Zum Freitod Kurt Demmlers: "Ich glaube nicht, dass ein Mensch immer gut ist"

Von Thomas Winkler

Jeder in der DDR kannte seine Lieder, keinem gelang es so geschickt, die Zensur zu unterlaufen: Jetzt nahm sich Kurt Demmler, bekanntester Songschreiber des deutschen Ostens und wegen Missbrauchsvorwürfen in Untersuchungshaft, das Leben. Wie wird man sich an ihn erinnern?

Berlin - Am Ende ist man immer schlauer. Hinterher hätte man alles doch längst wissen können. Oder zumindest ahnen, damals schon, Anfang der Achtziger Jahre. Das Lied hieß "Noch nicht sechzehn", eine Band namens Dialog brachte es heraus, Kurt Demmler hatte den Text geschrieben. "Ach man wird nicht minder schon durch solche Kinder angemacht", heißt es dort, "nur noch diesen Tanz - hab ich sie gedrängt. Und die neunte Klasse hat ihn mir dann auch geschenkt. Noch nicht sechzehn, muss um zehn geh'n."

Nun, da sich Kurt Demmler erhängt hat in seiner Zelle in der Untersuchungshaftanstalt Moabit, lesen sich diese Zeilen wie ein vorgezogenes Geständnis. Ein Geständnis, das er vor Gericht niemals abgelegt hat. Da hatte der 65-Jährige geschwiegen, zuvor in Vernehmungen die Vorwürfe vehement abgestritten. Kindesmissbrauch in 212 Fällen lautete die Anklage. Nun werden die Beschuldigungen wohl nie restlos aufgeklärt werden, das Gericht stellte noch am Dienstag das Verfahren ein.

So oder so: Kurt Demmler wird in die Geschichte eingehen. Einerseits als Beschuldigter in einem spektakulären Missbrauchs-Prozess, den nicht nur die Klatschpresse dankbar aufnahm. Andererseits aber bleibt sein Werk als Sänger und Dichter, als eine der prägendsten Figuren der populären Musik der DDR.

Texte, die das Lebensgefühl DDR auf den Punkt brachten

Denn Demmler war Liedermacher in der radikalsten Bedeutung des Begriffs. Er sang nicht nur seine eigenen Lieder, sondern er schrieb ohne Unterlass und in rasantem Tempo. Demmler war, erinnert sich Sänger Dirk Michaelis, "in der Lage, innerhalb von wenigen Minuten Texte zu schreiben, die den Nerv und das Lebensgefühl in der DDR auf den Punkt brachten."

So produktiv war der in Posen geborene Demmler, dass er mit seinen Songs den offiziellen Musikbetrieb der überschaubaren DDR quasi überschwemmte. Nahezu allen populären Bands und Vokalisten schrieb er Texte, ob Karat, Silly oder Puhdys, Veronika Fischer, Frank Schöbel, der Klaus Renft Combo, Stern-Combo Meißen oder Karussell, bei denen Michaelis von 1985 an sang. Dabei blieb Demmlers Erfolg nicht auf den Osten beschränkt: Auch Katja Ebstein, Harald Juhnke oder Karel Gott interpretierten Demmlers Zeilen.

Mehr als zehntausend Texte, schätzte Demmler selbst, hat er in all den Jahren verfasst. Sein bekanntester war vielleicht "Du hast den Farbfilm vergessen", jene Hymne auf die kleine Ostseeinsel Hiddensee, mit der Nina Hagen zum Star in der DDR wurde, bevor sie ausreiste aus dem Arbeiter- und Bauernstaat, ihrem Ziehvater Wolf Biermann hinterher.

Auch Demmler hatte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers 1976 protestiert und die entsprechende Erklärung unterschrieben. Doch im Gegensatz zu vielen Mitunterzeichnern blieb er in der DDR - und wurde sogar noch erfolgreicher. Denn niemand verstand es so wie er, die Fährnisse der Zensur zu umgehen.

Demmlers Texte waren geschmeidig: Oberflächlich waren sie kaum zu beanstanden, die Brisanz lag zwischen den Zeilen, in den Metaphern.

