Vor gut drei Wochen saß Oliver Bierhoff in kurzer schwarzer Hose im Trainingsquartier der deutschen Nationalmannschaft am Rande des Pools. Das helle Blau spiegelte sich in seinen Augen. Teammanager Bierhoff, als Spieler Europameister von 1996 und Siegtorschütze im Finale, hatte soeben an einem Trainingsspiel der Mannschaft teilgenommen. An dessen Ende war ihm die Puste ausgegangen, den Rest des Spiels absolvierte er als Linienrichter.

Bierhoff lachte oft am Pool, er war guter Dinge, das gehört zwar zu seiner Berufsbeschreibung, aber es war wirklich so. Joachim Löw und er hatten alles wie immer gemacht. Sie hatten auf die alten Erfolgsprinzipien vertraut, hatten sich zur Vorbereitung in einer behaglichen Luxuswelt verschanzt, hatten bei der Zusammenstellung des Kaders auf die alten Leistungsträger gesetzt, und sie hatten all die Warnsignale, die man den grässlich rumpeligen Testspielen hätte entnehmen können, erfolgreich ignoriert. Bierhoff glaubte, dass alles nach Plan laufe, dass Löws Mannschaft gut vorbereitet in diese Weltmeisterschaft gehe. So war es bislang doch immer gewesen.

Dieses Mal nicht.

Am Mittwoch ist "Die Mannschaft", der titelverteidigende Weltmeister Deutschland, nach einer 0:2-Niederlage gegen Südkorea frühzeitig aus dem Turnier geschieden. Sie teilt nun das Schicksal von Costa Rica oder Panama. Es war das erste Vorrunden-Aus einer deutschen Mannschaft in der Geschichte von Weltmeisterschaften. Die Konkurrenten hießen Mexiko, Schweden und Südkorea. Deutschland wurde Letzter.

Nach dem Scheitern diagnostizierte der Bundestrainer eine "gewisse Selbstherrlichkeit" bei seinem Team. Es wirkte ein wenig dahingenuschelt, dabei hatte Joachim Löw gerade den Schlüsselbegriff zur deutschen Krise der Gegenwart gefunden, eine Erklärung, die weit über den Fußball hinausreicht. Ja, es war selbstherrlich, wie er und sein Team aus erfolgsverwöhnten Weltmeistern in dieses Turnier gegangen waren. Es war auch der Glaube an die eigene Unersetzbarkeit, der Angela Merkel im Herbst 2016 dazu verleitete, eine weitere Amtszeit als Kanzlerin anzustreben, obwohl sie erkennbar keine konkreten Vorstellungen für diese Zeit hatte. Und natürlich war es auch Selbstherrlichkeit, die deutsche Autobosse veranlasste, so lange auf das alte Erfolgsmodell, den Verbrennungsmotor, zu bauen, bis sich diese Vergangenheitsfixiertheit nur noch auf kriminellem Wege kaschieren ließ. Es gibt gewiss wichtigere Dinge als Fußball. Und doch war der deutsche Fußball oft ein Seismograf für die wichtigeren Dinge, für die politische und wirtschaftliche Verfasstheit des Landes.

Im Sommer 2018 fällt das Ausscheiden der deutschen Mannschaft und das mögliche Ende der Ära Löw in eine Zeit, da auch die Ära Merkel auf der Kippe steht. In eine Zeit, da die Regierung vor allem mit sich selbst beschäftigt ist und das Land und seine Bürger so verunsichert wirken wie lange nicht mehr. Eine Zeit, in der Industriekapitäne wie der beurlaubte Audi-Chef Rupert Stadler, einst die klandestinen Helden des Exportweltmeisters Deutschland, wegen Betrugsverdacht hinter Gitter wandern, und der einstige Vorzeigekonzern Mercedes (Hauptsponsor der deutschen Nationalmannschaft) eine Gewinnwarnung herausgeben muss.

"Für mich ist die Nationalmannschaft immer ein bisschen Spiegelbild der Gesellschaft", sagte Bierhoff am Pool in Südtirol. "Wir sind kein alleinstehendes Universum. Hoffentlich können sich die Menschen auch in uns widerspiegeln. Ich freue mich, wenn die Mannschaft für etwas steht. Wenn sie den Zeitgeist, die Entwicklung der Gesellschaft widerspiegelt." Bierhoff sieht seine Nationalmannschaft schon seit Langem als "letztes Lagerfeuer der Nation". Auch das ist leicht selbstherrlich, aber ganz falsch war es nicht. Bei den wenigen Spielen der Mannschaft in Russland versammelten sich noch einmal bis zu 30 Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen.

Bierhoffs Analogie zwischen dem Team und den restlichen 80 Millionen Deutschen funktionierte zwischen 2006 und 2014, den Kernjahren der Kanzlerschaft Merkels und den Erfolgsjahren des Bundestrainers Löw, besonders hübsch. Nach dem Aus in Russland aber steht der deutsche Fußball mindestens so ratlos da wie nach dem peinlichen Vorrunden-Aus bei der Europameisterschaft 2004, als die Lage des deutschen Fußballs sinnbildlich für die Lage des Landes stand. Deutschland galt damals als der "kranke Mann Europas", als Träger der roten Laterne. In Berlin erwartete man blaue Briefe der Mahnung aus Brüssel. Die tiefe Krise war eine Zäsur, auf die eine Zeitenwende folgte, der Beginn einer glücklicheren Ära, politisch wie fußballerisch.

