Können Sie sich vorstellen, dass Bayern München die Bundesliga verlässt und Auswärtsspiele künftig nur noch in Barcelona oder Mailand stattfinden? Glauben Sie an einen spannenden Kampf um die deutsche Meisterschaft, an dem aber die besten Fußballer und Mannschaften Deutschlands gar nicht mehr teilnehmen? Kann es wirklich sein, dass sich Deutschlands Rekordmeister an der Planung einer europäischen "Super League" beteiligt und seine Spieler sogar der deutschen Nationalmannschaft vorenthalten will? Undenkbar?

Geben Sie Ihre Illusionen auf, denn womöglich kommt eine neue "Super League" schneller als Sie denken, der FC Bayern hat dieses Projekt 2016 monatelang zusammen mit den mächtigsten und reichsten Vereinen Europas vorangetrieben. Lange konnten sie geheim halten, wie detailliert sie an den Plänen für eine solche Luxusliga gearbeitet haben. Das ist jetzt vorbei. Zudem, das zeigen vertrauliche Papiere, sieht es so aus, dass die Super-League-Pläne für manche der Topklubs auch heute noch sehr aktuell sind.

Der SPIEGEL veröffentlicht ab sofort gemeinsam mit 14 europäischen Partnerredaktionen eine Enthüllungsserie über die schmutzigen Geschäfte, die "Dirty Deals" der Fußballwelt. Mehrere Wochen lang werden Dutzende Artikel die Hintergründe des europäischen Fußballgeschäfts offenbaren - einer Multimilliardenindustrie. Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) hat an dem Projekt mitgearbeitet und wird am Sonntag um 21.45 Uhr nach dem "Tatort" eine 60-minütige Dokumentation mit dem Titel "Football Leaks - von Gier, Lügen und geheimen Deals" ausstrahlen.

Die Recherchen beruhen auf den Datensätzen der Plattform Football Leaks, die dem SPIEGEL exklusiv zur Auswertung übergeben wurden und die er mit dem Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations (EIC) und dem NDR geteilt hat. Es ist das größte Leck, das je von Investigativjournalisten ausgewertet wurde. Die Enthüllungen kehren das Innenleben einer korrupten Branche nach außen.

Die Vertreter dieser Branche wehren sich gegen den Vorwurf, dass sie die Fußballfans verachten, sie reden öffentlich immer wieder von Transparenz, Fairness und von gemeinsamen Werten. Am Ende meinen sie damit aber wohl weniger moralische Werte als finanzielle.

Die fragwürdige Rolle des Karl-Heinz Rummenigge

Wie steht Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge zu den viel beschriebenen Werten? Jener Rummenigge, der in einer denkwürdigen Pressekonferenz am 19. Oktober den ersten Artikel des Grundgesetzes bemühte, um "Respekt" für altgediente Fußballspieler einzufordern? Rummenigge, das zeigen die Football-Leaks-Dokumente, hat einen Putsch der größten europäischen Vereine gegen die Uefa mit vorbereitet und das gleichzeitig als ECA-Präsident, also als Vertreter von mehr als 200 europäischen Klubs, verschwiegen. In dieser Woche enthüllen die Recherchen, 

  • dass der FC Bayern München prüfen ließ, ob und wie er die Bundesliga verlassen kann, um sich einer europäischen "Super League" anzuschließen,
  • dass der FC Bayern rechtlich ausloten ließ, ob er seine Spieler der Nationalmannschaft entziehen kann,
  • dass Rummenigges engster Vertrauter eine Reform mit dem Fußballverband Uefa mit ausgehandelt hat, die reiche Klubs noch reicher und den europäischen Wettbewerb noch unfairer gemacht hat,
  • dass die Bayern gleichzeitig Pläne geschmiedet haben, um genau diese Reform auszuhebeln,
  • dass der Top-Verein aus Bayern gemeinsam mit 15 weiteren europäischen Spitzenclubs auf dem Entwurf einer "bindenden Absichtserklärung" auftaucht, die die Gründung einer "European Super League" vorsieht,
  • dass diese Absichtserklärung laut Entwurf bereits im November 2018 unterzeichnet werden soll.

