Sie mussten immense Widerstände überwinden, am 12. November vor 100 Jahren gewannen Frauen den jahrzehntelangen Kampf: In der noch jungen Weimarer Republik wurde das Frauenwahlrecht eingeführt. Somit galt das 20. Jahrhundert in Rückblicken immer wieder als Säkulum der Frauen. Aber war es das? 50 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts, während des Revoltejahres 1968, waren Frauen so unzufrieden mit der Entwicklung, dass eine Studentin auf einem Kongress Männer mit Tomaten bewarf. Frauen forderten Männer auf, sich endlich mit der Unterdrückung der Frau im Privaten zu befassen – das Private wurde politisch. Die neue Frauenbewegung begann.

Vor einem Jahr im Oktober ging von den USA schließlich die #MeToo-Bewegung aus, die auch in Deutschland aufgenommen worden ist – hier wiederum ist das Intime politisch geworden.

100 Jahre, 50 Jahre, 1 Jahr – Fortschritt ist mal zäh, mal schwindelerregend schnell. Es hilft, Zäsuren zu setzen und sich zu besinnen.

Nur den Fortschritt zu feiern kann nicht die Aufgabe von Journalismus sein. Es geht auch darum, Schmerzpunkte aufzuspüren. Und einer davon kommt nun. Aus dem Wahlrecht ergibt sich auch eine Pflicht, nämlich die, sich tatsächlich für Politik zu interessieren. Zwar ist die Wahlbeteiligung bei Männern und Frauen etwa gleich hoch, doch Studien belegen immer wieder, dass Frauen sich deutlich weniger für Politik im klassischen Sinne interessieren als Männer. Dementsprechend ist ihr Wissen über Grunddaten der Politik auch deutlich geringer. Eine SPIEGEL-Umfrage ergab, dass dieses Wissen im Schnitt nicht ausgeprägter sei als bei Hauptschülern: 63 Prozent der Männer beantworteten die Frage nach der Höhe der Arbeitslosenquote korrekt, aber nur 39 Prozent der Frauen, 67 Prozent der Männer wussten, dass Russland nicht in der Nato ist, aber nur 32 Prozent der Frauen.

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Wie kann das sein? Mädchen und junge Frauen schneiden in Schule und Universität im Schnitt besser ab als gleichaltrige Jungen und junge Männer. Für den Buchmarkt und für Printmedien sind Frauen bedeutsam. Zuwächse konnte die insgesamt schwächelnde Branche vor allem durch Leserinnen erreichen. Doch welche Zeitschriften haben zugelegt? Die "Gala", die "Neue Welt", das "Echo der Frau". Bei den großen Qualitätsmedien liegt der Anteil der Leser eklatant höher als der der Leserinnen. Bei der "FAZ" sind es 66 zu 34 Prozent, bei der "SZ" 61 zu 39, bei der "Zeit" 62 zu 38, beim SPIEGEL sind es 72 zu 28 Prozent.

Um den Befund polemisch zuzuspitzen, lässt sich noch anführen, dass Frauen bei einem anderen SPIEGEL-Wissenstest immerhin besser über die Sängerin Beyoncé Bescheid wussten als Männer. Aber nun kommt die argumentative Kehrtwende: Es spricht nichts dagegen, sich mit Beyoncé auszukennen. Die Afroamerikanerin ist mit ihrem Mix aus R'n'B und dem männerdominierten Rap eine bedeutende Stimme des schwarzen Amerika geworden. Das wiederum ist politisch, wie Beyoncé auch einen Feminismus propagiert, an den zwar Fragen zu stellen wären, der aber interessant ist. Und – Achtung: Ökonomie – sie ist eine der reichsten Musikerinnen der Welt, die Popkultur hat sowieso einen mächtigen Wirtschaftszweig hervorgebracht.

Wer sich mit Beyoncé befasst, hat mit großen Themen zu tun. Das Private kann durchaus politisch sein. Aber man tut den Redaktionen von "Gala" und "Neue Welt" nicht zu wenig Ehre an, wenn man feststellt, dass deren Ehrgeiz, diese Dinge politisch zu interpretieren, sich in Grenzen hält. Das Private ist nur dann politisch, wenn man es auch so ausdeutet, wie es die neue Frauenbewegung und #MeToo getan haben. Wer zudem einordnen kann, wie kompliziert sich Russland und die Nato zueinander verhalten, ist noch besser dran. Es gibt kein gutes und kein schlechtes Wissen. Wissen schließt sich nicht gegenseitig aus.

Es ist die Aufgabe von Qualitätsmedien, das Politische zu vermitteln, denn als reine Wirtschaftsunternehmen sind sie nie gedacht gewesen. Die meisten von ihnen sind nach der NS-Zeit gegründet worden, um die Demokratie zu verteidigen. Wir Qualitätsmedien handeln mit Werten. Daher müssen wir zwar unsere bisherige Leserschaft unbedingt bewahren, aber auch andere Perspektiven zulassen und mehr Frauen gewinnen.

Frauen sollen sich von Politik und Medien gemeint fühlen. Sich aber auch gemeint fühlen zu wollen, das liegt an ihnen.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 54/2018.
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