In den vergangenen Jahren aber fühlte sich Deutschland sicher und war zufrieden mit sich, selbstherrlich eben. Man galt als heimlicher Anführer der westlichen Welt, mindestens aber Europas. Man wurde für seine Fußballkunst ebenso gerühmt wie für seine Ingenieurskunst. Und dann hatte man mit Joachim Löw einen Welttrainer des Jahres (2014) und mit Angela Merkel laut "Time Magazine" sogar die "Person des Jahres" (2015) an der Spitze der womöglich wichtigsten Institutionen des Landes: der Bundesregierung und der deutschen Nationalmannschaft.

War das alles nur Selbsttäuschung?

Kanzlerin Merkel: Erschöpft und müde
MARKUS SCHREIBER / AP

Kanzlerin Merkel: Erschöpft und müde

Man muss sich jedenfalls weder für den Fußball der Südkoreaner begeistern noch Sympathien für die Forderungen der CSU hegen, um zu erkennen, dass Joachim Löw wie Angela Merkel mit ihrer Art und ihren Fähigkeiten an Grenzen gestoßen sind. Neben vielen zeitlichen Parallelen in ihrer Karriere teilen Löw und Merkel auch zahlreiche Eigenschaften, die einst ihren Aufstieg und ihre Dauerhaftigkeit begünstigten: das Unaufgeregte, Stoische, Gewissenhafte, auch den Hang, die Dinge lieber mit sich selbst oder einem kleinen verschwiegenen Kreis an Beratern auszumachen, als sich öffentlich zu erklären. Und nun scheint es, als wären jene Eigenschaften, die ihnen halfen, gegen den Trend eine 12- (Löw) beziehungsweise bald 13-jährige (Merkel) Ära zu begründen, nicht mehr zeitgemäß.

Kurz nach dem Gespräch mit Bierhoff am Pool besuchte die Bundeskanzlerin die Nationalmannschaft im Südtiroler Trainingslager, und Bierhoff plauderte in freudiger Erwartung auf das Treffen über die Gemeinsamkeiten zwischen seinem Trainer und seiner Kanzlerin. "Beide profitieren von einer guten Vorarbeit", sagte er mit Blick auf die eigentlichen Reformer, Gerhard Schröder und Jürgen Klinsmann. "Aber viel stärker ist der Erfolg ihr eigenes Verdienst: eine gute kontinuierliche Arbeit. Sich nicht zu sehr in den Vordergrund drängen. Nicht diese Dauerpräsenz. Kein Aktionismus. Kein Sich-treiben-Lassen von öffentlicher Meinung. Eine gewisse Dickhäutigkeit bei den eigenen Zielen. Ich habe bei beiden das Gefühl, dass sie wissen, wo sie hinwollen."

Dieses Gefühl hat inzwischen kaum noch jemand in Deutschland. Löw wie Merkel wirkten zuletzt etwas abgehoben, entrückt, als wäre ihnen zu vieles egal. Sie bewiesen wenig Flexibilität und klammerten sich an die alten Erfolgsprinzipien, obwohl die Welt um sie herum eine andere geworden ist. Ihre Bereitschaft, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen, war ebenfalls begrenzt. Im Zweifel verließen sie sich auf die Macht der Gewohnheit, ohne die Gefahr zu erkennen, die hinter diesem Ansatz steckt.

Ausgezehrt, erschöpft, müde, das war eher der Eindruck, den die Mannschaft in ihren drei Vorrundenspielen in Russland hinterließ. Ausgezehrt, erschöpft, müde auch der Trainer Joachim Löw. Vier Jahre nur hatten gereicht, um aus dem Wunder von Brasilien eine einzige Enttäuschung werden zu lassen. Zu satt, zu selbstzufrieden, zu routiniert, zu unkreativ – das sind die Adjektive, die in dieser Woche vor allem der deutschen Nationalmannschaft anhaften. Sie eignen sich aber genauso gut, um die größere Krise des Landes zu beschreiben, die Ratlosigkeit der politischen Führung und das Versagen von Teilen der deutschen Wirtschaft.

Löw jedenfalls träumte davon, dass Unmögliche zu schaffen und in Russland den Titel ein zweites Mal hintereinander zu gewinnen. Ohne Umbruch, ohne Neuanfang, sondern einfach nur mit einem: Weiter-so.

Fußball ist ein großartiges Spiel, und vielleicht neigt man deswegen dazu, ihn manchmal zu überhöhen und zu überschätzen. Andererseits lässt sich die Geschichte dieses Landes ganz gut an den Erfolgen der Nationalmannschaft erzählen. 1954 zum Beispiel, als der Sieg der legendären Mannschaft um Fritz Walter in Bern so etwas wie den Wiedereintritt Deutschlands in die zivile Weltgemeinschaft bedeutete. Oder 1974, als in München das Team um Franz Beckenbauer den frischen, von 1968 geprägten Geist von Kreativität und Erneuerung verkörperte. Oder 1990 in Rom, als Deutschland beflügelt vom Mauerfall erfolgreich Fußball spielte und den Titel gewann. Oder 2006, als das Team zwar im Halbfinale in Dortmund gegen Italien ausschied, das Land sich aber wie in einem Sommermärchen aufführte, unverkrampft einen weltoffenen, positiven Patriotismus entdeckte, der dem Aufbruchsgeist jener Jahre entsprach; aus Deutschland wurde in jener Zeit ein fröhliches "Schland". Es waren die Jahre, in denen zuvor die 68er Gerhard Schröder und Joschka Fischer die Repräsentanten eines liberalen, modernen Deutschlands gewesen waren und nun deren Nachfolgerin Angela Merkel nicht nur die erste Regierungschefin dieser Republik geworden war, sondern, was sich allerdings erst später zeigen sollte, eine konservative CDU von Grund auf modernisierte, und damit auch das Land.

