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Zugunglück in Spanien: "Als ob es ein Erdbeben gegeben hätte"

Nach dem verheerenden Zugunglück bei Santiago de Compostela ist die Zahl der Todesopfer auf mindestens 77 gestiegen, mehr als 140 Passagiere wurden verletzt. Es ist einer der schwersten Bahnunfälle in der Geschichte Spaniens.

Santiago de Compostela - Es sind erschreckende Bilder, aufgenommen wenige Kilometer vor dem Bahnhof der Stadt Santiago de Compostela: Mehrere Eisenbahnwaggons liegen in Trümmern im Graben, Einsatzkräfte klettern auf der Suche nach Überlebenden durch den Schutt, entlang der Strecke liegen Dutzende leblose Körper, sie sind mit Tüchern bedeckt.

Am Mittwochabend um 20.42 Uhr hat sich dort eines der schlimmsten Zugunglücke in der Geschichte Spaniens ereignet. Mindestens 77 Menschen kamen ums Leben, 143 seien verletzt worden, teilten die Behörden am Morgen mit. Die Zahl der Opfer könnte noch steigen.

Nach Angaben der spanischen Bahngesellschaft Renfe waren etwa 220 Passagiere und Bahnmitarbeiter an Bord des Schnellzugs vom Typ Alvia, als dieser entgleiste. Noch immer suchen etwa 200 Einsatzkräfte nach möglichen Überlebenden in den Trümmern der Wagen. Der Zug verkehrt zwischen der Hauptstadt Madrid und der Stadt El Ferrol an der Atlantikküste.

Wie genau es zu dem Unfall kommen konnte, ist noch unklar. Nach ersten Informationen war der Zug viel zu schnell in eine Kurve gefahren. Wie die spanische Zeitung "El País" berichtet, ist er 190 Kilometer pro Stunde gefahren, erlaubt waren demnach 80. Einer der beiden Lokführer habe nach dem Unglück telefoniert und der Zeitung "La Voz de Galicia" zufolge immer wieder in sein Handy gerufen: "Wir sind entgleist, was soll ich tun, was soll ich tun?"

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Zugunglück bei Santiago de Compostela: "Die Wagen türmten sich übereinander"
Die Waggons wurden bei dem Unglück auseinandergerissen, sprangen aus den Schienen. Einige Wagen prallten gegen eine Mauer, stürzten um, andere verkeilten sich ineinander. Ein Wagen flog über die Begrenzungsmauer hinweg. Nach dem Unglück stieg Rauch aus den Trümmern auf, aus der Lok schlugen Flammen.

Laut Renfe gibt es keinen Hinweis darauf, dass es sich nicht um einen Unfall gehandelt habe. Die Unglücksursache werde untersucht, Erkenntnisse könnte die Auswertung der sogenannten Blackbox des Zuges bringen. Es ist der erste tödliche Unfall, der auf der spanischen Hochgeschwindigkeitsstrecke der Bahn passiert. Die Kurve an der Unglücksstelle ist relativ eng, Experten hatten bei der Planung der Strecke darauf hingewiesen, dass die Kurve "problematisch" sei, wie die Zeitung "El Mundo" berichtet.

"Es ging so schnell … Es schien als würde der Zug in einer Kurve beginnen, sich zu verdrehen und die Waggons sich, einer auf den anderen, auftürmen", sagte der Passagier Ricardo Montesco dem Radio-Sender "Cadena Ser". Der 39-jährige Francisco Otero, der sich zum Zeitpunkt des Unfalls in einem Haus nahe der Unglücksstelle aufhielt, berichtete von einem "großen Knall, als ob es ein Erdbeben gegeben hätte". "Das Erste, was ich gesehen habe, war eine Frauenleiche", sagte er. Überall sei Rauch gewesen. Anwohner hätten versucht, mit bloßen Händen und Werkzeugen eingeschlossene Menschen aus dem Zug zu befreien.

"Ich möchte den Opfern des fürchterlichen Zugunglücks in Santiago meine Verbundenheit ausdrücken", sagte der spanische Regierungschef Mariano Rajoy. Er will am Donnerstag zur Unglücksstelle reisen.

Papst Franziskus - derzeit auf Reisen in Brasilien - rief zum Gebet für die Opfer des Unglücks auf. Das Oberhaupt der Katholiken sei "den Familien in ihrem Schmerz nahe", sagte Vatikansprecher Federico Lombardi in Rio de Janeiro, wo derzeit der katholische Weltjugendtag gefeiert wird. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle sagte, er sei "tief bestürzt über die Nachrichten zu dem furchtbaren Zugunglück". Er wünsche den vielen Verletzten baldige Genesung.

Santiago de Compostela ist die Hauptstadt Galiciens und ein wichtiges Pilgerzentrum, das jährlich Zehntausende Menschen anzieht. Am Donnerstag sollte dort ein Fest zu Ehren des Schutzpatrons von Galicien, des Heiligen Jakobs, stattfinden. Die Stadt sagte die geplanten Feiern nach dem Unglück ab.

aar/dpa/AFP

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Bevölkerung: 46,440 Mio.

Fläche: 505.968 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

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