Wenn alles so kommen sollte, wie es in dem "Binding Term-Sheet" steht, wird es die Champions League von 2021 an nicht mehr geben. Stattdessen würden sich elf der wichtigsten Vereine des Kontinents von der Uefa lossagen und eine neue Eliteklasse gründen, die sich European Super League nennt.

Die Berichte darüber sind übrigens möglich dank Artikel 5 des Grundgesetzes, der die Pressefreiheit garantiert. Hier finden Sie auf SPIEGEL+ den gesamten Text zu Rummenigges verstecktem Wirken.

Über 80 Journalisten, die den Football-Leaks-Datensatz durchsucht und ausgewertet haben, zeichnen das Bild einer Fußballbranche am Scheideweg. Mit jahrelangen Korruptionsaffären und Machtkämpfen haben sich die Funktionäre selbst so sehr geschwächt, dass sie nun fürchten müssen, hinweggefegt zu werden. Nun greifen die großen Topklubs nach der Macht. Sollte ihnen das gelingen, ist es das Ende der Fußballwelt, wie wir sie kennen.

Bayern, Infantino, Financial Fair Play: SPIEGEL-Investigativreporter Rafael Buschmann über die neuen Veröffentlichungen des Projektes "Football Leaks"

Eine Privatliga der Reichen würde schließlich das Geld aus den nationalen Wettbewerben saugen, die besten Spieler würden in die Super League wechseln, Vereine wie Mainz oder Augsburg und Valencia oder Benfica würden in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

Kein Neuanfang nach Sepp Blatter

Und wie sieht es bei den Fußballverbänden aus? Sie haben sich jahrelang als verantwortungsvolle Regelwächter und transparente Sportregierungen inszeniert. Die Uefa hat den Vereinen strenge Regeln auferlegt, um eine finanzielle Wettbewerbsfähigkeit zwischen kleineren und größeren Vereinen wiederherzustellen. Und der Weltverband Fifa? Der hat nach den Skandalen um den früheren Präsidenten Sepp Blatter einen Neuanfang verspochen. Er wollte sich reformieren und die Zeiten von Korruption und Günstlingswirtschaft endgültig abstreifen.

Alles Fassade. Die Recherchen fördern zutage, wie der mächtigste Mann im Fußball, der Fifa-Präsident Gianni Infantino, insgeheim die Arbeit seiner Regelhüter behindert und torpediert hat.

Die Football-Leaks-Dokumente belegen, wie er

  • einen befreundeten Oberstaatsanwalt begünstigte, der ihm umgekehrt gefällig war,
  • sich in den neuen Ethikkodex einmischte und ihn dadurch entschärfte,
  • im Projekt "Trophy", ein 25-Milliarden-Dollar-Projekt vorantrieb, obwohl er als Präsident sich nicht ins Tagesgeschäft einmischen darf,
  • intern Druck ausübte, so dass Geld regelwidrig im Voraus an Verbände ausgezahlt wurde,
  • gefügige Untergebene protegiert und Kritiker schasst.

Hier finden Sie den gesamten Artikel über Infantinos unrühmliche Rolle bei der Fifa auf SPIEGEL+.

Geldspritzen an allen Regeln vorbei

Minutiös zeichnen der SPIEGEL und das EIC zudem nach, wie Infantino noch als Uefa-Generalsekretär die Ermittler seines eigenen Verbands hinterging, um sich auf die Seite der Scheich-Klubs Manchester City (ManCity) und Paris Saint-Germain (PSG) zu schlagen.

Die beiden Vereine werden unverhohlen von autoritären Regierungen steinreicher Golfstaaten gesteuert. Unterlagen aus der Football-Leaks-Datensammlung beweisen auf mehreren Tausend Seiten,

  • wie ManCity und PSG jahrelang systematisch die Financial-Fair-Play-Regeln der Uefa gebrochen haben,
  • dass Infantino als Uefa-Generalsekretär vor der Übermacht aus Abu Dhabi und Katar einknickte und Manchester und Paris praktisch unbehelligt davonkommen ließ,
  • dass die Uefa nur eine Alibi-Strafe beschloss und die beiden Klubs nicht aus der Champions League warf, so wie sie es mit kleineren Vereinen getan hat
  • dass er sich - eigentlich zu strenger Neutralität verpflichtet - zu Geheimgesprächen mit den Clubbossen aus Paris und Manchester traf,
  • dass er den Vereinen verbandsinterne Informationen übergab und den Weg für "Settlements" bahnte, wozu er nicht befugt war,
  • dass er damit die eigenen Uefa-Kontrolleure systematisch hinterhing.