2006 verkörperte die Nationalmannschaft eine bis dahin ungekannte Leidenschaft, einen Hunger auf Erfolg bei gleichzeitig aufkeimendem Spielwitz. 2010 wurde sie dann zum Sinnbild für das offene, moderne Deutschland, weil 11 der 23 Spieler im Kader einen Migrationshintergrund hatten. Und wer diese Truppe damals spielen sah, schneller, schöner und kreativer als je zuvor, der konnte nur zu dem Schluss gelangen, dass der Input von außen das Land wie die Mannschaft bereichert hatten. "2010 haben wir der Welt erstmals gezeigt: Es gibt auch ein anderes Deutschland", sagte Oliver Bierhoff über diese Zeit.

Vier Jahre später belohnten sich Löw und die Mannschaft dann selbst für die Zeitenwende, die sie ein Jahrzehnt zuvor eingeläutet hatten – auch wenn sie schon damals nicht mehr ganz so frisch und innovativ wirkten wie 2010 in Südafrika.

Es gibt diese Fotos vom WM-Finale 2014, man sieht dort im Maracaña-Stadion von Rio de Janeiro Angela Merkel und Joachim Gauck, den damaligen Präsidenten, ekstatisch jubeln. Merkel liebt das Spiel, sie sucht die Nähe zu den Spielern, Joachim Löw ist regelmäßig Gast im Kanzleramt. Sie wird sich damals ziemlich großartig gefühlt haben. Kanzlerin eines modernen Deutschlands, Kanzlerin einer Weltmeisternation. Vier Jahre später macht sie Politik wie das Team in Russland spielte: ausgezehrt, erschöpft, müde.

Auch sie hätte sich neu erfinden müssen. Auch sie hatte, ein Jahr nach dem WM-Sieg, ihre größte Stunde, als sie im Spätsommer 2015 die Grenzen für die Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak öffnete und sich als aufopfernde Europäerin und Frau mit humanitärem Gewissen bewies. Sie sagte, wir schaffen das, und als sie sich dann, nach ernsthaftem Nachdenken im vergangenen Jahr, dafür entschied, weiterzumachen und in den Wahlkampf zu ziehen, fiel ihr nicht mehr ein, als das Land mit dem Spruch plakatieren zu lassen: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben." #fedidwgugl hieß der Hashtag, den ihre Partei damals aus den Anfangsbuchstaben des Slogans produzierte. In Sachen Infantilität war er dem aktuellen Hashtag der Nationalmannschaft (#ZSMMN) mindestens ebenbürtig.

Trainer Löw
INA FASSBENDER / DPA

Trainer Löw

Am Mittwoch saß Merkel nicht auf der Tribüne im Stadion, sondern vor einem Bildschirm im Kanzleramt. Später am Abend fuhr sie zu einer Diskussionsrunde über künstliche Intelligenz, auf der Bühne stand ein Roboter namens Sophia, der Merkel zu trösten versuchte. Deutschland sei ja immer noch eine der erfolgreichsten Mannschaften der Welt. "Das stimmt, wenn man auf der langen Zeitachse schaut", erwiderte Merkel. "Aber heute Abend sind wir alle sehr traurig."

Löw und Merkel haben vieles richtig gemacht. Der eine hat der Nation den schönsten und innovativsten Fußball geschenkt, den eine Nationalmannschaft je gespielt hat, auch wenn das jetzt schon ein paar Jahre zurückliegt.

Der anderen hat die Nation eine lang anhaltende Phase des Wohlstands zu verdanken. Sie hat die Fenster, die schon unter Rot-Grün geöffnet worden waren, noch weiter aufgeklappt und die deutsche Restspießigkeit der Ära Kohl konsequent weggelüftet. Auf der internationalen Bühne war sie mit ihrer chronischen Unaufgeregtheit ein wohltuender Kontrast zur wachsenden Schar der Testosteronpolitiker.

Trotzdem lässt sich heute nüchtern konstatieren, dass die beste Zeit der beiden hinter ihnen liegt. Merkel ist jetzt 18 Jahre CDU-Chefin und fast 13 Jahre Kanzlerin, sie hat vier französische und drei amerikanische Präsidenten erlebt, außerdem sechs Vizekanzler, sie hat die Trauerreden für Helmut Kohl und Helmut Schmidt gehalten. Als sie kürzlich auf dem G-7-Gipfel in Kanada war, hatte sie fast so viele Amtsjahre auf dem Buckel wie die anderen sechs Teilnehmer zusammen.

Ihre Leute sagen, dass sie sich nicht ans Amt klammert wie der späte Kohl. Sie könne sehr wohl loslassen. Aber es gebe eben immer so viel zu tun: Erst die Eurokrise, dann Trump, die Chinesen wollen zur Weltmacht aufsteigen, und nun geht es auch noch mit der deutschen Autoindustrie bergab. Wer, wenn nicht sie, soll es, bitte schön, richten? So ähnlich dachten Löw und sein Team bislang auch über sich.

Merkel würde gern selbstbestimmt aufhören. Nur findet sich leider nicht der richtige Moment. Irgendwann nach ihrem größten Wahlerfolg, den 41,5 Prozent bei der Bundestagswahl im Herbst 2013, wäre ein günstiger Zeitpunkt gewesen. Aber den hat sie ebenso verpasst wie Joachim Löw, der sich mit einem Rückzug auf dem Höhepunkt, dem Gewinn der Weltmeisterschaft im Sommer 2014, einen großen Gefallen getan hätte.

