Zurwehme Freigang trotz Warnungen

Die Flucht des als "Mörder von Remagen" gesuchten Schwerverbrechers ist laut einem Zeitungsbericht durch eine Fehlentscheidung der Behörden begünstigt worden. Dieter Zurwehme ist weiter auf freiem Fuß.


Bielefeld - Das Westfälische Justizvollzugsamt in Hamm hat offenbar Warnungen eines Psychologen ausgeschlagen. Nach Informationen des "Westfalen-Blattes" hatte der Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne Ende 1996 eindringlich vor der Gefährlichkeit Zurwehmes gewarnt. Er schlug vor, die Haft Zurwehmes nicht weiter zu lockern. Das übergeordnete Vollzugsamt ordnete damals jedoch an, dem Häftling weitere Lockerungen zu gewähren.

Mit Maschinenpistole und kugelsicherer Weste an der Straßensperre
DPA

Mit Maschinenpistole und kugelsicherer Weste an der Straßensperre

Zurwehme war 1973 wegen Mordes und mehrerer Sexualdelikte zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Er saß zunächst in Rheinbach und dann in Geldern im geschlossenen Vollzug, bevor er 1995 in die JVA Bielefeld-Senne verlegt wurde. Hier sollte der Häftling langsam auf die Freiheit vorbereitet werden.

1996 soll Zurwehme in einem Gespräch mit dem Anstalts-Psychologen gesagt haben: "Wenn ich in die Enge getrieben werde und keinen Ausweg mehr sehe, vergewaltige ich wieder eine Frau." Der Psychologe hielt Zurwehmes Äußerung schriftlich fest. Die Vollzugskonferenz der JVA Bielefeld-Senne entschied, Zurwehme aus Sicherheitsgründen keine weiteren Lockerungen zuzugestehen.

Ein Psychologe im Rang eines Oberregierungsrates am Justizvollzugsamt in Hamm befand jedoch, daß die Expertise des Bielefelder Psychologen abwegig sei und Zurwehme weitere Lockerungen zugestanden werden müßten. Anschließend soll der Bielefelder Psychologe vom Präsidenten des Vollzugsamtes für seine Stellungnahme schriftlich gerügt worden sein.

Zurwehme, der von 116 Freigängen zurückgekommen war, nutzte den 117. Ende 1998 zur Flucht. Seitdem soll er vier Menschen ermordet und versucht haben, ein 15jähriges Mädchen zu vergewaltigen. Der Anstaltspsychologe, der Zurwehme keine weiteren Lockerungen zugestehen wollte, steht zur Zeit ebenso wie seine Familie unter Polizeischutz. Die Polizei wolle einen Racheakt des geflohenen Häftlings nicht ausschließen, berichtet das Blatt.

Großfahndung im Landkreis Hannover
DPA

Großfahndung im Landkreis Hannover

Auch mit einem Großaufgebot gelang es der Polizei bis zum Donnerstag mittag nicht, Zurwehme aufzuspüren. Mit Straßenkontrollen am Stadtrand von Hannover versuchten die Beamten zu verhindern, daß er in der Großstadt untertaucht. Rund 80 schwerbewaffnete Beamte mit Hunden durchkämmten ohne Erfolg ein Waldstück zwischen Harenberg und Lenthe. Ein Zeuge hatte einen verdächtigen Spaziergänger beobachtet, der ein Fahrrad mit sich führte.

Das bisherige Verhalten des Schwerverbrechers lasse darauf schließen, daß er sich in Richtung Hannover bewegt, hieß es. "Die Tips aus der Bevölkerung gehen zur Zeit gegen Null", erklärte ein Sprecher der Einsatzleitung in Stadthagen. Dort gehen die Fahnder nach wie vor davon aus, daß sich Zurwehme noch im unübersichtlichen Grenzgebiet zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen aufhält.



© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.