Man kann auch sagen: Infantino hat die Werte des Sports mit Füßen getreten, wie im ausführlichen Text hier auf SPIEGEL+ nachzulesen ist.

Die Enthüllungen, die der SPIEGEL und das Recherchenetzwerk European Investigative Collaborations nun veröffentlichen, gehen darum jeden an, der diese Branche mit Geld füttert, ob mit monatlich 5 Euro für Eurosport-Übertragungen, 10 für Dazn, 30 für Sky, 50 für ein Sitzplatzticket im Stadion oder 90 Euro für ein Trikot seiner Lieblingsmannschaft. Das Geld aus Marketingdeals und TV-Übertragungen, aber auch staatliche Geldspritzen haben zwielichtige Gestalten angelockt, die für sich selbst im Schatten vertraulicher Verträge horrende Provisionen aushandeln. Football Leaks wird einige von ihnen in die Öffentlichkeit zerren.

Doping, Rassismus, Spekulation

Ebenso zeigen die Enthüllungen der kommenden Wochen das ungeschminkte Gesicht des Fußballkapitalismus, der in weiten Teilen wie bei einer Spekulationsblase auf Pump funktioniert. Er breitet sich bis in Entwicklungsländer aus, um die Kontrolle über minderjährige Talente zu sichern und auf ihre Karriere wie am Aktienmarkt zu wetten.

Die Berichte der kommenden Wochen werden zudem den fragwürdigen Umgang mit dem positiven Dopingtest eines Weltstars offenlegen und die Steuervermeidungsmodelle von Premier-League-Größen.

Steuerhinterziehung hatten die Recherchepartner von SPIEGEL und EIC bereits bei der ersten Football-Leaks-Serie im Dezember 2016 offengelegt. Seitdem haben sich einige der größten Fußballstars der Geschichte zu ihrer Schuld bekannt, allein Cristiano Ronaldo muss nach den Enthüllungen 19 Millionen Euro an den spanischen Staat zahlen und hat zudem eine Haftstrafe von zwei Jahren auf Bewährung akzeptiert. Die bisherigen Football-Leaks-Veröffentlichungen haben Polizei-Razzien ausgelöst und die skrupellose Arbeit vieler Spielerberater deutlich erschwert.

Damals hatten es die europäischen Investigativjournalisten mit einem 1,9 Terabyte großen Datensatz und 18,6 Millionen Dokumenten zu tun. Mittlerweile ist der Bestand auf 3,4 Terabyte und über 70 Millionen Dateien angewachsen. Monatelang haben Rechercheure die Dokumente durchkämmt und nach Themen gesucht, Hinweise gesammelt und Indizien verknüpft. Sie haben sich auf einer verschlüsselten Online-Plattform und bei Konferenzen in Hamburg, Brüssel und Mechelen ausgetauscht. Die Rechercheergebnisse wurden mit Informationen vertraulicher Quellen ergänzt, und durch Reisen nach Ghana, Katar oder in die Schweiz geprüft. Wir Journalisten haben Experten und Betroffene interviewt, haben Beiträge geschrieben, gefilmt und animiert.

Jetzt zeigen wir Ihnen, wie es hinter der glänzenden Fußballfassade aussieht. Wenn Sie am Samstag ins Fußballstadion gehen oder die Bundesliga im Fernsehen schauen, dann vielleicht mit anderen Augen.

Das SPIEGEL-Team zu den Football Leaks:

Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Andreas Meyhoff, Nicola Naber, Jörg Schmitt, Alfred Weinzierl, Robin Wille, Christoph Winterbach, Michael Wulzinger

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