Wenn man Merkel rund um den Planeten begleitet, nach Peking, Washington, nach Amman und Québec, dann fällt vor allem auf, mit welcher Sorge sie auf diese Welt blickt: China will wieder zurück zu den Machtgrenzen der Qing-Dynastie; Wladimir Putin träumt den Traum eines hegemonialen Russlands, Donald Trump sähe es gern, wenn die EU zerbräche und womöglich die Uno gleich mit. Merkel weiß das alles. Aber was folgt daraus?

Früh übertrug sie die Methode ihrer Innenpolitik auf die Weltbühne: große Probleme in kleine, lösbare Portionen zu teilen. Das funktionierte aber nur, solange alle ein Interesse an einer rationalen Lösung hatten und Merkel, wie in der Eurokrise, die Macht hatte, ihre Sicht der Dinge auch durchzusetzen. Schon in der Ukraine zeigte sich, wie schwer es ist, mit Putin zu verhandeln, der ganz gut mit einem Krieg leben kann, der leise vor sich hin geführt wird. Der G-7-Gipfel in Kanada vor drei Wochen wurde dann zum Debakel. Mit einer unendlichen Geduld verhandelte die Kanzlerin das Abschlusskommuniqué des Gipfels, das dann Trump mit nur einem Tweet in die Tonne trat.

Fans bei der Weltmeisterschaft 2006: Fröhlicher Patriotismus
SEBASTIAN WILLNOW / DDP
Fans bei der Weltmeisterschaft 2006: Fröhlicher Patriotismus

Eigentlich wäre es an der Zeit, eine neue Idee von Europa zu entwickeln, um der Konjunktur des Autoritären etwas entgegenzusetzen. Doch Merkels Politikstil stößt auch hier an seine Grenzen, weil er fast immer reaktiv ist, eher konfliktscheu, nie kraftvoll gestaltend oder gar visionär. Als sie im Herbst 2016 entschied, noch einmal als Kanzlerin anzutreten, hatte sie das Gefühl, die Welt nicht mit Trump und Putin alleinlassen zu können. Aber ihr Attentismus hat nun dazu geführt, dass ihr der französische Präsident Emmanuel Macron innerhalb weniger Monate die Führungsrolle in Europa entwand.

Wirklich bedrohlich aber ist dieser Tage die Zuspitzung des Streits mit der CSU, für deren Gemütslage Merkel ganz offenkundig die Sensoren abhandengekommen sind. Sie hat dieses Problem schlicht nicht kommen sehen, jedenfalls nicht in dieser existenzgefährdenden Schärfe. Merkel ist gerade auf dem Weg zum G-7-Gipfel in Kanada, als sie im Flugzeug erstmals Horst Seehofers "Masterplan" liest, für den darauffolgenden Sonntag sind die beiden zum Telefonat verabredet. Als Seehofer am Mittag anruft, wird das Gespräch schnell frostig. Merkel sagt ihm, dass sie eine im "Masterplan" vorgesehene Zurückweisung von Flüchtlingen keinesfalls akzeptieren werde. Seehofer erwidert, wenn Merkel sich querstelle, könne er sein Papier auch ohne die Zustimmung der Kanzlerin im CSU-Vorstand präsentieren. So nimmt das Unglück seinen Lauf.

Es ist nicht der erste Streit mit dem CSU-Chef, aber sicher der härteste. Denn es geht um viel mehr als die Frage der Zurückweisung von Flüchtlingen. Die CSU hat die gesellschaftspolitische Öffnung der CDU in der Ära Merkel – wenn auch murrend – mitgetragen, aber in der Spitze der Partei sind alle der Meinung, dass die Kanzlerin mit ihrer Flüchtlingspolitik den Bogen überspannt habe.

Seehofer wirft sich vor, Merkel in den entscheidenden Monaten der Flüchtlingskrise nicht zu einem Kurswechsel gezwungen zu haben. Nun, vier Monate vor der bayerischen Landtagswahl, wird der Konflikt noch einmal ausgetragen, und das, obwohl die Flüchtlingszahlen längst wieder zurückgegangen sind. Das macht die Sache so absurd.

"Ich wäre ja schon in Pension, wenn sie mich nicht nach Berlin gebeten hätte", sagt Seehofer in seinem Büro im Innenministerium, von dem aus man nachts die Lichter des Kanzleramts sehen kann.

Er zeigt aufs Kanzleramt. Er habe das Gefühl, dass ihn dort einige loswerden wollten. Als Merkel am Donnerstag ihre Regierungserklärung zum EU-Gipfel im Bundestag hält, der doch angeblich so wichtig ist für die CSU, fehlt Seehofer auf der Regierungsbank. Es ist seine Art, Merkel zu ärgern.

Merkels große Stärke war immer, dass sie sich nicht von Stimmungen hinwegreißen ließ, aber nun hat auch sie einen Streit um die Frage, ob man an drei deutschen Grenzübergängen etwas strenger kontrollieren sollte, zur Regierungskrise auswachsen lassen. Selbst ihre Vertrauten verstehen das kaum. Ist es das wirklich wert?

Als Merkel vor ein paar Tagen in kleiner Runde ihre Sicht der Dinge erklären will, hebt sie erst zu einem komplizierten europarechtlichen Vortrag an, um dann, am Ende, voller Zorn auf die CSU zu schimpfen, die mit ihrer Strategie doch nur die AfD stark mache. "Davon bin ich zutiefst überzeugt."

