In eigener Sache

Dieser Text des ehemaligen SPIEGEL-Redakteurs Claas Relotius hat sich nach einer Überprüfung in wesentlichen Punkten als gefälscht herausgestellt. Darüber hinaus steht die gesamte Berichterstattung von Relotius im Verdacht weitgehender Fälschungen und Manipulationen (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier). Der SPIEGEL arbeitet den Fall Relotius derzeit auf; Verlag und Redaktion haben eine Kommission aus internen und externen Fachleuten eingesetzt: Sie soll die Vorgänge untersuchen und Vorschläge zur Verbesserung der Sicherungssysteme im Haus machen (mehr dazu hier). Bis die Kommission ihren Bericht vorlegt, bleiben die Artikel von Relotius unverändert im Archiv, auch um transparente Nachforschungen zu ermöglichen.

Hinweise bitte an hinweise@spiegel.de.

In einer Nacht, in der Tausende Menschen durch das mexikanische Hochland marschieren, mit Rucksäcken oder kleinen Kindern auf dem Rücken, mit guten oder schlechten Absichten nordwärts zur großen Grenze, stehen 2000 Kilometer entfernt in Arizona, auf einem Berg, der die Wüste Mexikos von den Vereinigten Staaten trennt, sechs Männer in Uniform und warten auf die Invasion.

Sie tragen Munitionsgürtel, automatisches Gewehr, schusssichere Weste und ausgedachte Namen. Einer nennt sich Pain, Schmerz, er raucht Zigarre und sagt, er wolle den Teufeln, die auf Amerika zuliefen, in den Arsch treten, genau wie Donald Trump. Einer heißt Luger, so wie die Pistole, er hat Tarnfarbe im Gesicht und steuert eine Drohne Richtung Süden, zur Aufklärung über Bewegungen der Feinde. Drei andere, sie nennen sich Spartan, Nailer und Ghost, haben das Sternenbanner falsch herum gehisst, das Zeichen für den nationalen Notstand. Der Sechste, ein bärenhafter Mann mit Militärhelm, Kampfstiefeln und dunkelbraunem Vollbart, 40 Jahre alt, sein Kampfname ist Jaeger, späht durch sein Nachtsichtgerät hinab ins Altar Valley, ein stockdunkles Tal, und spricht von einem Krieg.

Das grünschwarze Infrarotbild, das Jaegers Augen sehen, geht weit über die Sonora-Wüste, eine sandige Landschaft fast so groß wie Deutschland. Sie ist voll mit Klapperschlangen, Geiern, Skorpionen "und in jeder verdammten Nacht", sagt Jaeger, "ein paar Tausenden Kojoten". Er meint nicht die Wölfe der Prärie, er meint Menschenschlepper, die Verbrecher, Drogen und Illegale ins Land brächten wie Krankheiten.

Jaeger und die fünf anderen sind hier, um alles, was die Fremden mit sich führen, zu stoppen. Sie sind keine Soldaten, jedenfalls nicht mehr, und kommen eigentlich auch nicht aus Arizona. Pain, 50, ist ein Rapsfarmer aus Kansas, Luger, 44, ein Fondshändler aus Michigan. Nailer, 57, war mal Vorarbeiter auf Baustellen in Utah. Spartan, 64, und Ghost, 48, sind Brüder, der ältere ist im Ölgeschäft in Louisiana, der jüngere arbeitet als Hilfssheriff in Colorado. Nur Jaeger, der aus Kalifornien stammt, hat keinen Job.

Sie haben sich den Namen, der auf ihrer Armeeuniform eingenäht ist, selbst gegeben, weil sie für das, was sie hier vorhaben, keinen Auftrag und keine Erlaubnis haben, aber das ist ihnen egal.

Ein paar Hundert Mal, sagt Jaeger, hätten sie schon Fremde, die in der Nacht von Süden her auf sie zugeschlichen kamen, gefangen, gefesselt oder mit Warnschüssen vertrieben. Einmal, sagt Jaeger, hätten sie drüben in El Paso neun Männer aus Guatemala, die Bandentattoos auf ihrem Arm hatten, durch die Dunkelheit gejagt, bis die zusammenbrachen. Einmal, sagt Jaeger, hätten sie unten bei Brownsville, Texas, drei Frauen aus Mexiko, die Rucksäcke voll Kokain auf ihren Schultern trugen, zwei Nächte lang in den Bergen frieren lassen und erst dann der Grenzpolizei übergeben. Und einmal, als sie hier in Arizona einen Teenager aus El Salvador erwischten, ließen sie den Jungen zur Strafe einfach wieder zurücklaufen, ohne Schuhe und ohne Wasser durch die Wüste.

"Wir beschützen unser Land, wir bringen niemanden um", sagt Jaeger. Aber nun, da ganze Karawanen auf dem Weg zu ihnen seien, da Tausende auf die USA zurennten, müssten sie sich verteidigen.

