Lokführer des spanischen Unglückszugs: "Ich habe es verbockt"

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Der Lokführer des Unglückszugs von Santiago de Compostela ist in Polizeigewahrsam. Francisco José G. wird nun zu der Katastrophe befragt, bei der mindestens 78 Menschen starben. Kurz nach dem Unfall soll er sich selbst beschuldigt haben. Wer ist der Mann?

Santiago de Compostela - Zwei Bilder zeigen Francisco José G. kurz nach dem verheerenden Zugunglück bei Santiago de Compostela: Die rechte Hälfte seines Gesichts ist blutverschmiert, rote Sprenkel sind auf seinem hellblauen Hemd verteilt. Auf einem Foto sind zwei Männer an seiner Seite zu sehen, sie stützen ihn. Auf dem anderen Bild läuft neben ihm ein bewaffneter Polizist.

Francisco José G., 52, ist einer der Lokführer des Unglückszugs vom Typ Alvia, er überlebte den Crash leicht verletzt und verbrachte die vergangene Nacht im Krankenhaus von Santiago de Compostela, wie "La Voz de Galicia" berichtet. An seiner Seite waren demnach seine Mutter und ein vom Richter bestellter Polizist. Die Zeitung hat eigenen Angaben zufolge kurz mit G. telefoniert, er habe jedoch keine Angaben zum Bahnunglück machen wollen - einem der schwersten in der Geschichte Spaniens. Er habe lediglich gesagt: "Stellen Sie sich mal vor, wie ich mich fühle!"

Noch im Laufe des Tages soll G. von der Polizei zu dem Unglück befragt werden. Ihm wird Fahrlässigkeit vorgeworfen, sagte der Chef der Polizei der Autonomen Region Galicien, Jaime Iglesias. G. werde "einer Straftat in Zusammenhang mit dem Unglück" beschuldigt.

Erkenntnisse zum Unfallhergang erhoffen sie sich vor allem von der Blackbox - der Datenschreiber wurde aus den Trümmern geborgen und wird inzwischen ausgewertet. Der Zug soll mit Tempo 190 in die enge A-Grandeira-Kurve gerast sein - eine Stelle, an der maximal 80 Kilometer pro Stunde erlaubt sind. Etwa 240 Fahrgäste waren an Bord, darunter viele Pilger.

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Zugunglück in Santiago de Compostela: Mit Tempo 190 in die Kurve
Nach dem Unfall war G. in der Führerkabine eingeklemmt und rief mit seinem Handy den Notruf. "Ich hätte 80 fahren sollen und hatte Tempo 190 drauf", sagte er dabei laut "El País". Und: "Ich hoffe, es gibt keine Toten" - da wusste er noch nicht, dass mindestens 78 Menschen bei dem Unglück starben. Wie die Regionalregierung von Galicien mitteilte, liegen noch 87 Menschen in Krankenhäusern. Der Zustand von 32 Verletzten, darunter drei kleine Kinder, sei kritisch.

Auch "El Mundo" zitiert aus einem Gespräch, dass G. direkt nach dem Aufprall geführt haben soll. Demnach sagte er: "Ich habe es verbockt. Ich möchte sterben." Das Transkript des Gesprächs ist offenbar Teil der Ermittlungsakten.

Seit 30 Jahren bei Renfe

Dem Zeitungsbericht zufolge stammt G. aus der Stadt Monforte de Lemos in der Region Galicien. Schon sein Vater habe bei der Eisenbahn gearbeitet. Um selbst Lokführer zu werden, sei G. nach Barcelona gezogen, später habe er in Madrid gearbeitet. Vor rund zwei Jahren ist er den Angaben zufolge nach A Coruña im äußersten Nordwesten von Spanien gezogen. Er sei alleinstehend und habe keine Kinder, berichtet die Zeitung.

"El Mundo" sprach mit dem Chef der spanischen Eisenbahngesellschaft Renfe, Julio Gómez-Pomar Rodríguez. Demnach arbeitet G. seit rund 30 Jahren für das Unternehmen, seit einem Jahr fährt er demnach die Schnellstrecke zwischen der Hauptstadt Madrid und der Stadt El Ferrol an der Atlantikküste.

"Er ist ein großartiger Mensch, ein wirklich netter Bursche", zitiert "La Voz de Galicia" Ángel Rodríguez von der Eisenbahngewerkschaft UGT in Monforte.

"Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der schlecht über ihn spricht", heißt es demnach in einem Facebook-Post eines Kollegen. In dem sozialen Netzwerk soll G. im März 2012 das Foto eines Zugtachos gepostet haben, der 200 km/h anzeigt. "Was für ein Vergnügen wäre es, sich ein Rennen mit der Guardia Civil zu liefern und sie zu überholen", soll er in den Kommentaren dazu gewitzelt haben.

"In diesem Augenblick halten alle Spanier zusammen"

Die Katastrophe nahe der Pilgerstadt Santiago de Compostela war das erste tödliche Unglück im Hochgeschwindigkeitsnetz der spanischen Bahn. Die Lokführergewerkschaft Semaf nahm den Lokführer in Schutz und erklärte, das Sicherheitssystem kurz vor Santiago beim Übergang von Hochgeschwindigkeits- auf Normalstrecke sei ungeeignet. Bau- und Verkehrsministerin Ana Pastor wies dies zurück.

Spaniens König Juan Carlos sagte bei seinem Besuch im Hospital Clínico von Santiago, er habe Hoffnung, dass die Tragödie dazu beitrage, eventuelle Probleme des spanischen Eisenbahnsystems zu lösen. "In diesem Augenblick halten alle Spanier zusammen."

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Unglücksstelle bei Santiago de Compostela

aar/dpa

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