So emotional hat man Merkel selten erlebt, ihre Stimme überschlägt sich. Erst als sie selbst merkt, wie sehr sie sich in Rage geredet hat, springt sie – wie erschrocken von sich selbst – auf, lässt ihr Mikrofon fallen und sagt: "So, die Stunde ist um."

Jubelpaar Merkel, Löw (nach dem deutschen Sieg im Finale der Weltmeisterschaft
2014 in Brasilien): Wir schaffen das
LARS BARON - FIFA / GETTY IMAGES

Jubelpaar Merkel, Löw (nach dem deutschen Sieg im Finale der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien): Wir schaffen das

Während Merkel um die Welt fliegt, hat sie nicht gemerkt, wie sich die Panik in der CSU aufbaute. Und natürlich sieht sie, welche Schäden ihre Politik angerichtet hat. Als im Mai die Generaldebatte im Bundestag ansteht, hat vor der Kanzlerin Alice Weidel das Wort, die Fraktionschefin der AfD im Bundestag. Weidel redet nicht, sie schimpft und schreit: "Burkas, Kopftuchmädchen, alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern."

Als Weidel fertig ist, sieht man das Entsetzen im Gesicht Merkels, sie tritt ans Pult und sagt: "Liebe Kolleginnen und Kollegen, guten Morgen!" Sie habe einfach das Gefühl gehabt, den Tag noch einmal neu beginnen lassen zu müssen, wird Merkel später sagen. Aber so einfach verschwindet die AfD nicht, deren Aufstieg vor allem eine Reaktion auf Merkels Politik ist.

Merkel hat ja viel getan, sie hat mit der CSU das Asylrecht verschärft, sie hat einer Obergrenze zugestimmt, sie hat sich zuletzt sogar bei ihrem Erzrivalen Viktor Orbán bedankt, weil dieser die EU-Außengrenze abriegele. Sie ging bis an den Rand der Selbstverleugnung. Aber sie will sich nicht von der CSU zu dem Bekenntnis zwingen lassen, dass ihre ganze Flüchtlingspolitik ein einziger Fehler war.

Denn was bleibt dann noch von ihrer Kanzlerschaft?

Helmut Kohl wurde zum Kanzler der Einheit, Gerhard Schröder der Reformkanzler, Angela Merkel hieß die Flüchtlinge willkommen. Sie ist bis heute im Reinen mit ihrer Entscheidung aus dem Jahr 2015. Sie will sich dafür nicht entschuldigen.

Als sie vorige Woche Halt in Beirut macht, besucht sie eine Schule, die in zwei Schichten arbeitet und nachmittags syrische Flüchtlingskinder betreut. Merkel sieht zu, wie die Kinder Fußball spielen und mit Stöcken jonglieren, im Schlepptau hat sie einen Tross von Fotografen.

Eine Kanzlerin mit niedlichen Kindern, man könnte es für einen PR-Termin halten. Aber das Wort Selfie hat in Merkels Welt schon lange seine Unschuld verloren. Was sollen Merkel zu Hause Bilder mit syrischen Flüchtlingen nutzen? Über ihren Terminen liegt jetzt häufig ein Hauch von Trotz, sie will nicht mehr Rücksicht nehmen auf die Krakeeler der AfD und die Angsthasen in der CSU.

Beim Abschiedsfoto in der Schule winkt sie einige syrische Mütter heran, sie tragen Kopftücher und Gewänder, die bis an den Boden reichen. Merkel strahlt in diesem Moment Souveränität aus, auch Unbeugsamkeit. Sie weiß, dass ihre Kanzlerschaft sich dem Ende zuneigt. Aber sie will sich am Ende nicht selbst dementieren.

Krisen können, noch ehe sie handfeste Wirkungen zeitigen, erahnt werden, für dieses Alltagswissen sammelt Deutschland gerade neue Belege, nicht nur in der Spitzenpolitik oder auf dem Fußballfeld. Wenn auf allen Kanälen von Handelskriegen die Rede ist oder von einem Auseinanderbrechen der Europäischen Union, dann muss man nicht Ökonom sein, um sich ausrechnen zu können, dass das keine guten Nachrichten sind für ein Land, das im Fußball gerade schwächeln mag, aber stets ganz vorn mitspielt, wenn es um den Titel des Exportweltmeisters geht. Und es gilt noch immer die alte Weisheit: "Das Bewusstsein der Krise ist die Krise selbst."

Audi-Chef Stadler im März: Wenig Anlass für Optimismus
MATTHIAS SCHRADER / AP

Audi-Chef Stadler im März: Wenig Anlass für Optimismus

Was wäre, wenn die Globalisierung wirklich an ein Ende käme? Wenn der Welthandel zurückgefahren würde? Wie stünde die Exportnation Deutschland da? Was widerführe den kleinen Weltmarktführern in der Provinz, den Mittelständlern, die doch das Rückgrat des deutschen Arbeitsmarkts bilden? Das sind dunkle Fragen, auf die doch Antworten gefunden werden müssen. Die vergeblichen Arbeitsbesuche von Wirtschaftsminister Peter Altmaier in Washington, angestrengt, um Strafzölle gegen europäische Produkte zu verhindern, waren ein erster Vorgeschmack darauf, dass sich die Deutschland AG auf ein deutlich raueres Umfeld einstellen muss. Und auch hier die bange Frage: Schafft sie das?