Die Linie, die Jaeger halten will um jeden Preis, ist 3144 Kilometer lang. Sie erstreckt sich vom Pazifischen Ozean im Westen bis zum Atlantischen Ozean im Osten; vom Strand Kaliforniens über die Canyons Arizonas und New Mexicos bis zu den Sümpfen in Texas, von Tijuana, dem größten Grenzübergang der Welt, über den Rio Grande bis zum Golf von Mexiko. Auf etwa einem Drittel jener Grenze steht eine meterhohe Befestigung aus Stahl oder Beton. An den meisten Stellen ist die Grenze offen. Jaeger nennt das, was Amerika an diesen Koordinaten bevorsteht, "a battle for survive", eine Schlacht ums Überleben. Er schiebt ein Magazin in sein Scharfschützengewehr.

Nur ein paar Stunden später, gut 2000 Kilometer südlich, auf einem Tankstellenparkplatz am Ortsausgang von Isla, einem verlorenen Kaff im mexikanischen Bundesstaat Veracruz, geht ein junge Frau mit Kinderwagen auf einen fremden Mann in einem Lkw zu, um ihm ein Angebot zu machen.

Die Frau, sie ist 25 Jahre alt, ihr Name ist Aleyda Milla, trägt gefälschte Plastik-Crocs, eine graue Leggins und ein T-Shirt mit der Aufschrift "Friends". An der Hand hält sie ihre fünfjährige Tochter, Alice.

"Wann können wir los?", fragt Aleyda.

Video (1:44) »Ich habe eine Botschaft an Trump«
Tausende Migranten aus Mittelamerika haben trotz Warnungen der mexikanischen Behörden und US-Präsident Donald Trump ihren Weg in Richtung USA fortgesetzt. Im Video erzählt Aleyda Milla aus Honduras, warum sie fliehen musste. Und was sie Donald Trump sagen will.

"Sofort", sagt der Mann, sein Atem riecht nach Tequila.

Er öffnet die hintere Tür des Lkw, als wäre es die Tür zum Paradies. Es dauert nur Minuten, dann nähern sich Gestalten vom ganzen Parkplatz, junge Männer in schmutzigem Hemd, Familien mit noch mehr Kindern auf dem Arm, erschöpfte Menschen. 150 von ihnen steigen in den Laderaum, setzen sich dicht gedrängt auf den Boden, immer fünf in einer Reihe. Die Luft ist heiß und stickig. Ein Mann mit einer Mütze der L. A. Lakers fragt, ob er ein kaltes Bier haben und Fox Sports schauen könne. Die Leute lachen.

Sie werden in diesem Lkw, einem Obsttransporter, in dem es dunkel ist und es keine Kühlung gibt, 350 Kilometer, gute zehn Stunden, zurücklegen. Sie werden während der Fahrt eine Tür offen lassen und alle 40 Minuten eine Pause einlegen, weil die Luft brennt. Am Anfang werden die Kinder schreien, nach zehn Minuten werden sie ganz still sein. Diese Fahrt, sie wird vielen im Laderaum vorkommen wie Luxus.

Sie sind in den vergangenen fünf Wochen, bepackt mit Rucksäcken oder Plastiktüten, mehr als 1500 Kilometer marschiert, Hunderte Stunden. Sie sind, manchmal barfuß, meist schweigend, über zwei Ländergrenzen gekommen, von Honduras nach Guatemala, von Guatemala weiter nach Mexiko, auf Landstraßen durch tropische Hitze, über Zäune, steile Hügel, durch einsame Täler und breite Flüsse. Sie haben nachts in Parks oder in Busstationen geschlafen, wo immer es ihnen in dem Land, in das sie kamen, befohlen wurde. Sie haben Reis und Bohnen gegessen, viele von ihnen sind darüber krank geworden, und doch haben sie sich, irgendwo in diesem Menschenstrom aus Tausenden, die in einer Karawane und vor Fernsehkameras aus aller Welt immer weiter Richtung Norden zogen, Kilometer um Kilometer vorgekämpft.

Jetzt, nach wochenlangem Marschieren, in der Dunkelheit des Laderaums, hören sie den Motor des Lkw, der sie in nur einem Tag bis in die Stadt Puebla, kurz vor Mexiko-Stadt, näher an ihr Ziel, die US-amerikanische Grenze, bringt.

Aleyda Milla, die Frau, die diesen Deal mit dem Fahrer ausgehandelt hat, die junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, sitzt ganz am Rand, an der rechten Kabinenwand. Aleyda, die aus einem kleinen Städtchen in Honduras stammt, aus einem Ort namens Yoro, drückt ihr Kind fest an sich. Ihre jüngere Schwester Vicky und deren Söhne Manuel, 4, und Dylan, 1, sitzen neben ihr. Aleyda hat sich mit ihnen auf den Weg gemacht. Sie hat die drei Kinder, ihre Schwester und sich selbst bis hierhin beschützt vor fremden Männern. Männer, die sich näherten, wenn Aleyda den Kinderwagen einen steilen Hang hinaufschob, und nach dem Vater fragten. Die Männer schoben dann den Kinderwagen, und nachts, wenn Aleyda in dem blauen Zelt schlief, das sie seit Wochen mitschleppt, öffneten die Männer den Reißverschluss und verlangten "Bezahlung". Dreimal ist das passiert, dreimal konnte sich Aleyda die Typen irgendwie vom Hals schaffen. Sie weiß aber, dass der gefährlichste Teil, der ohne die Karawane, erst noch kommt.

