Nach der Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten ist ein Begriff in den Mittelpunkt der politischen Debatte gerückt, der Jahrzehnte vorher nur in der Peripherie existierte: Identitätspolitik. War die Fixierung auf die Rechte von Minderheiten schuld, dass die Demokraten die Wahl verloren hatten? Identitätspolitik war es aber auch, was Donald Trump selbst betrieb: der Appell an den verletzten Stolz einer weißen Mittel- und Unterschicht, die sich vergessen fühlte. 

Es ist die Einführung der Psyche und des Gefühls in die Politik: Ich fühle mich als ein bestimmtes, eng eingegrenztes Subjekt, und ich verlange, dass der politische Prozess das berücksichtigt. Das Bild, das jeder einzelne Mensch von sich selbst hat, ist möglicherweise stärker als jede andere politische Motivation. Die Betonung der Identitätspolitik zeigt sich bei der Linken in der Political Correctness, auf der anderen Seite im Rechtspopulismus. In jedem Fall führt sie zu Tribalismus, wie das in den USA seit Neustem genannt wird, zur Aufsplitterung der Gesellschaft in unzählige Untergruppen, die den demokratischen Prozess erschweren oder unmöglich machen.

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Francis Fukuyama:IdentitätWie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

Übersetzt von Bernd RullkötterHofmann und Campe Verlag; 240 Seiten; 22 Euro (gebunden)

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Identität
Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

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In der Identitätspolitik, so schreibt es jetzt der Politologe Francis Fukuyama in seinem gerade erschienenen Buch "Identität" (Hoffmann und Campe) liegt womöglich irgendwo der Kern der Probleme, denen alle westlichen Gesellschaften im Jahr 2019 gegenüberstehen, die Schwächung der Mitte, der Aufstieg der Extreme, die Empfänglichkeit für populistische Versprechen.

Francis Fukuyama ist natürlich nicht irgendein Politologe. Er ist derjenige, der den Sieg liberaler Demokratien gegenüber dem Kommunismus wenige Monate vor dem Fall der Berliner Mauer in einem Essay verhandelt hat. Das hat ihn sehr berühmt und zum einem Politologen mit einem hitverdächtigen Einzeiler gemacht: "Das Ende der Geschichte". Basierend auf einem hegelianischen Geschichtsverständnis meinte Fukuyama damit in einem Essay von 1989 den Endpunkt der großen ideologischen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Die liberale Demokratie westlichen Zuschnitts schien gewonnen zu haben. Zehn Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion erschütterten die Anschläge des 11. September diese Annahme, und nun bringt die Identitätspolitik die liberale Demokratie wieder ernsthaft in Gefahr.

Fukuyama, 66, ist Professor an der Stanford University in Palo Alto, Kalifornien. Es ist einer jener geschützten akademischen Institutionen, in der linke Identitätspolitik in ihrer heutigen Ausformung ihren Ursprung hat.

SPIEGEL: Professor Fukuyama, woher kam auf einmal diese Obsession mit unseren Identitäten?

Francis Fukuyama: In den letzten Jahren ist es zu einer entscheidenden Verschiebung gekommen. Im 20. Jahrhundert kreiste Politik grundsätzlich um wirtschaftspolitische Fragen. Materielle Versorgung schien das Wichtigste zu sein. Ob man rechts oder links war, definierte sich vor allem darüber, wie man die materielle Versorgung sicherstellen wollte.

SPIEGEL: Güterverteilung, Steuerpolitik, Arbeitsmarkt.

Fukuyama: Genau. Im 21. Jahrhundert ist etwas an deren Stelle getreten, das dem Menschen schon immer noch wichtiger war: seine Identität. Hautfarbe, Geschlecht, Religion oder sexuelle Orientierung. Die Zugehörigkeit zu einer feststehenden Gruppe bestimmt, wie jemand über Politik denkt. Oder überhaupt über Kultur.

SPIEGEL: Das Bedürfnis ist nachvollziehbar. Nur was hat es in der Politik zu suchen?

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