Zugunglück: Trauer und Trauma

Für sie waren es drei Sekunden, die die Welt veränderten - ihre Welt und ihr Leben: Für Heinrich Löwen, Udo Bauch und das Ehepaar Rehkopf ist das Zugunglück von Eschede auch ein Jahr danach noch mehr als eine Erinnerung.

Eschede - Eigentlich hatte er nur einer Kollegin einen Gefallen getan. Am 3. Juni 1998 übernahm Robert Köpf, 43, ihre Schicht und arbeitete als Restaurantleiter im Speisewagen des ICE 884 von München nach Hamburg. Die kleine Gefälligkeit bezahlte der Münchner mit seinem Leben.

Seine Leiche wurde als eine der letzten geborgen, drei Tage nach dem Unglück. Unmittelbar nach dem Unglück telefonierten Köpfs Stiefvater Walter Rehkopf und seine Kollegen alle nur erdenklichen Möglichkeiten ab, in der Hoffnung, Nachrichten von ihm zu erhalten. Tatsächlich erfuhren sie schließlich, Robert läge mit leichten Verletzungen in einem Braunschweiger Krankenhaus. Doch dort kannte niemand seinen Namen und auch der Vermißte meldete sich nicht. Die Angst um den Sohn, den sie noch am Leben glaubten, zermürbte das in St. Andreasberg im Harz lebende Ehepaar. "Ich konnte keinen Gedanken fassen. Es ging immer von einem Extrem ins andere", sagt Walter Rehkopf heute.

Eine Woche blieben sie in quälender Angst. Zwischendurch meldete sich die Kriminalpolizei und wollte das Zahnschema von Robert Köpf. Am 10. Juni kam der Stadtdirektor des Ortes und überbrachte die traurige Nachricht. Der Verlust des Stiefsohnes ist für Walter Rehkopf noch immer unfaßbar. "Es fehlt einfach ein Stück, das kann man nicht ersetzen. Das ist weg, einfach weg."

Doch neben der Trauer belastet ihn auch das Verhalten der Deutschen Bahn AG sehr. "Alle haben unbürokratische Hilfe versprochen - alles Quatsch." 30.000 Mark hatten die Hinterbliebenen anderer Opfer schon erhalten, die Rehkopfs dagegen erhielten ein Schreiben vom Ombudsmann Ernst Otto Krasney, daß sie keinen Anspruch hätten: Schließlich war es für Robert Köpf ein Arbeitsunfall. Erst nachdem Rehkopf ihn am Telefon fragte, ob die vier Leute der Bahn Tote zweiter Klasse seien, kam dann doch noch die Zusage.

Auch für Heinrich Löwen aus der Nähe von Passau ist das Zugunglück längst nicht Vergangenheit. Seine Frau und seine Tochter saßen in dem Zug. Beide starben. Löwen ist jetzt Sprecher der Interessengemeinschaft der Eschede-Opfer. Er hält die 30.000 Mark Entschädigung für Angehörige der Verunglückten für "nicht angemessen". Man könne zwar kein Menschenleben in Geld aufrechnen, aber "die Relationen stimmen nicht. Es geht um eine Würdigung dessen, was geschehen ist." Deshalb fordert die Interessengemeinschaft 250.000 Mark. "Bei vielen Leuten war dieses Unglück ein so gravierender Einschnitt, ganze Lebensläufe wurden einfach umgekehrt."

So wie der von Udo Bauch. Er saß in Wagen Nummer 11, als er einen heftigen Knall hörte und sofort dachte, es sei etwas Schlimmes passiert. Die Wucht des Aufpralls schleuderte ihn quer durch das Erste-Klasse-Abteil. Eine Stunde dauerte es, bis er aus dem Wrack geborgen wurde. "Ich hatte wahnsinnige Schmerzen und tausend Gedanken an meine Familie, meine Jugend und meine Eltern im Kopf", erzählte Bauch.

Nach drei Wochen im künstlichen Koma erwachte er. Der 31jährige hatte schwerste Hirnblutungen, Brüche im Gesicht und am Körper. Die linke Seite war komplett gelähmt. Sechsmal wurde er operiert. Beim letzten Mal wurde seine Schädelplatte wieder eingesetzt. Danach begannen für Bauch "die schwersten acht Wochen meines Lebens". In der Reha hatte er täglich zehn Stunden Anwendungen unter Schmerzen. Die Lähmung ist inzwischen weitgehend zurückgegangen.

Allein seine linke Hand wird ihn sein Leben lang an das Zugunglück erinnern: Er wird sie nie wieder richtig bewegen können.

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