"Dieses poetische Rocklied, so typisch für die DDR"

Wenn die Rede war von einem Vogel im Käfig, von einer Sehnsucht nach dem Süden, dann wusste der DDR-Bürger Bescheid. Exemplarisch dafür steht wohl "Wie ein Fischlein unterm Eis": Für einen in der BRD sozialisierten Hörer ein eher kryptisches Vergnügen, für den Ostler eine explizite Auseinandersetzung mit dem Leben hinter dem Eisernen Vorhang, mit einer erstarrten DDR. Für Dirk Michaelis, in dessen Bühnenprogramm "Wie ein Fischlein unterm Eis" bis heute zu den Höhepunkten gehört, hatte Demmler "wie kein anderer das Geschick, solche Formulierungen zu finden, die bei strengstem Zensur-Gehabe nicht zu zerrütteln waren".

Die Zensur war schuld, dass in der DDR die westlichen Vorgaben nicht einfach eins zu eins kopiert werden konnten. Demmler entwickelte sich zum unbestrittenen Großmeister der sogenannten "Blauen Elefanten". Das waren ausdrücklich grobe Verstöße gegen die Auflagen, die absichtlich in die Texte eingebaut wurden. Die Zensoren hatten etwas zum Meckern und übersahen dafür andere prekäre Stellen. So erfolgreich war das Verfahren, dass Demmler 1985 sogar mit dem Nationalpreis der DDR geehrt wurde für seinen Liederzyklus zu Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz".

Zu diesem Zeitpunkt war Demmler bereits die unverzichtbare graue Eminenz des DDR-Rock geworden. Hatte eine Band Probleme mit der Zensur, ging sie zu Demmler, um sich die Texte umschreiben zu lassen. Und jeder, der sich die Reime von Demmler schreiben ließ, wusste, dass die Obrigkeit weniger würde zu beanstanden haben. Unter diesen Voraussetzungen entstand eine eigene Form, zurückgenommen im Vergleich zum provokativen US-Import Rock'n'Roll, dafür aber auch kunstvoller, bisweilen vielleicht sogar zu akademisch. "Dieses poetische Rocklied, das so typisch ist für die DDR", sagt Michaelis, "daran hatte Kurt Demmler den allergrößten Anteil."

Am 4. November 1989 stand Demmler auf dem Alexanderplatz und trug vor einer halben Million Unzufriedener ein neues Lied vor. "Irgendeiner ist immer dabei", der Song "von der ganz leisen Polizei", wäre wenige Wochen zuvor so kaum möglich gewesen, nun aber sang Demmler ganz ungeniert, unverschlüsselt und voller Hohn von der Staatssicherheit. Da hatte einer recht schnell begriffen, dass eine neue Zeit angebrochen war.

Nie wieder wird leichten Herzens singen

Im neuen Deutschland kam Demmler trotzdem niemals richtig an. Ihn ereilte derselbe Karriereknick wie andere DDR-Künstler auch. Es gab kaum noch Aufträge, seine Band zerbrach. Zwar profitierte er von der später einsetzenden Ostalgie, als reformierte DDR-Bands natürlich auch seine Stücke wieder aufführten. Aber die aktuellen Arbeiten des zuletzt in der märkischen Einöde lebenden Demmler wurden weitgehend ignoriert. Auch eine Vertonung von Stefan Heyms "Der König-David-Bericht" wurde zwar in einigen Theater gespielt, fand aber keine große Resonanz.

Der fast schon verzweifelte Versuch, mit einer Girlgroup in die westliche Unterhaltungs-Maschinerie einzusteigen, scheiterte nicht nur, sondern besiegelte schlussendlich Demmlers Fall. Die Mädchen, die er für jenes Projekt castete, zeigten ihn später wegen Missbrauchs an.

Die unzähligen Lieder Kurt Demmlers werden nun wohl auf immer verbunden bleiben mit diesem Verdacht. Aber auch, wenn man den "Farbfilm" nie wieder unbelastet wird hören können, auch wenn Dirk Michaelis das Lied vom "Fisch unterm Eis" nie wieder wird leichten Herzens singen können, "dann ändert das ja nichts an Demmlers Werk als Dichter", hofft der Sänger.

Als eines der letzten seiner vielen, vielen Lieder schrieb Kurt Demmler vor gut einem Jahr eines über die Stasiverdächtigungen bezüglich Gregor Gysi. In "Easygysi zum 60." heißt es: "Ich glaube nicht, dass ein Mensch immer gut ist, weiß, dass was Schadhaftes einem jedem im Blut ist". Wie recht er hatte.

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