Sie weiß, dass im Norden, an der Stelle, an der sie die Grenze überschreiten wird, Drogenkartelle regieren. Sie weiß, dass diese ihr "derecho de paso", ihr Passierrecht, Geld oder noch viel mehr von ihr verlangen werden. Aleyda weiß auch, dass an der Grenze mehr als 5000 US-amerikanische Soldaten warten. Auch von bewaffneten Bürgern, Männern mit Gewehren, hat sie gehört, die irgendwo hinter der Wüste lauern, um Menschen wie sie zu jagen.

Es ist nicht klar, ob sich die Wege von Aleyda, die mit ihrer kleinen Tochter nach Norden zieht, und Jaeger, der mit den Männern in Arizona auf Eindringlinge aus dem Süden wartet, jemals kreuzen werden. Wahrscheinlich ist aber, dass viele, die wie Aleyda mit der Karawane laufen, ihr Glück in Arizona versuchen und auf Jaegers Männer zukommen werden. Sicher ist auch, dass in Texas, Kalifornien und New Mexico andere Bürgerwehren warten; dass auch diese bewaffnet und entschlossen sind, niemanden an sich vorbeizulassen.

Aleyda und Jaeger, von denen dieser Text handelt, sind nur zwei Menschen auf beiden Seiten. Sie wurden auf demselben Kontinent, aber nicht im selben Land geboren, der eine im reichen Norden, die andere im armen Süden. Ihre Leben, die nie etwas miteinander zu tun hatten, stoßen nun, physisch oder auch nicht, an der Grenze zweier Staaten zusammen; der eine schottet sich ab, der andere lässt Migranten einfach durch. Es könnte, auf den ersten Blick, nur eine Erzählung über Oben und Unten sein, aber es geht um Menschen, die an nichts mehr glauben, außer an sich selbst. Es geht, auf beiden Seiten, um Wut, Verzweiflung, Angst.

Über Arizona graut der Morgen, langsam wird es hell über der Wüste. Die Männer vom Altar Valley haben unter freiem Himmel geschlafen, mit dem Gewehr auf ihrer Brust, nur Spartan und Jaeger haben Wache gehalten, die ganze Nacht. Sie haben nichts Verdächtiges gehört, die Wärmebildkamera der Drohne hat ein paar Bewegungen in der Wüste angezeigt, aber das, sagt Jaeger, sei wohl nur ein Hirsch gewesen.

Spartan, ein grauhaariger Mann mit trainierten Oberarmen, schenkt Kaffee aus, der einem die Augen aufreißt, er spricht von seinem "Vietnamrezept". Er hat Amerika im Krieg gedient, wie alle hier, die anderen waren in Afghanistan, Irak. Sie haben auf dem Berg ein Lager aus Armeezelten, Feldbetten und Funkantennen aufgebaut, als wären sie noch immer irgendwo dort.

Flüchtling Aleyda mit Tochter Alice in Mexiko: "Ich wollte nie nach Amerika"
SCOTT DALTON / Der Spiegel
Flüchtling Aleyda mit Tochter Alice in Mexiko: "Ich wollte nie nach Amerika"

Hundert Meter hinter ihrer Front stehen zwei Pick-ups neben einem kleinen, unbewohnten Haus, das früher mal zu einer Ranch gehörte. Es ist die Kommandozentrale, in der sie ihren Kampf gegen die Invasoren steuern, mit Einsatzkarten, Überwachungsbildschirmen, Computern. Sie haben am Fuße des Berges, in der mexikanischen Wüste, durch die seit Jahren Einwanderer und mit ihnen manchmal auch Drogen kommen, Bodenkameras installiert, in einem Radius von 40 Kilometern. Sie bekämen sogar mit, sagt Jaeger, wenn eine Schildkröte dort niese.

Er ruft zwei Männer zur Morgenpatrouille. Luger und Ghost schließen sich an, zu dritt steigen sie den Berg hinab, um die Videoaufzeichnungen der Nacht aus den Kameras zu holen. Sobald die Sonne am Himmel steht, kann sich die Wüste im Winter auf bis zu 40 Grad aufheizen. Sie klettern über Felsen, laufen durch verdorrtes Gras, vorbei an Kakteen, die wie riesige Mittelfinger in der Landschaft stehen. Nach fast einer Stunde passieren die Männer einen mannshohen Stein, darauf steht: "End of country", Ende des Landes, und auf der anderen Seite "Límite del patio", Ende des Gartens. Sie beachten ihn gar nicht. Sie betreten einfach mexikanischen Boden. Sie tun das, so oft sie wollen, während jeder, der den umgekehrten Weg geht, sein Leben riskiert.