Für Optimismus besteht wenig Anlass, weil sich in jüngster Zeit überdies überraschende Schwächen zeigen, die arge Kratzer am alten Gütesiegel Made in Germany hinterlassen haben. Die deutsche Automobilindustrie steckt, statt die Mobilität der Zukunft zu erfinden und zu entwickeln, bis zum Hals im Morast ihrer selbst verschuldeten Dieselaffäre. Die deutschen Top-Unternehmen Siemens und Bosch sehen sich seit mehr als einem Jahrzehnt außerstande, die Großbaustelle des Flughafens am Rande der Hauptstadt so zu verkabeln, dass alle Türen und Entrauchungsklappen perfekt funktionieren und der BER endlich seinen Betrieb aufnehmen kann. Wenn heutzutage bei Rastatt ein Eisenbahntunnel gebaut wird, ein einfacher Tunnel, dann senken sich über der Baustelle die Gleise derart ab, dass der Bahnbetrieb bald weiträumig und monatelang eingestellt werden muss.

Der deutsche Handwerksmeister war einmal in aller Welt als Könner seines jeweiligen Gewerks berühmt, und Deutschlands Ingenieure, vor allem jene der einstigen Bundesbahn, galten als Virtuosen. Diese Zeiten sind vorüber. Während in China jedes Jahr ein neuer, funktionstüchtiger Flughafen eröffnet, wird in Berlin Monat für Monat weitergepfuscht. Und während das gute, alte, schwerstsubventionierte Projekt einer Magnetschwebebahn namens Transrapid im Land seiner Erfindung im Jahr 2011 aufgegeben wurde, verkehrt diese lautlose Schnellbahn in Schanghai zwischen dem Flughafen Pudong und der Stadt bereits seit 2002.

Die Frage ist, ob Deutschland bereit ist, lieb gewonnene Gewohnheiten infrage zu stellen und wieder mutiger zu werden.

Joachim Löw sagt, dass nun alles hinterfragt werden müsse. Aber er will sich, ähnlich wie Angela Merkel, auch nicht selbst dementieren, er will seinen alten Erfolgskonzepten nicht einfach abschwören, jetzt alles über Bord zu werfen, an das er einst mit guten Gründen geglaubt hat. Das wird eine Rolle spielen bei der Frage, ob er nun weitermacht als Bundestrainer, obwohl alle Fußballexperten und solche, die es sein wollen, jetzt hektisch nach "Erneuerung" rufen, einem Modewort unserer Zeit. Löw ist in der glücklichen Lage, dass nicht die CSU über sein Schicksal entscheidet, ja nicht mal der DFB, der auch nach dem Ausscheiden der Mannschaft in Russland treu an ihm festhalten will. Er muss diese Entscheidung ganz allein treffen, was die Sache aber nicht unbedingt leichter macht.

Eine Stunde nach dem Ausscheiden seiner Mannschaft saß Löw auf dem Podium der Pressekonferenz, seine Stirn, seine Wangen, selbst sein Hals waren überzogen mit Schweißperlen. Löw sprach in einem ruhigen, sachlichen Ton, selbst im Moment einer solch historischen Niederlage ließ er – auch da der Kanzlerin ähnlich – keinerlei Einblicke in sein Seelenleben zu. "Bei diesem Turnier haben wir es nicht verdient, dass wir erneut Weltmeister werden", sagte Löw.

Löw erklärte, dass er die Verantwortung für das Scheitern übernehme. "Wir haben hier nicht das gezeigt, was wir normalerweise können, was unsere Spieler können. Ich muss mich jetzt erst einmal sammeln, dann wird man in Ruhe darüber sprechen. Das wird aber ein bisschen dauern." Immer wieder betonte Löw anschließend, wie gut das Trainingslager in Südtirol gewesen sei: "Aber die anschließenden Länderspiele waren nicht mehr so überzeugend. Vielleicht haben einige geglaubt, wir können auf Knopfdruck hochschalten."

Während Löw noch erfolglos um Erklärungen rang, stand die Delegation des DFB in Kasan vor dem Mannschaftsbus mit Gesichtern, als seien sie gerade Zeugen eines schweren Verkehrsunfalls geworden. Die Spieler kamen mit gebücktem Rücken aus dem Bauch des Stadions geschlichen. Die meisten guckten verschämt zu Boden. DFB-Präsident Reinhard Grindel empfing sie am Bus, er sagte ein paar Worte, es sah aus, als würde er kondolieren.

Keiner der Spieler oder Funktionäre war an diesem Abend in der Lage, die wahren Gründe für das Scheitern zu benennen. "Ich habe in den vergangenen Monaten immer wieder einige Dinge angemahnt, aber sie wurden nur in Teilen behoben. Was das für Dinge waren, werde ich öffentlich aber nicht mehr sagen", erklärte Mats Hummels geheimnisvoll. "Das war heute die sportlich größte Enttäuschung meines Lebens." Für einige der Spieler wird das Abenteuer Nationalmannschaft nach vielen sehr erfolgreichen Jahren nun enden. Selbst Toni Kroos, der Star der Mannschaft, erklärte, dass er sich nun Gedanken machen müsse, wie es weitergehen solle.

Deutsche Spieler während des WM-Spiels gegen Südkorea am 27. Juni.
INA FASSBENDER / DPA

Deutsche Spieler während des WM-Spiels gegen Südkorea am 27. Juni.

Mit der Niederlage endete für die Spieler nicht nur das Turnier in Russland. Es endete eine Ära, in der es Löw gelungen war, das Bild vom deutschen Fußball grundlegend zu ändern. Im eigenen Land vermochte er plötzlich auch diejenigen zu begeistern, die sich bislang nicht so sehr für diesen Sport interessierten. Und im Ausland gelang es Löw, endlich das Bild vom hässlichen Deutschen durch ein frischeres, sympathischeres Antlitz zu ersetzen. Dieser Erfolg machte die Verantwortlichen stolz und wohl auch etwas zu selbstgewiss, ja überheblich.

