Korte, 49, ist leitender Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum der Universität München. Er hat es mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die auf unterschiedliche Weise mit ihrem Leben nicht zurechtkommen. An einem Montag im November möchte er über eine Gruppe von Patienten sprechen, die in den vergangenen Jahren "beunruhigend groß geworden" ist, wie er sagt. Korte meint Mädchen und Jungen, die transgender sind. Oder meinen, es zu sein.

Er setzt sich an den Schreibtisch in seinem Büro, vierte Etage, checkt noch schnell die Mails. Häufig schreiben ihm Eltern, die für ihr Kind einen Termin brauchen. Die Wartezeit beträgt bis zu ein Jahr. An der Wand hängt ein Bild des russischen Künstlers Kasimir Malewitsch, es zeigt ein schwarzes Rechteck und ein blaues Dreieck. Korte sagt, er möge die klaren Farben und Konturen. Korte ist Vater zweier Töchter.

SPIEGEL: Herr Korte, fast jeder redet darüber, aber was bedeutet das eigentlich genau, Transgender?

Korte: Der Begriff beschreibt eine Gruppe von Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde. Es sind zum Beispiel Männer, die sich als Frau fühlen und erleben. In der Medizin sprechen wir von "Geschlechtsinkongruenz". Geht dies mit einem Leidensdruck einher, ist die korrekte Bezeichnung "Genderdysphorie". Diese Differenzierung ist wichtig.

SPIEGEL: Sie behandeln seit 2004 in einer Spezialsprechstunde Kinder und Jugendliche "mit Störungen oder Besonderheiten in der sexuellen und geschlechtlichen Identitätsentwicklung". Was hat sich seither in der Gesellschaft verändert?

Korte: Wir erleben einen enormen Zulauf an Jugendlichen, die ihr Geschlecht "wechseln" wollen, die Hormone erhalten wollen, auch geschlechtsangleichende Operationen wünschen. Die Neuvorstellungsrate ist zuletzt deutlich gestiegen, nicht nur in Deutschland. "Transgender" ist unter Jugendlichen inzwischen sehr verbreitet. Vor 20 Jahren war es noch eine absolute Rarität, die wenigsten Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sind mit diesem Thema jemals konfrontiert worden. Vor 10 Jahren ging es dann los, mit einer Dynamisierung in den vergangenen 5 Jahren.

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Dieser Beitrag erschien zum ersten Mal in der SPIEGEL-Ausgabe 4/2019.
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