Es gebe hier draußen niemanden, der US-Amerikaner kontrolliert, sagt Ghost. Die nächste Stadt liegt anderthalb Autostunden entfernt, der nächste Posten der Border Patrol fast zwei. Ein paar Ranger, die für Sicherheit im angrenzenden Naturpark sorgen, fahren tagsüber hinter der Grenze in weißen Elektrowagen auf und ab wie Busfahrer, aber die, sagt Luger, erwischten ja nicht mal Mexikaner.

"Da", ruft Jaeger. Er geht ein paar Meter voraus und hält plötzlich den Arm nach Süden, es ist jetzt hell, und in der Ferne liegt ein sandfarbener Hügel mit drei Zacken. Es sei der Ausguck eines mexikanischen Kartells, sagt er. Sie könnten manchmal, wenn es ganz dunkel sei, mit dem Fernglas die Lichter der Smartphones sehen. Für Jaeger sind die Drogenkartelle, die längst nicht mehr nur mit Drogen, sondern auch mit geflüchteten Menschen handeln, die Frauen und Kinder kurz vor der Grenze entweder töteten oder ihnen Rucksäcke mit Fracht aufschnallten, die schlimmsten Teufel. Jaeger will aber auch nicht noch mehr Frauen und Kinder aus dem Süden, er sagt Illegale oder Bohnenfresser, im Land haben.

Er hat in der Nacht, während die anderen Männer schliefen, ein Facebook-Video von Donald Trump auf seinem Handy angeschaut. Das Video dauerte gut eine Minute. Zuerst zeigte es einen glatzköpfigen Mexikaner, der zwei US-Polizisten ermordet hatte und vor Gericht darüber lachte; dann zeigte es gewalttätige Horden, brennende Autos, Menschen mit dunkelbrauner Haut, die Zäune niederreißen. Jaeger sagt, er spürte sein Blut kochen, aber dann musste er selbst laut lachen. Über dem Post von Trump stand: "Jobs not Mobs".

Jaeger krempelt die Ärmel seiner Uniform hoch, auf seinen tätowierten Handrücken stehen die Worte "Strength" und "Pride", Stärke und Stolz. Er marschiert immer weiter hinein in die mexikanische Wüste und sagt, jeder, der seine Heimat verlasse und in einem anderen Land um Hilfe bettele, statt die Dinge im eigenen Land zu regeln, sei eine "Pussy". Er sehe das genau wie der Präsident, der gesagt habe, in den Karawanen seien keine Engel, sondern viele üble Kerle, nicht nur Drogenhändler, Killer, "wahrscheinlich sogar Leute aus dem Mittleren Osten".

Er hält an und spielt ein zweites Video auf seinem Handy ab, einen Wahlkampfauftritt des Präsidenten. Auf diesem Video steht der Präsident auf einer Bühne und warnt vor den Karawanen wie vor einem Rudel Wölfe. Er verspricht, sie diesmal zu "fangen" und "zurückzuschlagen", er spricht von einer "großen Show".

Jaeger sagt, er habe auf Fox News gehört, dass Trump die Nationalgarde und 5200 Soldaten hier runtergeschickt habe. Er hat aber noch keinen einzigen Soldaten gesehen. Es mache ihn fertig, sagt er, dass nicht jeder anständige Amerikaner, der sein Land liebe, mit ihnen hier draußen sei, um die Armee gegen den Ansturm zu unterstützen, um zurückzuschlagen, wie es der Präsident verlange.

Vor ihnen, im Sand zwischen Ziegenskeletten und einem trockenen Flussbett, liegen Kleider. Ein zerrissenes, rotes T-Shirt, eine Jogginghose, eine glitzernde Jeans. Luger bleibt stehen und hebt eine Unterhose mit seinem Gewehrlauf an. "Die meisten danken Gott, wenn sie es angezogen bis hierhin schaffen", sagt er, "glaubt ihr, das waren Kojoten?" – "Sind die Clintons kriminell?", antwortet Ghost. Das soll heißen: ja. Er sei sich sicher, dass die Kleider zwei Frauen oder Mädchen gehört haben, die von den Schleppern, die sie bezahlt hatten, vergewaltigt wurden.

Jaeger kaut auf seinem Kaugummi wie auf einer Beißschiene. Er nimmt seinen Helm ab und sagt: "Was sind das für Menschen?"

Der Lkw, der Aleyda Milla, ihre Schwester Vicky, die drei Kinder und 145 andere Menschen am frühen Morgen auf einem Parkplatz in Veracruz aufgeladen und nach Puebla gefahren hat, lässt sie am nächsten Abend irgendwo am Rand der Großstadt raus. Das Erste, was Aleyda sieht, sind blaue Streifenwagen, eine Straßensperre der Policía Federal.

Arbeitsloser Jaeger im Einsatz im Grenzgebiet: "Fuck! Fuck! Fuck!"
Johnny Milano
Arbeitsloser Jaeger im Einsatz im Grenzgebiet: "Fuck! Fuck! Fuck!"

Die Polizei nimmt die Geflüchteten nicht fest, sondern lässt sie mit Bussen in ein Flüchtlingslager bringen. Dort warten Hilfsorganisationen mit Abendessen. Es gibt Reis und Bohnen, wie jeden Abend.