Dabei hatten sich der Bundestrainer und sein Apparat doch gründlich auf diese WM in Russland vorbereitet, gründlicher als je zuvor. Inzwischen gibt es in der deutschen Nationalmannschaft für alles einen Coach, für die Fitness, für die Gymnastik, für die Torhüter, für die Stürmer, für die Psyche. Bei einem Abschlusstraining stehen in der Regel 9 Betreuer auf dem Platz, für 22 Spieler. Monatelang wurde zudem über die Quartierfrage in Russland debattiert. Bis zum letzten Tag der Nominierungsfrist feilte Löw an seinem Kader. Der DFB hatte die politischen Rahmenbedingungen im Blick und knüpfte Kontakte zu Oppositionellen und NGOs in Russland.

Im Nachhinein wirkt vieles wie Aktionismus. Es scheint, als wäre der DFB-Führung vor lauter Detailversessenheit der Blick für das Wesentliche abhandengekommen.

Dabei gab es schon vor dem Turnier viele Probleme: die langwierigen Verletzungen von Neuer und Boateng, die Erdoğan-Fotos von Mesut Özil und İlkay Gündoğan, die vielen Pfiffe der Fans, die schwachen Leistungen der Nationalmannschaft seit mehr als einem halben Jahr. Löw und der DFB gingen mit alldem ziemlich merkelhaft um: Sie taten lange so, als gäbe es diese Probleme nur in einer Welt, die mit ihrer nichts zu tun hat. Es ist die Welt der Nicht-Weltmeister. Man selbst aber war schließlich amtierender Weltmeister, bis zum Mittwochabend.

So setzte der DFB konsequent auf Abriegelung. Wenn man durch den Park des DFB-Camps in Watutinki lief, konnte man meinen, die WM sei nie angepfiffen worden.

Obwohl das Team um Löw ahnte, welche Themen ihnen in Russland zum Problem werden könnten, gingen sie diese nicht an. Jeder wolle nun den Weltmeister schlagen, sagte Löw schon vor Monaten, er müsse deshalb den Konkurrenzkampf in seiner Mannschaft hochhalten. Vor einem Jahr nominierte er deshalb eine Nachwuchsmannschaft für den Confed-Cup und gewann. Als er dann aber seinen Kader nominierte, verzichtete er von den Altgedienten nur auf Mario Götze und nahm all seine gestandenen und leider auch etwas satten Weltmeister von 2014 wieder mit. Obwohl Löw wusste, dass einige von ihnen müde geworden waren, setzte er lieber auf Mesut Özil, Thomas Müller und Sami Khedira und stellte sie auch munter auf. Und verzichtete auf den Offensivspieler Leroy Sané von Manchester City.

Warum kriegte Löw es nicht hin, einen Mann einzubauen, der bei Pep Guardiola in der Premier League eine feste Größe ist, der in dieser Saison zum Jungprofi des Jahres gewählt wurde?

Zudem war Löw klar, dass er eine neue Achse für die zurückgetretenen Weltmeister Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Miroslav Klose bilden musste. Ersatz für dieses Führungstrio fand Löw in der gesamten Vorbereitung nicht.

Anti-CSU-Demonstranten in München: Panik bei den Christsozialen
MICHAEL TRAMMER / IMAGO
Anti-CSU-Demonstranten in München: Panik bei den Christsozialen

Mats Hummels, einer der Innenverteidiger, wurde einmal gefragt, ob es im großen deutschen Team eigentlich auch jemanden gebe, der mal rustikale Ansagen machen würde. Nach dem Motto: So, Männer, und jetzt hauen wir den nächsten Gegner einfach weg!

Hummels guckte den Fragesteller ehrlich verdattert an und antwortete: "Äh, so arbeiten wir nicht, wir gehen das eher inhaltlich an."

Der starke Anführer, der vorangeht. Solche Typen werden in Deutschland immer herbeigesehnt, wenn irgendwas nicht rundläuft, im Fußball wie in der Politik. Löw glaubte, darauf verzichten zu können.

Im Vorbereitungslager braute sich dann etwas zusammen. Schon bei der Europameisterschaft in Frankreich vor zwei Jahren war Löw im Halbfinale gescheitert. Zudem hatte die Nationalmannschaft seit Oktober 2017 nur einmal gewonnen: 2:1 im Vorbereitungsspiel gegen Saudi-Arabien.

Wenn man Löw zuhörte, hatte es den Anschein, als lerne er aus den Niederlagen. Als würden sie ihn nur noch stärker machen. Doch er redete nur und handelte nicht. Er hielt fest an den erfolgreichen Formeln, an der Treue zu seinen Vertrauten, am bewährten Spielsystem, dem mit den Jahren aber der Witz und das Tempo abhandengekommen waren.

Schon vor dem finalen Aus wurde Löw so heftig hinterfragt wie nie zuvor. Unter Fans, in den Medien, aber auch in der Führung des DFB. Es sei manchmal nicht einfach, an ihn ranzukommen, hieß es dort über den Bundestrainer. Manche sagen, er wirke irgendwie abgehoben.

Bisweilen wirkte er tatsächlich entrückt, als kriege er nicht mehr ganz mit, welche Debatten rund um ihn und sein Team tobten. So war er auf der Strandpromenade von Sotschi zu sehen, er spazierte ein paar Schritte am Wasser entlang und genoss die Wärme, die Ruhe. Als ein Agenturfotograf herantrat und fragte, ob er ein paar Bilder machen dürfe, hatte der deutsche Coach nichts dagegen. Löw, kurze Hose, dunkles T-Shirt, Sonnenbrille, lehnte sich an eine schwarze gusseiserne Laterne und legte den Kopf leicht in den Nacken. Eine Pose wie für den Otto-Katalog.

