Knobloch wurde 1932 in München geboren. Ihrer Deportation ins KZ Theresienstadt entging sie, weil eine ehemalige Hausangestellte der Familie das junge Mädchen als uneheliches Kind ausgab. Der Vater, ein Rechtsanwalt, überlebte den Krieg als Zwangsarbeiter. Seit 1985 ist Knobloch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, von 2006 bis 2010 war sie Präsidentin des Zentralrats der Juden.

SPIEGEL: Frau Knobloch, 73 Jahre nach dem Ende des Holocaust recken in Deutschland wieder Rechtsextreme die Hand zum Hitlergruß. Juden werden auf offener Straße bedroht, und im Bundestag bezeichnet ein Oppositionsführer namens Gauland die NS-Zeit als "Vogelschiss". Was lösen die Ereignisse der vergangenen Monate in Ihnen aus?

Knobloch: Diese Ereignisse belasten uns außergewöhnlich. Mit uns meine ich die Mitglieder aller jüdischen Gemeinden in Deutschland. Ich bin eigentlich Optimistin, das habe ich von meinem gottseligen Vater geerbt. Er war nach dem Holocaust davon überzeugt, dass Deutschland wieder eine Zukunft haben würde. Ich denke oft an meinen Vater in letzter Zeit. Und ich hoffe, dass dieses gruselige Schauspiel der letzten Monate irgendwie so endet wie viele andere zuvor.

SPIEGEL: Sie klingen nicht sehr zuversichtlich.

Knobloch: Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es wieder so schlimm wird. Neulich war ich in einem Gymnasium mit 300 Schülern und habe den jungen Menschen gesagt: Nehmt die Verantwortung auf, die wir euch übergeben. Seid stolz auf euer Land, es hat sehr viel geleistet und leistet es weiterhin. Und während ich das sagte, dachte ich: Was redest du da? Stimmt das überhaupt?

SPIEGEL: Sie haben Zweifel?

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 41/2018.
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