Für Jaeger und für Donald Trump, das sagen beide deutlich, sind Menschen wie Aleyda Eindringlinge, Verbrecher, auf jeden Fall Leute, die kein Anrecht haben, in den USA zu leben.

Für viele Mexikaner, die den Menschen der Karawane während all der Wochen Kleider und Wasser spendeten, sind es Habenichtse aus dem Süden, die sich durch ihr Land quälen, um nach dem amerikanischen Traum zu suchen. Böden wischen, Kinder wickeln, Orangen pflücken, Gläser spülen, Wände spachteln. Das ist es, was die meisten in Städten wie Houston, Phoenix oder Miami tun werden, wenn sie es in die USA schaffen. Das ist das große Ziel, dafür der ganze Schmerz, die Lebensgefahr, das Geld, die Plackerei, all die langen Kilometer.

In dem Flüchtlingslager in Puebla, gleich neben einem Fußballstadion, begrüßt eine Gruppe katholischer Schwestern Aleyda und die anderen. Die Schwestern umarmen die Menschen, und die meisten sind froh darüber. Es bildet sich sogar eine kleine Schlange, um umarmt zu werden. Die Schwestern zeigen in Richtung einer großen Halle, die ziemlich gut gefüllt ist. Überall liegen Körper, viele schlafen, einige schauen auf ihr Handy, andere essen noch ihre Bohnen.

Aleyda sagt, sie sei froh, wie der Tag gelaufen sei. Alice, ihre Tochter, schläft neben ihr. Am Morgen waren es noch 3200 Kilometer nach Tijuana. Jetzt sind es keine 3000 mehr. Sie weiß nicht, wohin genau sie muss, der Schlepper wird sie noch anrufen, aber es ist ihr egal. Sie ist der Grenze wieder ein Stück näher, nur das zählt.

"Ich wollte nie nach Amerika", erzählt Aleyda. Sie hat das blaue Faltzelt im Schatten des Stadions aufgeschlagen, den Kinderwagen so danebengeschoben, dass sie ihn immer im Blick hat. An den Tag, an dem Aleyda zum ersten Mal über ein Leben in Amerika nachdachte, kann sie sich nicht mehr erinnern. Es ist ein Gedanke, den die meisten Armen in Honduras haben. Amerika ist für so ziemlich jedes Problem die Lösung. Ihr selbst kam dieser Gedanke in einer Nacht, in der sie mit Alice im Bett lag und hoffte, dass Juan, ihr Mann, nie mehr nach Hause kommen würde. Er hatte sie aus einem Grund verprügelt, an den sich später weder er noch sie erinnern konnten, vermutlich weil es keinen gab.

Sie hatte Juan kennengelernt, als sie 16 war. Er arbeitete auf einer Baustelle, das war ungewöhnlich. Die meisten jungen Männer, die Aleyda kannte, waren entweder in einer Gang oder hatten sich nach Amerika aufgemacht. Kriminelle sind die Einzigen in Honduras mit guten Berufsaussichten. In der Regel verlassen sie das Land nicht. Es sind viel häufiger die Ehrlichen, die gehen.

Juan hatte mit dem Material, das er an Baustellen klaute, ein Häuschen gebaut. Aleyda zog wenige Wochen nach ihrem ersten Kuss bei Juan ein, und für ein gutes Jahr, so erzählt sie jetzt, sei sie der glücklichste Mensch in ganz Honduras gewesen, auch weil ihr Mann erlaubte, ihre Schwester Vicky bei sich aufzunehmen.

Aleyda und sie waren bei ihren Großeltern aufgewachsen. Ihre Eltern waren 15, als sie Aleyda bekamen. Dreimal in ihrem ganzen Leben habe sie die Mutter und den Vater gesehen. Jedes Mal, wenn sie ein Kind bekamen, brachten sie es zu den Großeltern und verschwanden wieder.

Juan war Trinker und Schläger, erzählt Aleyda, immer in der Reihenfolge. Wenn er betrunken nach Hause kam, dauerte es nicht lange, bis er sich ärgerte und zuschlug. Vier Jahre habe sie das ausgehalten. Vier Jahre, in denen sich der nüchterne Juan immer wieder für den erbärmlichen Juan entschuldigte und Besserung gelobte. Irgendwann, als wieder ihr ganzer Körper von seinen Schlägen schmerzte, wusste Aleyda, dass sie wegmusste. Sie dachte kurz daran, ihn umbringen zu lassen. San Pedro Sula, die nächstgrößere Stadt, galt viele Jahre als die gefährlichste Stadt der Welt. In der Gegend, in der sie wohnte, kannte sie genügend junge Männer, die in einer Gang waren. Für ein paar Dollar hätten sie das übernommen.

Aleyda entschied sich dagegen, ihren Mann zu töten, und dafür, ihre Tochter zu retten. Sie begann, Geld zu sparen, fragte Freundinnen, wie man in die USA gelange. Irgendwann rief sie eine ihrer Tanten an, die schon vor Jahren dorthin geflohen war, die bis heute dort lebt und eine Wäscherei in San Antonio, Texas, besitzt. Auch sie kam als Illegale. Die Tante versprach, ihr und auch ihrer Schwester Vicky zu helfen, sie versprach, den Kojoten für sie beide und die drei Kinder zu bezahlen, sollten sie es zu Hause nicht mehr aushalten und sich auf den Weg machen.