Das kleine Schauspiel wiederholte sich jeden Morgen in Sotschi. Einmal verfolgte ihn ein Kameramann beim Joggen. Löw hätte nur kurz das Tempo anziehen müssen, und sein Verfolger wäre abgeschüttelt gewesen. Aber er hielt die Schrittfrequenz und seinen Kurs, unbeirrt. Er wollte sich nicht treiben lassen.

In der 95. Minute der Nachspielzeit traf Toni Kroos dann doch noch zum Sieg gegen die Schweden. Der Schuss wirkt im Rückblick wie eine Reminiszenz an die goldene Zeit der Ära Löw, als die deutsche Mannschaft technisch perfekt, gewitzt, mutig und entschlossen auftrat.

CSU-Politiker Seehofer, Dobrindt: "Ich wäre ja schon in Pension"
BERND VON JUTRCZENKA / DPA
CSU-Politiker Seehofer, Dobrindt: "Ich wäre ja schon in Pension"

Das Lagerfeuer Nationalmannschaft ist nun vorerst erloschen. Es gibt derzeit auch niemanden, der ein neues entfachen könnte. Stattdessen zerlegt sich die Regierung eines eigentlich prosperierenden Landes darüber, wie man mit der Migration umgehen soll, was die Antworten sind auf die Spaltung des Landes, das seine innere Mitte verloren hat. Das nicht mehr weiß, wer es ist. Schland unter.

Das Spiel war gerade mal eine Stunde zu Ende, die Niederlage besiegelt, die große Depression ausgebrochen, als der AfD-Politiker Jens Maier, Abgeordneter im Bundestag, einen Tweet absetzte mit einem Foto von Mesut Özil, dem er folgenden Satz in den Mund legte: "Zufrieden, mein Präsident?" Als ob Özil absichtlich verloren hätte.

Die Nationalmannschaft war mehr als nur ein Fußballteam, es sollte so etwas sein wie die Vision eines Landes. Eines der Vielfalt und des Erfolgs. Als sich aber Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan hatten fotografieren lassen, erreichte die gesellschaftliche Debatte um Migration, Integration und Identität schließlich auch die Mannschaft. Für einen kurzen Moment war man sich links und rechts ganz einig darüber, dass dieses Verhalten nicht in Ordnung sei, auch wenn es wohl nur eine unbedachte Eselei war. Auch der Bußgang der beiden Sünder zum Bundespräsidenten konnte da nichts mehr retten. Die von Teammanager Oliver Bierhoff mit dem Markennamen "Die Mannschaft" titulierte Auswahl war längst viel zu sehr aufgeladen als nationales, emanzipatorisches Superprojekt, das nun sich selbst infrage zu stellen schien. Wer gehört dazu und wer nicht, wer muss sich bekennen, um mitmachen zu dürfen, das sind Fragen, die sich vielleicht eine Einwanderungsgesellschaft stellen muss, auf den Fußballplatz aber gehören sie kaum. Während das brasilianische Team 2014 das Land retten musste, sollte das DFB-Team in Russland nun zumindest beweisen, dass Deutschland doch noch eine innere Mitte hat, dass im Prinzip vieles in Ordnung ist. Das misslang gründlich.

Gewiss, man sollte Parallelen zwischen dem Auftreten einer Fußballmannschaft und der politischen wie ökonomischen Verfassung eines Landes nicht überstrapazieren. Aber dass die Psychologie im Sport, in der Politik und auf den Märkten eine herausragende Rolle spielt, wird niemand bestreiten.

Zumindest eine unmittelbare Auswirkung auf die deutsche Wirtschaft hat das Ausscheiden der Fußballer übrigens schon. Manche Firmen reagierten am Mittwoch mit Entsetzen, zumindest jene, die mit hohen Werbeverträgen auf die Nationalmannschaft gesetzt hatten und sich mit ihr schmücken wollten. Ein derart frühes und ruhmloses Ausscheiden gegen Mannschaften wie Südkorea war selbst in den vorsichtigsten Prognosen der Werber nicht vorgesehen.

Unerwartetes Glück hatte ausgerechnet der südkoreanische Konzern Samsung. Während alle anderen Sponsoren der Mannschaft auf den Erfolg der deutschen Helden setzten, ließ Samsung einen emotionalen Spot mit Mario Götze drehen, dem Siegtorschützen aus dem WM-Finale von 2014, der wegen schlechter Leistungen nicht mit nach Russland fahren durfte. Götze hatte sich nach dem Triumph ein bisschen gehen lassen, war langsamer und fülliger geworden. Es fehlten Ehrgeiz und Biss.

Es wurde ein Spot über das Scheitern, über das Nicht-mehr-dabei-sein-Dürfen, unterlegt mit Johnny Cashs melodramatischer Version von "Hurt". Die Botschaft des Films war, dass man niemals aufgeben und sich stets aufs Neue anstrengen müsse, gerade nach Niederlagen und Enttäuschungen. Er lief dann passenderweise gleich als erster im Anschluss an das Ausscheiden im ZDF. "Der neue Spot beweist, dass niemand, auch nicht Deutschlands Held von Rio, vom Scheitern verschont bleibt", hatte Samsungs Marketingmanager bei dessen Präsentation erklärt.

Es scheint, als wäre ausgerechnet Mario Götze seinem Land nun einen wichtigen Schritt voraus.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 27/2018.
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