züge würden ausgewertet. Es gebe keine Hinweise, die allein auf menschliches oder technisches Versagen hindeuteten. Auch die Rolle der Witterungsverhältnisse - Nebel und zweistellige Minusgrade - werde untersucht.

Der mit rund 30 Fahrgästen besetzte Nahverkehrszug war auf der eingleisigen Strecke mit Tempo 100 auf den Güterzug geprallt, der ihm mit etwa 80 Kilometern pro Stunde entgegenkam. Weil mehrere Menschen sehr schwer verletzt sind, ist nicht auszuschließen, dass sich die Zahl der Toten erhöht. Alle verfügbaren Rettungskräfte der Region waren im Einsatz. Innenminister Holger Hövelmann (SPD) lobte die Einsatzkräfte am Unglücksort: "All das hat in der vergangenen Nacht bei widrigsten Rahmenbedingungen sehr gut und reibungslos funktioniert." Man könne so ein Unglück nicht rückgängig machen, aber man könne alles tun, um die Schäden zu minimieren.

Die Geschäftsleitung der Betreibergesellschaft sei "schockiert" über das Unglück, sagte ein Sprecher. Die gesamte Strecke zwischen Magdeburg und Halberstadt ist nach Angaben der Betreiber eingleisig. Dort waren in der Nacht des Unglücks Bauarbeiten angesetzt gewesen, wie es auf der Internetseite des Unternehmens hieß.

Die Passagiere vorn im Zug waren sofort tot

Am Unglücksort bot sich in der Nacht ein Bild der Verwüstung. Der Personenzug aus Triebwagen und einem Waggon lag auf der Seite auf dem schneebedeckten Boden. Teile des Zuges wurden zerfetzt. Die Wucht des Aufpralls hatte das Fahrzeug aus den Schienen katapultiert.

Der Triebwagen müsse wahrscheinlich vor Ort zerlegt werden, sagte Andreas Putzer, Geschäftsführer des privaten Bahnunternehmens HarzElbeExpress HEX. Der mehrere hundert Meter lange Güterzug der Verkehrsbetriebe Peine-Salzgitter, der Kalk geladen hatte, steht noch auf den Schienen. Die Unfallstelle liegt im freien Feld, in der Nacht herrschte dort dichter Nebel. Noch Stunden nach dem Unglück erhellten am frühen Sonntagmorgen Scheinwerfer den Unglücksort.

Ein Abtransport der Verletzten per Rettungshubschrauber war wegen der schlechten Sicht nicht möglich. Laut Polizeisprecher fuhren die Züge mit so hohem Tempo aufeinander, dass die Passagiere vorn im Zug sofort tot waren. "Es ist ein schwerer Einsatz, und ich hoffe, dass die Kameraden durchhalten", sagte Feuerwehreinsatzleiter Bernd Delecke.

Lob für die Helfer

Sachsen-Anhalts Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD) sagte am Unglücksort, das Signal für den Nahverkehrszug habe auf Grün gestanden. Allerdings seien daraus keine Rückschlüsse auf eine Schuld oder die Unglücksursache zu ziehen. Sie müsse erst noch ermittelt werden. Der Politiker lobte indes die Arbeit der Helfer von Polizei, Feuerwehren, Rettungsdiensten und Technischem Hilfswerk: "Der Einsatz hat hervorragend geklappt." Es waren 164 Helfer und Polizisten im Einsatz.

Das Hordorfer Zugunglück ist eins der verheerendsten Bahnunglücke in Deutschland seit Jahren. Im September 2006 war auf der Transrapid-Versuchsstrecke im emsländischen Lathen ein Testzug der Magnetschwebebahn in einen Werkstattwagen gerast; 23 Menschen starben, elf weitere wurden verletzt. Drei Jahre zuvor waren sechs Menschen ums Leben gekommen, als im baden-württembergischen Schrozberg zwei Regionalzüge aufeinanderprallten. Im Februar 2000 wurden neun Menschen getötet und 149 verletzt, als ein Nachtexpress von Amsterdam nach Basel im Bahnhof im nordrhein-westfälischen Brühl wegen überhöhter Geschwindigkeit entgleiste.

Die bislang größte Zugkatastrophe im deutschen Bahnverkehr nach dem Zweiten Weltkrieg ereignete sich im Juni 1998 im niedersächsischen Eschede. Damals entgleiste der ICE München-Hamburg, 101 Menschen wurden getötet.

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Chronik: Die schwersten Zugunglücke Deutschlands
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