Bauarbeiter Nailer im Pick-up der Bürgerwehr in Arizona: Fangen und zurückschlagen
Johnny Milano
Bauarbeiter Nailer im Pick-up der Bürgerwehr in Arizona: Fangen und zurückschlagen

Dann, vor fast einem Monat, hörte Aleyda von einer Karawane.

Die Männer vom Altar Valley, Jaeger und seine Truppe, glauben genau zu wissen, was für Menschen in diesen Karawanen kommen. Sie wissen aber, wenn man sie fragt, nichts darüber, warum junge Frauen aus Yoro fliehen oder warum junge Männer aus San Pedro Sula entweder zum Flüchtling oder zum Mörder werden.

Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht einmal in Mexiko, noch nie südlich von Arizona, außer auf ihrer täglichen Patrouille. Ghost verwechselt Honduras ständig mit Hungary, Ungarn. Luger kennt Honduras nur, weil Donald Trump das Land im Fernsehen mal als "shithole", Scheißloch, bezeichnet hat.

Es ist Nachmittag, die Berge werfen fast keine Schatten, und Jaeger schwitzt als Einziger in seinem Zelt. Er überprüft die Kamerabänder, die sie an Kakteen in der Wüste eingesammelt haben. Nach einer Stunde ruft er: "Fuck!"

Der Hirsch, dessen Bewegungen sie in der Nacht hinter den Wärmebildern der Drohnenkamera vermutet hatten, ist eine Gestalt mit Rucksack gewesen.

Jaeger beugt sich seinem Laptop entgegen und hämmert in die Tastatur, spult vor, spult zurück. Die Gestalt, nur in Umrissen zu erkennen, flitzt auf dem Bildschirm durch die Dunkelheit. Sie ist für Jaeger nicht mehr einzuholen.

"Fuck! Fuck! Fuck!" Jaeger bleibt jetzt, während die anderen Männer draußen selbst gebrautes Bier trinken, ein Lagerfeuer machen und Rinderrippchen grillen, den Rest des Tages in seinem Zelt. Als Jaeger sich zwei Stunden später wieder beruhigt hat, klappt er den Laptop zu. Verwechslungen mit Tieren kämen vor, sagt er, aber er könne gut schlafen, wenn er daran denke, wie viele Kilogramm Kokain sie hier schon beschlagnahmt, im Klo runtergespült oder im Sand versenkt hätten. "Wie viele Leben", sagt Jaeger, "haben wir gerettet?"

Er selbst habe in seinem Leben einmal viele gute Freunde gehabt, so erzählt er, die heute aber nicht mehr seine Freunde seien. Sie behaupteten, er sei ein Extremist, sagt er, weil er 300 Tage im Jahr hier oben sei und Menschen, die nur ein besseres Leben wollten, jage. "Wenn extrem bedeutet, nicht auf der Couch sitzen zu bleiben und dabei zuzusehen, wie dieses Land kaputtgeht", sagt Jaeger, "ja, dann bin ich Extremist."

Ist er ein Rassist?

"Schwachsinn", sagt Jaeger. Er habe nichts gegen Menschen mit anderer Hautfarbe, er trage auch kein verfluchtes Bettlaken über dem Kopf.

Er scheint etwas in der Brusttasche seiner Uniform zu suchen. Dann, irgendwann, sagt er, sein richtiger Vorname sei Chris und sein richtiger Nachname, "no bullshit", Jaeger. Sein Großvater sei einst aus Deutschland in die USA eingewandert, erzählt er, der Großvater hieß Hans und stammte aus einem kleinen Dorf in Bayern.

Honduranerin Aleyda (r.) mit Tochter Alice, Flüchtlinge im Lkw: 30 000 Dollar für fünf Köpfe
SCOTT DALTON / Der Spiegel
Honduranerin Aleyda (r.) mit Tochter Alice, Flüchtlinge im Lkw: 30 000 Dollar für fünf Köpfe

Er selbst sei nie in Deutschland gewesen, sagt Jaeger, aber er verfolge sehr genau, was dort passiere, seitdem Flüchtlinge ins Land gelassen wurden. "Vergewaltigungen, Morde, Terror", Jaegers Finger springen auf wie Klappmesser. "Das Schlimmste ist, dass wir ihnen helfen, und zum Dank", sagt er, "brechen sie uns das Genick."

Chris Jaeger zieht immer noch an seiner Brusttasche, als verberge sich darin irgendein Geheimnis, eine Erklärung für seinen Zorn. Er spricht jetzt mit leiser Stimme. Er will erzählen, wie aus ihm der wurde, der er heute ist. Er habe eigentlich nie etwas gegen Fremde gehabt, sagt er, er habe drüben in Kalifornien seine halbe Jugend mit ihnen verbracht. Er wuchs auf in Fresno, zwischen San Francisco und Los Angeles. Sein Vater betrieb eine Schreinerei, seine Mutter war Hausfrau. Beide wählten die Republikaner, und beide zogen Sonntagskleider an, fuhren Hunderte Kilometer Richtung Süden, als Ronald Reagan im Wahlkampf 1984 nach San Diego kam und dort vor Tausenden erklärte: "Die einfache Wahrheit ist, dass wir die Kontrolle über unsere Grenzen verloren haben, und keine Nation, die das zulässt, kann überleben."

Jaeger sagt, er sei damals sechs Jahre alt gewesen, und er hätte sich diesen Satz wahrscheinlich nie gemerkt, wenn sein Vater ihn nicht immer wiederholt hätte. Sein Vater, erzählt er, glaubte an Regeln, an das Recht zur Selbstverteidigung und an das Gesetz "stand your ground", das Amerikanern erlaubt, unrechtmäßige Eindringlinge auf ihrem Grundstück zu erschießen. Er selbst, sagt Jaeger, glaubte immer an Nächstenliebe und daran, Schwächeren zu helfen.

Er war 15 Jahre alt, da kaufte er Essensmarken für mexikanische Mitschüler auf seiner Highschool, jeden Tag. Er war 20, da heiratete er ein Mädchen namens Andrea und bekam mit ihr eine Tochter, sie gaben ihr den Namen Paula. Er war 26, da starb sein Vater und hinterließ die Schreinerei. Er übernahm sie und stellte drei junge Männer ein, sie stammten aus einem Dorf nahe Medellín, Kolumbien, und waren vor dem Drogenkrieg geflohen. Es war die Zeit nach dem 11. September, die Männer sprachen kaum Englisch, er habe fast nichts über sie gewusst, sagt Jaeger, aber er fand, sie verdienten eine Chance.

Sie schienen ihn nicht zu enttäuschen, sie machten ihre Arbeit gut. Seine Frau und er luden sie jede Woche zum Essen zu sich nach Hause ein. Dann, eines Tages, kam der Crash. Amerikas Banken kollabierten, und ein Hauskredit, den Jaeger aufgenommen hatte, platzte. Er verlor von einem Tag zum nächsten alles: das Haus, den Betrieb, vielleicht, sagt Jaeger, sogar seine Familie.

Es war vor neun Jahren, erzählt er, als er sich der US-Armee verpflichtete, um die Schulden wenigstens zur Hälfte abzuzahlen. Er flog gemeinsam mit anderen Schuldnern nach Afghanistan, um Amerika vor Terroristen zu beschützen. Er saß seine Zeit ab auf dem Stützpunkt der US-Streitkräfte in Bagram, während zu Hause in Fresno alles zerbrach. Er flog jedes Jahr zweimal zurück, um sich mit seiner Frau wegen Geld zu streiten. Er träumte von McDonald's und den Taliban, die sich nie zeigten, während seine Tochter Paula, die noch keine 13 war, süchtig nach Drogen wurde.

Am Anfang rauchte sie nur Marihuana. Dann Crack. Dann Crystal Meth. Seine Tochter sei heute 20 Jahre alt und abhängig von Heroin, sagt Jaeger. Aus seiner Brusttasche zieht er nun ein kleines Foto. Darauf ist eine Frau mit zerfurchter Haut und aufgerissenen Augen, wie eine Grimasse. Seine Tochter sei erst halb so alt wie er, sagt Jaeger, "manchmal sieht sie aus wie meine Mutter". Er besuche sie einmal im Monat in einer Klinik. Seine Frau habe sich scheiden lassen, er sei nur wegen seiner Tochter aus Afghanistan zurückgekehrt. Und als er sie gefragt habe, wer ihr die Drogen verkauft, von wem sie als Teenager den ganzen Stoff bekommen habe, da habe sie ihm verraten: von den drei Männern, denen er Arbeit und eine Chance gegeben hatte, die immer zu ihnen zum Essen gekommen waren, den jungen Männern aus Kolumbien.

Jaeger sagt, er habe jetzt einiges begriffen. Er hat nicht auf Fox News, sondern auf CNN gehört, dass allein dieses Jahr 400 000 Immigranten illegal über die Grenze gekommen seien; dass mit ihnen jedes Jahr Drogen im Wert von über 60 Milliarden Dollar ins Land gelangten und dass im vergangenen Jahr mehr als 70 000 Menschen in den USA an Überdosis gestorben seien, so viele wie nie.

Er habe nun verstanden, dass man nicht alle Menschen, bloß weil sie arm sind, in sein Haus lassen dürfe. Er sei heute selbst arm, und ihm helfe keiner. Er habe Nailer, Pain, Ghost, Luger und Spartan zufällig auf Waffenausstellungen oder im Internet, in Facebook-Gruppen der Republikaner kennengelernt. Sie alle spürten die gleiche Wut, und Männer wie sie, die bereit seien zu kämpfen, seien jetzt überall entlang der Grenze. Sie wollten ihr Land nicht länger zwischen Ziegenhirten am Hindukusch verteidigen, sondern an den eigenen Mauern. Sie glaubten an Donald Trump, und sie wollten, dass Amerika nicht länger von Fremden vergiftet werde, deshalb hielten sie hier die Stellung. Deswegen, sagt Jaeger, "werden jetzt alle Einbrecher dran glauben".

Im Flüchtlingslager in Puebla, die Kinder schlafen, öffnet Vicky, Aleydas Schwester, den Reißverschluss des blauen Zeltes.

"Ich habe mit San Antonio telefoniert. Es geht los", sagt sie. Die Tante habe sich gemeldet. Sie bezahlt den Kojoten und hat endlich Anweisungen gegeben, wie es weitergehen soll. Aleyda ist sofort hellwach. "Wohin?", fragt sie.

Veteran Jaeger auf Patrouille im Altar Valley: "Jetzt werden alle Einbrecher dran glauben "
JOHNNY MILANO
Veteran Jaeger auf Patrouille im Altar Valley: "Jetzt werden alle Einbrecher dran glauben "

"Matamoros", antwortet Vicky.

Aleyda weiß alles über Matamoros. Der Name klingt für sie wie ein Versprechen, ein Ort direkt an der Grenze, um den sich Legenden ranken. Ihre Freundinnen in Honduras hatten davon erzählt, in der Karawane hört sie ständig davon. Brownsville, Texas, liegt direkt auf der anderen Seite. Die meisten Einwanderer versuchen, die Grenze dort zu überqueren. Der Rio Grande, so hat Aleyda gehört, sei dort flach, am anderen Ufer erhebe sich eine Böschung. Zwar wimmle es von Grenzbeamten, aber wenn man als Gruppe von 10, 20 übersetze, gebe es eine Chance.

Die Tante hat mit den Schleppern abgemacht, dass sie immer nur Teilbeträge anweist. Die Gesamtzahlung, 30 000 Dollar für fünf Köpfe, ist erst fällig, wenn Aleyda und Vicky eine Nachricht mit Beweisfoto schicken, dass sie am Ziel angekommen sind.

Am nächsten Morgen brechen Aleyda und Vicky nach Mexiko-Stadt auf. Die drei Kinder sitzen im Kinderwagen, auf ihren Schultern haben sie ihren kleinen Rucksack. Das blaue Zelt, das Aleyda über 1600 Kilometer durch Honduras, Guatemala und Mexiko getragen hat, lassen sie in Puebla zurück, genau wie die Karawane. Der Weg, den sie in den nächsten zehn Tagen nehmen werden, ist jetzt klar. Drei Städte liegen noch vor ihnen. Sie werden auf Lkw oder in kleinen Bussen zuerst nach Monterrey fahren, eine Großstadt im Nordosten. Dann weiter durch den Bundesstaat Nuevo Leon, in dem das Kartell Los Zetas das Sagen hat, und über die Schnellstraße 40, auf der an manchen Tagen geköpfte Leichen liegen, nach Reynosa. Dann, vielleicht am achten oder am neunten Tag, werden sie Matamoros erreichen.

Es ist der Abend des 13. November, zehn Tage nachdem sie Puebla, die Karawane und ihr Zelt verlassen haben, schickt Aleyda eine SMS. Sie schreibt nur ein Wort: "Estoy", ich bin da.

Es ist eine kalte Nacht in Arizona, die ersten Karawanen in Mexiko lösen sich langsam auf, der Wahlkampf in Amerika ist bereits zu Ende, und Chris Jaeger liegt auf dem Berg über der Wüste und zielt mit seinem Scharfschützengewehr auf etwas, das sich schleichend in der Dunkelheit bewegt. Er kann durch sein Zielfernrohr nicht erkennen, was es ist, vielleicht nur ein Hirsch oder ein Puma, vielleicht wieder eine Gestalt mit Rucksack.

Die Männer spähen mit Nachtsichtgeräten ins Tal. Jaeger hat sie alle aufgeweckt und alarmiert, er will, dass ihnen nicht noch ein Einbrecher entwischt.

Es ist die Nacht nach den Kongresswahlen in Amerika, und er hat tagsüber im Radio gehört, dass die 5200 Soldaten, die Trump vor den Wahlen an die Grenze beordert hat, gar keine Waffen einsetzen, auf niemanden schießen dürften, wenn die Karawanen kämen. Er hat auch gehört, dass die Nationalgarde hinter der Grenze in Wahrheit keine Mauern oder Gefängnisse für Schwerverbrecher baue, sondern Zeltlager für die Erschöpften.

Jaeger muss jetzt an Trumps Worte denken. "Fangen und zurückschlagen", sagt er und legt in Ruhe sein Gewehr an. Er weiß nicht, was da unten im Tal ist, ein Tier oder ein Mensch.

Vielleicht glaubt er, er müsse das, was Trumps Soldaten nicht tun dürfen, nun selbst tun. Vielleicht will er nicht wahrhaben, dass Trumps Worte die ganze Zeit nur Wahlkampf waren, nur eine Show.

Jaeger blinzelt in die Dunkelheit, das Gewehr liegt auf seiner Schulter. Er hat kein Ziel. Er kann nichts sehen. Und irgendwann drückt er ab.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 47/2018.
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